Europa-Garten

Mit Gelassenheit in die Zukunft

Die Europa-Union feiert in diesem Jahr ihr 75-jähriges Bestehen. Zum Europa-Tag wird im Syker Europa-Garten aus diesem Anlass eine neue Skulptur aufgestellt. Sie wurde von Mirsad Herenda geschaffen.
05.05.2021, 06:17
Lesedauer: 4 Min
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Von Sarah Essing

Syke/Bremen. Wer die Werkstatt von Mirsad Herenda in Bremen betritt, steht erstmal im Wald. Der Besucher steht vor mächtigen Stämmen, Äste in unterschiedlichen Stärken spreizen sich in alle Richtungen, und filigrane Zweige recken sich in die Höhe. Ein Stück weiter spannt sich ein Netz unter der Decke, in dem allerlei Vögel hocken. Sie zwitschern jedoch nicht, und auch kein Wind rauscht durch die Blätter des Waldes. Töne geben diese Bäume nur ab, wenn Musiker sie zum Klingen bringen, verrät der Künstler mit einem verschmitzten Lächeln. Um seine Worte zu unterstreichen, drückt er einen der filigranen Zweige nach unten und lässt ihn dann hochschnellen. Ein Summen schwebt durch die hohen Räume. Es verrät: Diese Bäume sind aus Metall. Aus Bronze, um genau zu sein, das bevorzugte Material des Malers und Bildhauers.

Sein neuestes Werk wird ab Donnerstag, 6. Mai, im Europa-Garten in Syke stehen. Kein Baum diesmal, aber ebenfalls aus Bronze: Europa und der Stier. Auftraggeber für diese Statue ist die Europa-Union Deutschland, die damit ihr 75-jähriges Bestehen feiert. Coronabedingt muss die Geburtstagsfeier in diesem Jahr wesentlich kleiner als geplant ausfallen. Dafür gibt es jedoch ein bleibendes Geschenk.

Der feierlichen Enthüllung voraus gingen viele Monate Arbeit. „Man muss monatelang recherchieren und trotzdem seinen eigenen Stil beibehalten“, sagt Mirsad Herenda. „Viele, viele“ Skizzen habe er zunächst angefertigt. Erste Entwürfe - auch Modelle aus Ton, Wachs und „einige sogar aus Bronze“ - legte er der Europa-Union vor. Gemeinsam mit den Auftraggebern wurden sie besprochen, diskutiert, verändert, angepasst, manches verworfen, anderes aufgenommen, ehe das Ergebnis Künstler wie Auftraggeber überzeugte. „Wir haben eine demokratische Lösung gefunden“, sagt Herenda. Vielleicht irgendwie passend für ein Kunstwerk, das symbolisch für ein Vorhaben wie die Europäische Union steht.

Dem Entwurf folgte zunächst eine Konstruktion aus Holz und Metall, dann eine aus Ton. „Ton ist gut“, sagt der Bildhauer. „Den kann man immer verändern.“ Diese Figur wurde in mehrere Teile zerschnitten. Aus den einzelnen Teilen wurden Formen aus Silikon geschaffen. Diese wurden wiederum mit Wachs ausgegossen, noch einmal überarbeitet und schließlich mit zwei Schichten Schamotte ausgegossen. Diese Formen wurden im Ofen drei Tage lang bei 650 bis 700 Grad Celsius gebrannt, ehe dann schließlich die Bronze gegossen wurde - bei 1200 Grad Celsius. Anschließend wurden die einzelnen Teile wieder zusammengefügt, geschweißt und ziseliert. Abschließend folgte die Patina.

Es ist ein sehr klassisches Motiv der Europa geworden: Auf einem kraftvoll ausschreitenden Stier sitzt eine junge Frau und wird von ihm getragen. Ihr Blick ist nach vorne gerichtet, mit beiden Händen hält sie sich an seinem Nacken fest. Sie blickt ernst, aber nicht ängstlich auf das, was da kommen mag. „Ein entführter Mensch ist nicht glücklich“, sagt Herenda mit Blick auf die Wahl des Gesichtsausdrucks der jungen Frau. Er ist sich der Ambivalenz dieses alten Mythos' sehr wohl bewusst. Doch die Frau ist jung, sie hat die Zukunft, das Leben noch vor sich. „Die griechische Mythologie ist universal“, sagt der Künstler. Die Götter schrecken vor nichts zurück und wenn ihnen langweilig ist, kommen sie auf dumme Gedanken. Doch letztendlich haben auch sie keinen Einfluss auf das Schicksal. Dem kann man nur begegnen, und da helfe es, wenn man entspannt bleibe, lautet seine Devise.

„Ich betrachte jede Sache, bis sie mir nahe kommt“, erläutert er. Das gelte in der Kunst, aber auch im Leben. „Wahrheit“ habe auch immer mit Erfahrungen und Erinnerungen zu tun, habe er festgestellt. Geboren noch in Jugoslawien begann er 1996 im bosnisch-herzegowinischen Sarajevo an der Hochschule für Kunst Bildhauerei zu studieren. „Der erste Jahrgang nach dem Krieg.“ Der Liebe wegen zog er nach Bremen. Und nahm dort erneut ein Studium auf. An der Hochschule der Künste belegte er das Fach Freie Kunst. Das sei ihm wichtig gewesen, betont er. Um die deutsche Moderne nicht nur betrachten, sondern tatsächlich begreifen zu können. Zeit sei dabei ein entscheidender Faktor, sich langsam zu bewegen, den Zeitgeist spüren. Dazu zählen für ihn auch Widersprüche - in der Zeit, zwischen Vernunft und Bauchgefühl. „Alles, was du gibst, bekommst du zurück. Alles, was du nimmst, verlierst du“, lautet seine Überzeugung. Das Leben als Resonanzprinzip.

Auch das spiegelt sich für ihn in diesem Mythos. Der Stier entführt Europa zwar, aber er beschützt sie auch. So hat die junge Frau allen Grund ernst, aber keineswegs ängstlich in die Zukunft zu blicken.

Info

Zur Sache

In der griechischen Mythologie ist Europa die Tochter des phönizischen Königs Agenor und seiner Frau Telephassa. Der Sage nach verliebte sich Zeus in sie. Da der Göttervater nicht gerade bekannt war für seine herausragende Triebkontrolle, hielt seine Gattin Hera wohlweislich stets ein wachsames Auge auf ihren Göttergatten. Er musste sich also etwas einfallen lassen, um der Prinzessin näher kommen zu können. Daher verwandelte er sich in einen Stier, ein besonders kräftiges, aber friedlich aussehendes Exemplar wie der römische Dichter Ovid betonte. So getarnt mischte er sich unter eine Herde Rinder, die sein Bote Hermes in die Nähe der am Strand von Sidon - im heutigen Libanon - spielenden Europa trieb. Angezogen von der Schönheit des Tieres spielte sie mit ihm, fütterte und streichelte ihn ehe sie sich traute auf seinen Rücken zu steigen. Daraufhin stieg Zeus in seiner Stiergestalt ins Wasser und schwamm mit der Königstochter auf seinem Rücken bis nach Kreta. Dort legte er seine Stiergestalt ab und offenbarte sich ihr. Was daraufhin geschah, lassen die zahlreichen Versionen dieser Geschichte offen. Bekannt ist lediglich, dass Europa Zeus drei Söhne gebar: Minos, Radamanthys und Sarpedon. Später heiratete sie den kretischen König Asterios, wurde Königin von Kreta und schließlich Namensgeberin eines ganzen Kontinents.

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