Worpswede Exotische Klangfarbenmalerei für Anspruchsvolle

Worpswede. Am Freitagabend verschmolzen in der Bötjerschen Scheune, Orient und Okzident musikalisch auf höchstem Niveau. Der international anerkannte Bremer Jazz-Trompeter Ulrich Beckerhoff gab mit dem aus der Türkei stammenden Percussionisten Mustafa Boztuey und dem brasilianischen Gitarristen Joao Nogueira eine Konzertpremiere, die bei den Besuchern nachklingen wird.
16.06.2014, 00:00
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Von Gudrun Scabell

Am Freitagabend verschmolzen in der Bötjerschen Scheune, Orient und Okzident musikalisch auf höchstem Niveau. Der international anerkannte Bremer Jazz-Trompeter Ulrich Beckerhoff gab mit dem aus der Türkei stammenden Percussionisten Mustafa Boztuey und dem brasilianischen Gitarristen Joao Nogueira eine Konzertpremiere, die bei den Besuchern nachklingen wird. Erstmals spielten die Drei in dieser ungewöhnlichen Besetzung. Und begeisterten das Publikum mit ihrer Professionalität, ihrem Improvisationsvermögen und ihrer instrumentalen Ausdruckskraft. Schon der Einstieg in den Abend ließ aufhorchen: die Trompete Uli Beckerhoffs begann mit einer orientalisch anmutenden Weise, die nach geraumer Zeit die Trommeln Mustafa Boztueys aufnahm und in ein rhythmisches Feuerwerk verwandelte. Anschließend übersetzte die Gitarre Joao Nogueiras diese Rhythmen in eine liedhafte Melodie. Und das sollte dann den Abend über so bleiben: Dieses sich aufeinander Einstimmen, Einfühlen und bisweilen im instrumentalen Solo zu sich selbst Finden. Doch dieses war eher Beiwerk, denn das Miteinander hatte Vorrang, für das Publikum sichtbar und spürbar in der unbändigen Spielfreude der drei Instrumentalisten.

Der Rhythmusgeber war Mustafa Boztuey, ein Naturtalent auf der Darbouka, dem Bendir und dem Udu, allesamt uralte Schlaginstrumente aus der Region des Nahen Ostens und aus Afrika. Schon als Kind hatte er begonnen, sich auf diese Weise auszudrücken, um es dann zunehmend zu perfektionieren und schließlich zu seiner Profession zu machen. Er trommelt bei den Dresdnern Sinfonikern ebenso wie in verschiedensten Jazz-Formationen oder in der Band der international beachteten türkischen Sängerin Sezen Aksu. Seine Auftrittsorte reichen von der legendären Carnegie Hall in New York nun bis hin zur historischen Bötjerschen Scheune in Worpswede, die sich wieder einmal als ein vorzüglicher Konzertsaal erwies. Nicht zuletzt deshalb, weil Musiker und Publikum in der hohen, hellen Halle ausreichend Platz finden und sich beide Seiten dennoch hautnah spüren können. Der berühmte Funken springt sofort über.

Ein sich gegenseitiges, spontanes Befeuern konnte das Publikum an den Darbietungen Mustafa Bozteys und Joao Nogueiras‘ erleben. Die beiden Musiker schaukelten sich aneinander hoch, und bei dem temperamentvollen Brasilianer entlud sich die innere Anspannung nicht selten in einem befreienden Lachen. Er war der vokale Part des Abends, der auch mit dem Scat-Gesang experimentierte. Selbst Uli Beckerhoff, der den Abend mit leisem Humor moderierte, kam zu dem Schluss: „Das ist unglaublich, was die beiden da veranstalten.“

Sie kennen sich seit Jahren, zusammen gespielt aber haben sie an diesem Abend zum ersten Mal. Als einer der beiden künstlerischen Leiter der Jazzahead in Bremen war Uli Beckerhoff dem türkischen Percussions-Virtuosen im Jahre 2011 auf der weltweit größten Jazzmesse erstmals begegnet. Den brasilianischen Gitarristen, Komponisten und Sänger kennt er von der Folkwang Universität für Künste Essen, wo jener Jazzgitarre studierte und Beckerhoff eine Professur für Jazztrompete inne hatte.

Für das Worpsweder Konzert hatten die drei Vollblutmusiker nur ein einziges Mal geprobt, am Tag zuvor. Alles andere basierte auf Können, Erfahrung, Intuition und Improvisation. Eben das, was professionelle Musiker ausmacht. So war ihre Musik eine Melange aus traditionellem Jazz, orientalischer Rhythmik und brasilianischen Einflüssen aus Bossa Nova und Samba. Wobei das orientalische Element für abendländische Musiker gewöhnungsbedürftig ist, da es von den so genannten „Vierteltönen“ bestimmt wird. Beckerhoff, selbst mit einer Türkin verheiratet, kommentierte diese Besonderheit scherzhaft: „Die Türken haben so krumme Rhythmen.“ Wollte man das Konzert als ein Gemälde beschreiben, müsste man Mustafa Boztuey mit seiner brillanten Rhythmus-Palette die Grundfarben zugestehen und der Gitarre Joao Nogueiras die Konturen, die er zupfend herausarbeitete. Uli Beckerhoffs Trompete hingegen setzte in diese Komposition die Farbtupfer und Lichtpunkte. Alles in allem ein farbintensives Tongemälde.

Am Ende dieses musikalischen Feuerwerks wandte sich der Meistertrompeter mit der Frage „Sollen wir weiter machen?“ an die Zuhörer in der voll besetzten Scheune. Die Antwort war ein spontanes, chorartiges „Ja“, von tosendem Beifall begleitet.

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