Auf der Suche nach Überwinterungsstrategien für Kältemuffel Feuer, Farben und Frühbucherrabatt

Lilienthal. Mit Einkaufstüten bepackt bleibt ein Mann an einem Schaufenster eines Reisebüros stehen. Schöne Menschen lächeln in Bikini und Badehose entgegen und erzählen auf Werbeplakaten von Sonne, Wärme und Ferien. nach einer Weile wendet sich der Mann ab und schleppt seine Tüten vorbei an vergletscherten Eishügeln. Was bleibt ist eine kurze Illusion von Winterflucht und meine Frage: Was tun die Menschen gegen den Kälteblues?
18.02.2010, 18:00
Lesedauer: 3 Min
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Feuer, Farben und Frühbucherrabatt
Von Undine Zeidler

Lilienthal. Mit Einkaufstüten bepackt geht ein Mann den Fußweg entlang. Vor einem Schaufenster bleibt er stehen. Schöne Menschen lächeln ihm daraus entgegen. In Bikini und Badehose erzählen sie auf Werbeplakaten von Sonne, Wärme und Ferien. Der Mann schaut eine Weile zu ihnen hinein. Dann wendet er sich von dem Reisebüro ab. Schleppt seine Tüten weiter, vorbei an vergletscherten Eishügeln, die seinen Weg säumen. Was bleibt ist eine kurze Illusion von Winterflucht und meine Frage: Was tun die Menschen gegen den Kälteblues?

Im Go!Reisebüro Lilienthal antwortet Kathrin Klemm: 'Für den Sommer wird gut gebucht.' Ziele im Warmen seien gefragt - Türkei, Spanien, Griechenland mit Frühbucherrabatt. Nur im Vergleich zu den Vorjahren habe sie keine gestiegene Nachfrage nach wärmenden Reisezielen bemerkt, sagt Klemm. 'Schon wegen der Wirtschaftskrise müssen die Leute aufs Geld gucken.'

Wer es jetzt trotzdem richtig warm haben will, der muss zudem lange im Flugzeug sitzen. Thailand, die Dominikanische Republik, die Kanaren oder die Malediven gewähren Kälteasyl. Gudrun Wendorff erzählt mir mit erkälteter Stimme, dass im Grasberger Reisebüro das gegenwärtige 'Buchungsverhalten ganz anders als sonst' sei.

Januar und Februar seien Hauptbuchungsmonate. Bisher werden Kataloge geguckt doch die Buchungen verlaufen schleppend, so Wendorff. Außer bei den 'Kreuzfahrten ins Warme'. Die werden hingegen immer beliebter, aber nicht wegen des Wetters - 'Nö', sagt sie dazu ganz bestimmt. Reisen als Ausweg aus dem

Winter - Fehlanzeige. Umso hartnäckiger bohrt nun die Frage: Wie begegnen die Menschen der norddeutschen Langkälte? In Schwimmbad oder Sauna, auf der Sonnenbank, mit Büchern, Tee oder etwa beim Traum vom Kamin?

Im Hallenbad wird es schnell warm

Tropische Luft empfängt den Besucher im Lilienthaler Hallenbad. In dicke Wolle gepackt wird einem hier ganz schnell ganz warm. Das Wasser schwappt an den Beckenrand. Vereinzelte Pflanzen versuchen sich in exotischem Flair. Schwimmmeistergehilfin Dagmar Kaltschmidt dirigiert gerade eine Wassergymnastikgruppe. Dass die Kälteflüchtlinge im Schwimmbad ankommen, könne sie nicht sagen. Im Gegenteil, wenn es draußen glatt ist, kommen eher weniger Besucher. Da hilft auch der Lockruf von 32 Grad Wassertemperatur am Warmbadetag nicht.

Wenn er nicht vermehrt ins Schwimmbad geht, bevorzugt der Lilienthaler etwa Heißgetränke? 'In Deutschland wird im Winter mehr Tee getrunken', bestätigt Na Kuhl von Teema Vera. Endlich eine Spur der Winterflüchtlinge! Ich frage Kuhl nach wärmenden Tees.

Doch über Wirkungen will sie nicht so gern sprechen. Diese Frage sei typisch für Deutsche. Nachsichtig lächelt sie mich an und stellt mir eine dampfende Schale Roten Tee zum Probieren hin. 'Es geht mehr um das Genießen', sagt sie, und dass man sich Zeit für den Tee nehmen solle.

Diesen muss der Kunde jedoch erst einmal im Schrank haben. Ingrid Kirchhoff von Tee-Zeit erzählt, dass die Kundschaft in diesem Winter 'leider weniger' sei. 'Die Leute trauen sich wegen der Glätte nicht raus.'

Dann sitzen sie vielleicht am wärmenden Feuer und sei das nur in Gedanken? Aber Kaminbauer Lutz Krumbach sagt über den Kundenandrang im Laden: 'Es ist ruhig.' Kälte und Schnee rufen demnach keine sofortigen Kaminplanungen hervor. Aber er hoffe, 'dass dieser Winter auf das ganze Jahr nachwirkt'.

Zwei Plätze für Wärmesuchende fallen mir noch ein: das Sonnenstudio Lichtblick und die Landsauna. Dort frage ich nach, in der Hoffnung auf all die Wintermüden zu treffen, die sich ausgiebig über die Jahreszeit beklagen. Lichtblick-Filialleiterin Susanne Koch bestätigt: 'Im Winter haben wir immer viel zu tun', und weil der schon so lang sei, steige die Zahl derer, 'die sich einmal in der Woche ihre Sonnenportion abholen. Reichlich Wärme bietet die Landsauna'. Karin Hüneke erzählt: 'Im Winter kommen sowieso mehr Gäste als im Sommer.' Vor dem Kamin sei das Wetter bei den 'Menschen, die die Wärme suchen' jetzt ein vorrangiges Thema.

Bücher sind die letzte Spur, der ich folge. Dabei erfahre ich, dass Farben indes das Überwintern ebenfalls erleichtern. Als Karten, Kerzen und Servietten in Frühlingsgrün, Gelb und Rosa werden sie laut Gaby Heinrichs bei Buchstäblich derzeit oft gekauft, neben vielen Gartenbüchern. Bunte Servietten, Tee, Joggen, Schneemannbauen oder doch den Sommerurlaub buchen - ein Einheitsrezept gegen Winterfrust habe ich nicht gefunden. Vielmehr bin ich Menschen begegnet, die auf ihre ganz eigene Weise mit einer Jahreszeit umgehen, die garantiert wiederkommt.

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