Die Letzten ihrer Art

Ewiger Affenstreit: Zirkus weiter mit Schimpanse unterwegs

Klaus Köhler stritt jahrelang vor Gerichten gegen Tierrechtler und gewann. Nun tingelt er weiter mit Robby, dem wohl letzten Menschenaffen in einem deutschen Zirkus, durchs Land. Ein Besuch in Delmenhorst.
11.10.2019, 21:01
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Ewiger Affenstreit: Zirkus weiter mit Schimpanse unterwegs
Von Nico Schnurr
Ewiger Affenstreit: Zirkus weiter mit Schimpanse unterwegs

Sie haben gestritten, ein Affenzirkus vor Gerichten. Inzwischen ist klar: Robby, der wohl letzte Menschaffe in einem deutschen Zirkus, darf bei Klaus Köhler bleiben.

Martina I. Meyer

Am Morgen vor der ersten Vorstellung stapft Zirkusdirektor Klaus Köhler mit einer Plastiktüte voller Äpfel unterm Arm über eine matschige Wiese am Rand von Delmenhorst, vorbei an der Manege des Circus Belly, hin zu einem umgebauten Zirkuswagen, in dem sein Schimpanse haust. „Robby, Papa sein Junge, komm’ doch mal her, wo bist du denn?“, ruft Köhler, und der Affe wackelt grunzend ans Fenster. Köhler zieht die Tür zum Wagen auf, dann stehen sie nebeneinander, getrennt durch ein Metallgitter. Rechts der Mensch, links, knöcheltief im Stroh, der Menschenaffe, „mein siebtes Kind“, sagt Köhler. Der Schimpanse beißt vom Apfel ab, Köhler streckt die Hand durchs Gitter, streicht dem Tier Stroh von der Stirn und sagt: „Hier bleibt der Robby jetzt, hier hat er es am besten.“

Ob das wirklich so ist, darüber ist vor Gerichten gestritten worden, jahrelang. Darf Robby, der als letzter Menschenaffe in einem deutschen Zirkus gilt, bei Köhler bleiben? Oder muss er nach 43 Jahren bei der Zirkusfamilie zu Artgenossen ziehen, mit denen er nach seinem Affenleben unter Menschen im Grunde nicht mehr viel gemein hat? Seit knapp einem Jahr ist klar: Robby darf bleiben. So hat es das Oberverwaltungsgericht Lüneburg entschieden. Köhler denkt damals kurz, er wäre nun durch damit: Klagen, Gegenklagen, Gutachten, Petitionen, Demos. Kommt natürlich anders. Schließlich ist der Schimpanse für manche zu einem Symbol geworden für alles, was falsch und irgendwie rückständig läuft in deutschen Manegen, Urteil hin, Urteil her. Und so schlägt die Tierrechtsorganisation Peta jedes Mal wieder Alarm, wenn Köhlers Zirkus in irgendeiner deutschen Kleinstadt Halt macht, und fordert: „Freiheit für Robby!“ Und wenn die schon nicht zu haben ist, dann wenigstens ein größeres Gehege.

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Dort, am Gitter, steht Köhler nun, ein kleiner, rundlicher Mann, 71 Jahre alt, der sich erst über seinen Schnäuzer und die zurückgelegten Haare fährt, dann wild mit dem Kopf schüttelt. Er hatte schon geahnt, dass diese Fragen kommen. Er muss sie ja immerzu beantworten, wenn er sich mit Reportern in den alten Zirkuswagen drängt. Sind diese etwa 60 Quadratmeter, samt Außenbereich, einem Stuhl, einigen Seilen und Bällen, aber ohne echte Artgenossen, sind die genug für Robby? Wären nicht 200 Quadratmeter angemessener, wie Experten meinen? Oder gar 400, wie Peta nun fordert? „Die hören einfach nicht auf, dabei haben die doch gar keine Ahnung.“ Köhler lobt noch die Fitness seines Affen („Was für eine Verfassung, dabei ist er altersmäßig schon ein Opa!“), dann schickt er ein paar derbere Sätze in Richtung der Tierrechtler hinterher und läuft dabei rot an im Gesicht. Er versteht das alles nicht, die Empörung, die Demos. „Diese Leute werden nie kapieren, dass der Robby zu uns gehört.“

Von der Mutter verstoßen

Der Affe wird in einem Zoo geboren, die Mutter verstößt ihn. Er ist drei Jahre alt, als Köhler ihn kauft. Der Schimpanse wächst mit den sechs Kindern der Familie auf. Er sitzt in Pampers am Tisch, bekommt seine Milch aus einem Glas und sein Brot mit Nutella beschmiert. Später übt er Handstand und fährt im Anzug auf einem Roller durchs Zirkuszelt. Köhler fasst dieses Affenleben so routiniert zusammen, als sei das alles sehr selbstverständlich. Und für ihn ist es das ja auch.

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Der Zirkusdirektor führt in einen Wohnwagen. Seine Frau würfelt dort gerade Zwiebeln auf der Küchenzeile, in der Ecke pluckert ein Gasofen vor sich hin. Darüber hängen gerahmte Fotos, Szenen aus einem Leben in der Manege: Köhler in Direktorenjacke neben Löwen, die Tochter kopfüber am Seil, der Sohn mit einem Alligator im Arm. Auch der Krückstock von Köhlers verstorbener Mutter haftet an der Wand, „eine Seiltänzerin, eine Artistin, wie alle bei uns“, sagt Köhler. Seit 350 Jahren zieht die Familie durchs Land. Auch Köhler steht schon als Kind in der Manege. Im Winter, wenn der Zirkus Rast macht, tingelt er damals durch Hafenkneipen und turnt Seemännern etwas vor, ein paar Groschen für einen Salto, kein schlechtes Geschäft. Köhler hüpft und hangelt sich noch eine Weile durch Zirkuszelte, bis er glaubt, sein eigentliches Talent gefunden zu haben. Er ist noch ein Jugendlicher, als er an zwei Bären kommt, die er später, „wirklich wahr“, auf Pferden durch die Manege reiten lässt. Es folgen mehrere Löwen und Tiger, dann kommt Robby.

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Auf den Fotos an der Wand aus dieser Zeit sieht man keine freien Plätze im Publikum. Der Zirkus mit seinen gefährlichen Tieren, damals ist er noch ein Versprechen auf einen Abend in einer anderen, aufregenden Welt. Lange her. „Die Zeiten sind andere“, sagt Köhler. „Heute haben die Leute ihren Zirkus auf dem Handy.“ In Delmenhorst hat er bloß die eine Hälfte der Tribüne aufgebaut. Ganz gefüllt war das Zelt schon länger nicht mehr, alles nicht so einfach. Und dann ist da ja auch noch dieser ewige Affenstreit.

Im November, am Tag, als das Urteil verkündet werden soll, haben sich Tierrechtler und Fernsehteams vor dem Oberlandesgericht versammelt. Die Kameras filmen die Plakate der Aktivisten und einen großen Käfig, den sie dabei haben. Darin sitzt eine Person, die als Affe verkleidet ist. Sie trägt ein Sträflingshemd und hält ein Schild in der Hand: „Unschuldig eingesperrt.“ Trifft das auf den Affen zu, der seit Jahrzehnten bei Köhler lebt?

Robby füttert einen Hund

Köhler stiefelt wieder durch den Delmenhorster Herbstmatsch, nun geht er zu seinem Auto. Er will zeigen, wie gut es der Affe wirklich bei ihm hat. Eben hat er auf seinen Smartphone ein Video vorgeführt, auf dem zu sehen ist, wie vorsichtig Robby mit Köhlers kleinem Enkel spielt. Reicht Köhler noch nicht. Er hat da noch mehr auf Lager. Köhler kriecht kurz über die Rückbank seines Wagens, dann kramt er eine Karte hervor, darauf vier Bilder: Robby füttert einen Hund. Robby bekommt Malen erklärt. Robby tuscht ein Bild. Robby umarmt den Zirkusdirektor.

Die Bilder hat Köhler auch vor Gericht dabei. Er hält sie hoch, vergangenen November in Lüneburg, und er sagt dazu, dass man sich täglich vier Stunden mit Robby beschäftige, keine Minute weniger. Artgerecht gehalten werde der Schimpanse dennoch nicht, erläutert der Vorsitzende Richter später. Eigentlich bewegten sich Schimpansen „in kleinen, umherstreifenden Gruppen“, und Robby lebe nun mal seit Jahrzehnten bei Köhler. Nicht so richtig normal für einen Affen. Nur logisch, dass er unter Verhaltensstörungen leide. Ihn aber wegzugeben, etwa in eine Art Affenheim in den Niederlanden, nach einem Leben unter Menschen hin zu den unbekannten Artgenossen, das, sagt der Richter, sei wirklich „nicht verhältnismäßig“.

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Ein knappes Jahr später steht Köhler im Delmenhorster Regen und nickt. Richtige Entscheidung, so sieht er das, klar. „Der Robby spricht die Sprache der Affen gar nicht.“ Und dieses Auffanglager für Schimpansen in den Niederlanden, das sei doch ein „Alcatraz für Affen“, sagt Köhler. „Da hätte der Robby nicht lange überlebt.“ Bei ihm werde der Affe nun vielleicht 70, wenn nicht noch älter.

Ein letzter Rundgang über den Zirkusplatz, vorbei an Pferden und Kamelen, noch einmal Richtung Robby. Dem Affen im Altersruhestand, der in Delmenhorst nur kurz durch die Manege wackeln wird. Würde er das heute wieder tun, einen Schimpansen kaufen? Köhler winkt ab. „Nicht mehr machbar.“ Er ahnt: Sie bleiben wohl die Letzten ihrer Art. Dann muss er los, „zu meinem Artgenossen“, sagt der Mensch, bevor er im Gehege des Menschenaffen verschwindet.

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