Niederdeutsches Theater Delmenhorst

Fein herausgespielt mit viel Gefühl

Eine gelungene Premiere feierte am Wochenende das stück „Tiet to leven“ vom Niederdeutschen Theater Delmenhorst. Das Spiel überzeugte dabei mit viel Gefühl und Gänsehautmomenten.
14.10.2018, 16:29
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Von Heide Rethschulte
Fein herausgespielt mit viel Gefühl

Torsten Wieting, Martina Brünjes und Tammo Albers (von links) begeisterten das Publikum am Sonnabend im Kleinen Haus.

Birgit Gödeker

Zuschauer, die nicht mehr aufhören wollten zu jubeln und ein Ensemble, das von diesem Applaus total überwältigt war: Das Niederdeutsche Theater (NTD) startete am Sonnabend im Kleinen Haus mit einer zu Recht ungewöhnlich lange umjubelten Premiere in die neue Spielzeit. Mit der Auswahl der Komödie „Tiet to leven“ und der Verpflichtung von Berufsregisseur Ulf Goerges sind den Verantwortlichen gleich zwei Glücksgriffe gelungen.

Der NTD-Ehrenvorsitzende Hans Rosenboom brachte die Sache auf den Punkt: „Das war eine ganz feine Inszenierung.“ Wobei dem Wort „fein“, das auch ein rundum zufriedener Ulf Goerges in seiner Nachbetrachtung verwendete, eine besondere Bedeutung zukam. Der Profiregisseur aus Oldenburg hatte mit den fünf Schauspielern erfolgreich an Nuancen gearbeitet und das machte letztlich den großen Publikumserfolg aus.

„Tiet to leven“ ist ein sehr vielschichtiges Stück. Da wurde am Sonnabend immer wieder herzhaft gelacht, vor allem wenn Horst Mahlstedt in der Rolle des an Demenz erkrankten Opa Hinrich auf die Bühne kam. Da gab es aber auch echte Gänsehautmomente und Szenen, in denen die Spieler das Publikum so in ihren Bann zogen, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Wie vom NTD-Vorsitzenden Dirk Wieting in der Begrüßung versprochen, sah das Publikum „ganz, ganz viel Gefühl“, und doch war es keine rührselige Geschichte.

Dafür hatte Autor Michael Wempner, der für sein 2015 uraufgeführtes Stück bereits 2014 den Konrad-Hansen-Autorenpreis bekommen hatte, zu viele unterschiedliche Themen verarbeitet. Da ging es neben dem bereits erwähnten Thema Demenz auch differenziert betrachtet um Organspende, um Trauerbewältigung, um Toleranz in einer Mutter-Tochter-Beziehung, um die Zukunft eines jungen Menschen und um hinterhältige Geschäftsgebaren. Obwohl so viele Themen angesprochen wurden, fühlte man sich als Zuschauer nicht erschlagen. Im Gegenteil, man wollte wissen, wohin sich die Geschichte entwickelt, die – mehr sei hier nicht verraten – unerwartet endet.

Für das Ensemble war dieses Stück keine leichte Aufgabe, doch es bewältigte sie unter der feinfühligen Führung von Ulf Goerges mit einer Souveränität und Klasse, die wieder einmal deutlich machte, welches Niveau sich die plattdeutschen Schauspieler mittlerweile erarbeitet haben. Goerges war mit dem Anspruch angetreten, die Spielerinnen und Spieler dahin zu führen, dass „sie auf der Bühne Menschen und keine Kunstfiguren zeigen“. Diese Vorgabe wurde meisterhaft umgesetzt. Jeder Charakter wurde nahezu filigran in Mimik und Bewegung und doch natürlich dargestellt.

Für das heitere Element war Horst Mahlstedt als Opa Hinrich zuständig. Der ehemalige Hobbyimker, stilecht in ein geringeltes Biene-Maja-Shirt gekleidet, brachte seine Situation auf den Punkt: „Die denken, ich bin mall. Das stimmt aber nicht. Ich vergess' bloß manchmal was. Die Gedanken gehen flöten“, erklärt Hinrich Martin Mertens, der als Wirtschafter im Hause Bergkamp angestellt ist. Mahlstedt gab den Demenzkranken mit einem derart mitreißenden Charme, dass man ihn einfach liebhaben musste. Zudem hatte Goerges Mahlstedt dazu gebracht, sich für seine Auftritte Zeit zu nehmen, um die Pointen wirken zu lassen. Bei allem Spaß wurde die Krankheit aber nicht verharmlost.

Für das böse Element war Tammo Albers in der Rolle von Philipp Bergkamp zuständig. Nach dem Unfalltod seines Bruders führt er, der sich immer zurückgesetzt gefühlt hatte, den Familienbetrieb, eine Maschinenbaufirma. Ein Drittel der Anteile gehört ihm, ein Drittel Anna, der Frau des Verstorbenen und ein Drittel dessen Tochter Verena. Also braucht Philipp immer Annas Zustimmung. Die erschleicht er sich mal mit Schmeichelei und mal mit Druck. Im Verlauf des Stückes führte Albers die Figur gekonnt auf eine immer negativere Schiene. Sein diabolisches Lachen im ersten Teil ließ schon erahnen, dass Philipp mitnichten zu den Guten gehört.

Für das frische Element sorgte Pia Korona als Verena. Goerges ließ das Nachwuchstalent auf Rollerblades ins Geschehen eingreifen, was das Schwungvolle noch unterstrich. Verena hat sich dem Wunsch ihres verstorbenen Vaters untergeordnet und studiert Maschinenbau, um die Firma einmal übernehmen zu können. Glücklich ist sie mit ihrem Studium aber nicht. Korona gelang es, die vielen Facetten ihrer Figur, zu der auch die Entlastung der Mutter bei der Pflege des Opas gehörte, zu zeigen. Das NTD darf sich glücklich schätzen, so ein Talent aus dem eigenen Nachwuchs in den Erwachsenenbereich integrieren zu können.

Zu großer Form lief Martina Brünjes als Witwe Anna Bergkamp auf. Zusammen mit Torsten Wieting als Martin Mertens sorgte sie einerseits für Gänsehautmomente, vollzog aber auch überzeugend die Entwicklung von der Witwe, die in Trauer zu versinken droht, hin zu einer wieder selbstbewussten Frau, die ihrem Schwager, zur hörbaren Freude der Zuschauer, klar die Grenzen aufzeigt.

Torsten Wieting schließlich, der am Anfang, nachdem er von Philipp angefahren worden war, seinen Vornamen Martin so herrlich mit dem Klagelaut „aaaah“ verband, war auf der einen Seite der sympathische Mann, der so gut mit Opa Hinrich umgehen kann und auf der anderen Seite ein zweifelnder Mensch, der nach einer schweren Krankheit erst wieder seinen Weg finden muss.

Der stehende Applaus und der Jubel zeigten, wie zufrieden die Zuschauer waren. Fazit: Ein sehenswertes Stück.

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