Direktverbindungen nach Dresden und Leipzig

Fernbus-Boom erreicht Schwanewede

Die Öffnung des Marktes für Fernbusse bescherte den Anbietern im vergangenen Jahr einen Fahrgast-Boom. Auf innerdeutschen Strecken hat sich die Zahl der Passagiere mit 6,7 Millionen mehr als verdreifacht.
14.10.2014, 00:00
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Von Alexander Bösch
Fernbus-Boom erreicht Schwanewede

Reisen mit Fernbussen werden in Deutschland immer beliebter, die Unternehmen verzeichnen erhebliche Zuwachsraten. Im vergangenen Jahr ließen sich 6,7 Millionen Fahrgäste befördern.

Christina Kuhaupt

Die Öffnung des Marktes für Fernbusse bescherte den Anbietern im vergangenen Jahr einen Fahrgast-Boom. Auf innerdeutschen Strecken hat sich die Zahl der Passagiere mit 6,7 Millionen mehr als verdreifacht. Vom kommenden Monat an sind auch Fahrten von Schwanewede nach Dresden und Leipzig möglich.

Am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) in Bremen in den Bus steigen und sich direkt nach Berlin, Köln oder in eine andere deutsche Metropole fahren lassen: Eine Möglichkeit, die noch vor zwei Jahren undenkbar war. Seitdem Anfang 2013 der Markt für Fernbusse auf Strecken von mehr als 50 Kilometern geöffnet wurde, schossen die Anbieter wie Pilze aus dem Boden. Vor dieser Gesetzesänderung bestanden zum Schutz der Deutschen Bahn deutlich weniger innerdeutsche Linienbusverbindungen.

Neben den Marktführern „Mein Fernbus“ und „Flixbus“ buhlen inzwischen Anbieter wie „Matzes Minibus“, „Cuxreisen“, „Dein Bus“ oder „Orange Ways“ um Kunden. Auch der Postbus des ADAC und die Deutsche Bahn mischen in diesem einträglichen Geschäft mit. Bereits im ersten Jahr nach der gesetzlichen Freigabe verzeichnete der Bus-Boom laut Statistischem Bundesamt mit 6,7 Millionen Fahrgästen ein Plus von 180 Prozent.

Bislang schauten potenzielle Fahrgäste aus kleineren Ortschaften und Gemeinden jedoch oft in die Röhre. Auch rund um Bremen. Gregor Hintz, Pressesprecher von „Mein Fernbus“, führt für die Konzentration auf große und mittelgroße Städte Gründe wirtschaftlicher Effizienz an. „Jeder neue Stopp bedingt eine Fahrtverlängerung, wenn die Busse in kleinere Orte fahren müssen. Man muss einen Mittelweg finden und schauen, ob es für neue Strecken ein ausreichend hohes Fahrgastaufkommen gibt. Wir können nicht an jeder Milchkanne halten.“

Immerhin hält die Linie 44 von „Mein Fernbus“ auf ihrem Weg von Bremen nach Amsterdam in Delmenhorst. „Weil Delmenhorst zwischen Bremen und Oldenburg liegt, haben unsere Streckenplaner den Ort in den Fahrplan eingebaut, da können sich die Delmenhorster freuen”, bemerkt Hintz. Bei allem Expansionsdrang der Branche komme erschwerend hinzu, dass für neue Zusteigemöglichkeiten erst entsprechende Haltestellen gesucht und genehmigt werden müssen.

Beim Reisedienst von Rahden erübrigt sich diese Suche nach einer solchen Haltestelle. Auf dem Betriebshof des Schwaneweder Traditionsunternehmens am Heidkamp können Fahrgäste ab November zusteigen und direkt bis Leipzig und Dresden fahren. Nach langen Überlegungen ist Seniorchef Hinrich von Rahden in den heftig umkämpften Markt eingestiegen. „Wir haben uns die Entwicklung lange angeschaut. Das ist noch ein junger Markt mit großem Verdrängungswettbewerb. Man muss aufpassen, dass man nicht jede Menge Kilometer fährt und finanziell nichts übrig bleibt“, umschreibt der 62-Jährige das personalaufwendige Engagement.

Üblicherweise kooperieren die großen Marktführer im Fernbus-Segment mit regionalen mittelständischen Unternehmen und profitieren von deren Erfahrungswerten. „Wir übernehmen nicht das operative Geschäft, stellen selbst also keine Busse, sondern sind für den Ticketverkauf und das Planungsnetz zuständig”, erklärt Sara-Lena Knust von „Flixbus“ das System. Bei den mit regionalen Busunternehmen ausgehandelten Verträgen müssen diese dafür sorgen, dass die von ihnen gestellten und eingesetzten Busse die vorgegebene einheitliche Ausstattung aufweisen. Dazu gehören neben dem jeweiligen charakteristischen Busdesign des Unternehmens WLAN-Anschlüsse, Toiletten an Bord, ein Angebot an Snacks und Getränken sowie ein ausreichend komfortabler Abstand zwischen den Sitzen. „Auf Sicherheitsvorkehrungen und gesetzlich geregelte Ruhezeiten für die Busfahrer achten wir natürlich besonders”, betont Sara-Lena Knust.

Mit „Flixbus“ kooperiert auch von Rahden, wenn ab November von Schwanewede aus über Bremen, Hannover, Magdeburg und Leipzig sechsmal pro Woche Dresden angesteuert wird. Komplettreisen inclusive Hotel in die sächsische Landhauptstadt bietet das Unternehmen bereits an. „Wir haben zunächst große Bedenken gehabt, dass wir uns selbst das Wasser abgraben. Aber die Fernbusse werden von vielen jungen Menschen genutzt, die die Stadt lieber auf eigene Faust erkunden und kein gebuchtes Hotel wollen”, erläutert von Rahden.

Mit Reisen aller Art kennt sich von Rahden aus. Bereits 1949 war der erste Liniendienst von Meyenburg nach Schwanewede gefahren, ein Jahr später wurde der erste Reisebus, ein Borgward, bestellt. Neben dem Schulbusverkehr und dem internationalen Touristikbereich bot das Unternehmen bis vor Kurzem auch einen Linienverkehr bis nach Moskau und St. Petersburg an. Dafür grasten drei Busse die Republik in unterschiedliche Richtungen ab und nahmen Fahrgäste auf. In Berlin trafen sich die Busse, von dort ging es nach dem Umsteigen weiter nach Moskau.

Auch Ziele in Polen und Moldawien standen auf der Liste. So lange, bis ab 2004 die zeitsparenden Billigflieger den Fernreise-Markt radikal veränderten. „Die Reisen nach Osteuropa haben wir größtenteils eingestellt. Wir vermitteln nur noch Fahrten für einen russischen Partner”, erzählt Hinrich von Rahden. Geblieben ist eine Verbindung in die russische Enklave Kaliningrad, das frühere Königsberg. Dafür werden die Fahrgäste mit Fernbussen von verschiedenen Haltepunkten aus zunächst nach Hamburg gebracht, bevor es weiter nach Königsberg geht.

Hinsichtlich des Fernbussegments gibt sich Geschäftsführer Hinrich von Rahden erst einmal abwartend. Ein garantierter Preis pro Kilometer sorge zwar für eine Grundabsicherung. Ansonsten müssen die jeweiligen Unternehmen aber selbst, beispielsweise durch Werbung, für die Auslastung der Busse sorgen. Zum Familienunternehmen gehören 60 Busse und rund 80 teilweise langjährige Mitarbeiter, die die Wartung und Montage auf dem Betriebshof selbst vornehmen – Know-how und Erfahrungswerte, die „Flixbus“ am Betreiber von Rahden zu schätzen weiß.

Das Schwaneweder Unternehmen wiederum setzt auf die Kompetenz der Fernbus-Giganten. Für ein mittelständisches Unternehmen sei es schwierig, ein großes Busnetz aufzubauen. „Mal hat ein Bus Verspätung, mal fehlen Fahrgäste. Die Busse müssen zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort ankommen, das kann ein großes Unternehmen mit seinem Buchungssystem logistisch ganz anders kalkulieren”, erläutert von Rahden. Man werde sich in Ruhe anschauen, wie sich das Geschäft entwickelt und gegebenenfalls mehr Fahrzeuge für die Fahrten nach Dresden einsetzen.

Noch ist diese Verbindung die einzige, bei der Fernbusgäste in Schwanewede zusteigen können. Gregor Hintz von „Mein Fernbus“ schließt aber nicht aus, dass sich das ändern wird. „Falls wir Bremerhaven in unseren Fahrplan aufnehmen, könnte man überlegen, von Bremen aus auch Schwanewede und Osterholz-Scharmbeck anzusteuern.“

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