Interview mit Andreas Bettray „Viele Menschen steigen aufs Auto um“

Der gewerbliche Verkehr nimmt ab, gleichzeitig steigt der Individualverkehr auf den Fähren: Immer mehr Menschen nehmen aus Angst vor Infektionen wieder das Auto. Das beobachten die Fährmitarbeiter der FBS.
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
„Viele Menschen steigen aufs Auto um“
Von Patricia Brandt

Herr Bettray, im März haben Sie wegen der Corona-Krise einen hohen Rückgang der Pendlerzahlen festgestellt und den Betrieb der Fähren zurückgefahren. Inwiefern hat sich die Pandemie in den vergangenen Monaten in den Beförderungszahlen niedergeschlagen?

Andreas Bettray: Die Corona-Pandemie hat die globale Wirtschaft schwer getroffen und natürlich auch uns. Wenn ich den Managementreport per 30. September 2020 an unsere Gesellschafter zugrunde lege, betrug der Beförderungsrückgang im März 24 Prozent, im April 40 Prozent und im Mai 29 Prozent. Ab dem Monat Juni verlangsamte sich der Negativtrend und betrug nur noch 16 Prozent, im Juli 21 Prozent im August 17 Prozent und im September sechs Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres. Wenn wir die wirtschaftlichen Auswirkungen von Januar bis September darstellen, hatten wir bei den Fahrgeldeinnahmen ein Minus von 702.000 Euro. Die Entwicklung insbesondere ab September stimmt mich aber zuversichtlich, dass sich der Negativtrend „nur“ noch im einstelligen Bereich weiterentwickeln wird.

Dann mussten Sie zwischenzeitlich Kurzarbeitergeld für Ihre Mitarbeiter beantragen?

Eine Vereinbarung zum Kurzarbeitergeld haben wir bereits zum 31. März mit dem Betriebsrat getroffen. Insgesamt haben wir 91.000 Euro erhalten. Ab 1. August wurde das Kurzarbeitergeld wieder ausgesetzt.

Lesen Sie auch

Nun steigen die Fallzahlen stark an – was heißt das für den Fährbetrieb?

Die Coronavirus-Pandemie ist für unseren Fährbetrieb ein Stresstest. Die Auswirkungen beschäftigen uns in erheblichem Maße und müssen jeden Tag neu bewertet werden, um den sich verändernden Situationen sinnvoll und mit Augenmaß zu begegnen. Der Dynamik der Krise sind wir seit dem 23. März mit insgesamt sieben Fahrplanänderungen begegnet. Anfang der Woche haben wir im Rahmen unserer „Fähr-Play-Aktion“ mit Maske tragen auch ein Rauchverbot auf den Fähren ausgesprochen, weil sich Corona-Schutzregeln und Rauchverhalten nicht in Einklang bringen lassen. Wenn wieder mehr Leute im Homeoffice arbeiten, mit daraus resultierendem Beförderungsrückgang, werden wir auch wieder über Kurzarbeit und eine Anpassung des Beförderungsangebotes nachdenken müssen, um den Fährbetrieb wirtschaftlich angemessen durch die Krise zu bringen.

Schon 2019 haben Sie rund 200.000 Euro Umsatz durch rückläufige Beförderungszahlen eingebüßt. Mehr als 30.000 Autos und 120.000 Fußgänger weniger nutzten die Fähren. Wie steht es insgesamt um die Finanzen der Fähren?

Ohne die Sorgen um die Zukunft herunterzuspielen, ist FBS ein solide aufgestelltes Unternehmen. Aufgrund der getätigten Ersatzinvestitionen in drei neue Fährschiffe seit 2011 haben wir keinen Investitionsstau. Die Mindereinnahmen von aktuell 700.000 Euro schmerzen natürlich, aber der Ehrlichkeit halber müssen wir auch Kosteneinsparungen und die Zahlung des Kurzarbeitergeldes gegen rechnen. Zum Beispiel sind die Ölpreise am internationalen Rohölmarkt sehr stark unter Druck geraten, sodass sich die Einkaufsbedingungen für Treib- und Schmierstoffe deutlich verbessert haben, wodurch wir 150.000 Euro, Stand 30. September, eingespart haben. Die geringere Inanspruchnahme unserer Fährschiffe und Fähranlagen ist mit reduzierten Reparaturaufwendungen und Einsparungen von 300.000 Euro verbunden.

Lesen Sie auch

Vergangenes Jahr hatten Sie im Zusammenhang mit Bauarbeiten im Zuge der geplanten Küstenautobahn und einer eingeschränkten Nutzung des Wesertunnels noch eine hohe Auslastung für Ende 2020 erwartet …

In diesem Jahr haben wir keinen Beförderungszuwachs durch Störungen im Straßenverkehrswegenetz mit daraus resultierenden Verkehrsverlagerungen auf unsere Fährverbindungen. Die für 2020 geplanten Arbeiten im Wesertunnel zwischen Kleinensiel und Dedesdorf sind auf 2023 verschoben worden. Eng verbunden ist unsere wirtschaftliche Entwicklung natürlich mit der Situation der Firmen in unserem Einzugsbereich. Dabei kommt der Werftindustrie als besonderer regionaler Wirtschaftsfaktor natürlich eine wichtige Bedeutung zu, wie auch Thyssen-Krupp in Farge und dem Stahlwerk. In diesem Bereich stellen wir einen Rückgang der gewerblichen Verkehre fest. Zeitgleich registrieren wir aber eine Zunahme des Individualverkehrs. Da sich viele Menschen derzeit wegen Corona im ÖPNV nicht sicher fühlen, steigen sie aufs Auto um und nutzen vermehrt unsere Fährverbindungen. Es sind deutlich mehr Pendler unterwegs sind, die allein im Auto sitzen und dem Infektionsrisiko aus dem Weg gehen wollen. Insofern stellen wir in diesem Beförderungssegment Corona-bedingt einen Zuwachs fest.

Sobald der westliche Wesertunnel der A 281 fertiggestellt ist, werden Ihnen jedoch weitere Einnahmen wegbrechen…

Keine Frage, zeitgleich mit der Inbetriebnahme des Wesertunnels werden sich die Verkehrsströme neu ordnen, zumal der Tunnel mautfrei sein wird. Das hat zwangsläufig Auswirkungen auf unseren Fährbetrieb. Dieses Szenario ist mir aber nicht unbekannt, da ich mit solchen Situationen Erfahrung habe. Als der Wesertunnel zwischen Kleinensiel und Dedesdorf im Januar 2004 in Betrieb genommen wurde, war ich als Geschäftsführer für die Anpassung des Fährbetriebes zuständig. Eine Fährstelle konnte einem neuen Betreiber übertragen werden, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mussten in andere Jobs vermittelt werden, Fährschiffe und Fähranlagen verkauft werden. So existenziell wird es FBS aber nicht treffen. Treffen wird es insbesondere die Fährstelle Vegesack-Lemwerder, die immerhin 50 Prozent unseres Beförderungsvolumens ausmacht. 2019 haben wir dort 965.000 Pkw und Lkw und 2,6 Millionen Fußgänger und Fahrradfahrer befördert. Insbesondere letztere, Fußgänger und Fahrradfahrer, bleiben uns aber auch nach der Inbetriebnahme des Tunnels als Fährkunden an der Fährstelle Vegesack-Lemwerder erhalten.

Lesen Sie auch

Die Freidemokraten haben bereits vorgeschlagen, an der Fährstelle Vegesack-Lemwerder eine reine Personen- und Fahrradfähre einzusetzen.

Dahin gehen auch unsere Überlegungen: eine Autofähre herausnehmen und eine reine Personen- und Fahrradfähre neu einsetzen. Ziel ist, den Fährbetrieb auf die Inbetriebnahme des Wesertunnels mit zeitgleich einbrechender drastischer Beförderung vorzubereiten. Dabei haben wir aber eine deutlich bessere Ausgangslage als Unternehmen, die von Konjunkturschwankungen oder ganz konkret der Corona-Krise betroffen sind. Wir haben Planungssicherheit: 2024 soll der Tunnel in Betrieb genommen werden. Wir wissen, dass er kommt – früher oder später – und werden den Fährbetrieb auf die neuen Rahmenbedingungen vorbereiten. Das sind wir insbesondere unseren Fährkunden und unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern schuldig und das sehe ich als ganz besondere und sehr verantwortungsvolle Herausforderung.

„Klimaneutrale Mobilität“ – wie sehr können die Fähren hier profitieren? Eine kostenlose Nutzung der Fähren, wie unter anderem ADFC in Bremen-Nord und BUND gefordert haben, ist inzwischen politisch abgelehnt worden. Die FDP hält weiterhin kostenlose Überfahrten für Fußgänger und Radler für prüfenswert. Wie ist Ihre Haltung dazu?

Die kostenlose Nutzung der Fähren für Fußgänger und Fahrradfahrer ist eine politische Forderung. Das sehe ich leidenschaftslos. Als Geschäftsführer bin ich verantwortlich für die Wirtschaftlichkeit. Wenn Fährkunden kostenfrei befördert werden sollen, erhalte ich eine klare Ansage des Aufsichtsrates oder der Gesellschafter. Die Gegenfinanzierung der Einnahmeausfälle wird dann zwangsläufig Thema sein.

Der nächste Lockdown ist beschlossen. Wie wahrscheinlich ist eine drastische Erhöhung des Ticketpreises 2021?

Wir haben im Corona-Jahr die reduzierte Mehrwertsteuer an unsere Fährkunden weitergegeben, was nicht alle Unternehmen gemacht haben. Aktuell gehe ich davon aus, dass der Fährtarif auch 2021 stabil bleibt, abgesehen von der Anpassung der Mehrwertsteuer.

Das Interview führte Patricia Brandt.

Info

Zur Person

Andreas Bettray (63) gelernter Industriekaufmann und studierter Diplom-Kaufmann (FH), ist seit 2002 Geschäftsführer der Fähren Bremen-Stedingen GmbH (FBS). Er lebt mit Frau und Kindern in Oldenburg.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+