Northern Firefighting Training Center bietet in Lemwerder Seminare zu Rauchgasdurchzündungen an

Flammen schießen aus der Tür

Eine orangerote Feuerwalze jagt über die 14 am Boden kauernden Feuerwehrleute hinweg. Gerade noch hatte es so ausgesehen, als ob das Feuer hinter der geschlossen Tür verloschen sei. Schließlich hatte ihm Marvin Harms die Sauerstoffzufuhr gekappt. Als der Ausbilder die Tür wieder öffnet, schießen schlagartig Flammen durch den Raum. Genau so, wie es die Einsatzkräfte bei dieser Übung zur Rauchgasdurchzündung erwartet hatten.
04.05.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Flammen schießen aus der Tür
Von Barbara Wenke

Eine orangerote Feuerwalze jagt über die 14 am Boden kauernden Feuerwehrleute hinweg. Gerade noch hatte es so ausgesehen, als ob das Feuer hinter der geschlossen Tür verloschen sei. Schließlich hatte ihm Marvin Harms die Sauerstoffzufuhr gekappt. Als der Ausbilder die Tür wieder öffnet, schießen schlagartig Flammen durch den Raum. Genau so, wie es die Einsatzkräfte bei dieser Übung zur Rauchgasdurchzündung erwartet hatten.

Lemwerder. 14 Feuerwehrmänner kauern auf dem Boden eines zwölf Meter langen Containers. Dicht an dicht drängen sich die Männer. Schwarzer Rauch umhüllt sie. Hinter einer Tür am Ende des Containers, wo eben noch Holzpaletten lichterloh brannten, stirbt ein Feuer. Weil Ausbilder Marvin Harms die Tür geschlossen hat, ist das Feuer dabei zu ersticken. Ihm fehlt der lebensnotwendige Sauerstoff. Gebannt starren die Einsatzkräfte in Richtung des Brandherdes. Gleich wird Marvin Harms die Tür öffnen. Blitzartig zündet das scheinbar erloschene Feuer wieder durch. Flammen schießen durch den länglichen Raum.

"Dieses Phänomen ist noch relativ unbekannt", erzählt Berufsfeuerwehrmann Matthias Heeg, der seit knapp einem Jahr gemeinsam mit seinem Kollegen Marvin Harms auf dem ehemaligen Lemwerderaner Flugplatz Seminare für das Northern Firefighting Training Center (NFTC) durchführt. "Vor zehn Jahren hatten die Häuser alle noch einfach verglaste, dünne Fenster. Die sind bei einem Feuer sofort zerstört worden", blickt Matthias Heeg eine Dekade zurück. Ein Hausbrand habe damals ständig Sauerstoff erhalten und somit recht gleichmäßig gebrannt. Dadurch war es nicht weniger verheerend, nur eben gleichmäßiger. "Durch die neue Bauart der Häuser hat sich das verändert", erzählt Matthias Heeg.

Fehlende Zugluft bereitet Probleme

Die dreifach verglasten Thermopane-Scheiben machten die Fenster stabiler. Zudem verhinderten sie, dass ein Zimmerbrand Sauerstoff erhält. Wenn die Feuerwehrleute heute in eine brennende Wohnung vordringen und die Tür zu einem Zimmer öffnen, hinter der sie die Brandquelle ausgemacht haben, kommen ihnen die Flammen oft schlagartig entgegen, weil beispielsweise der fast erloschene Brand eines Sofas neu aufflammt. Die Fachleute sprechen von einer Rauchgasdurchzündung.

Diese laufen allerdings nicht nur innerhalb geschlossener Gebäuden ab. Vor zweieinhalb Jahren sahen sich Einsatzkräfte im Berner Ortsteil Ganspe bei einem Großbrand des Kindergartens und der kleinen Turnhalle mit einer Durchzündung konfrontiert. DIE NORDDEUTSCHE schrieb am 2. Oktober 2010: "Die Löscharbeiten gestalten sich schwierig. Ein Stahltrapezblech zwischen dem Kindergarten und der direkt angrenzenden Turnhalle schirmt das Feuer ab, verhindert ein Löschen der Flammen. Als die Einsatzkräfte mit Unterstützung eines Baggers beginnen, die Dachplatten hochzureißen, breitet sich das Feuer schlagartig aus. Plötzlich geschieht, was alle hatten verhindern wollen: Die Flammen greifen auf die Turnhalle über."

Im Northern Firefighting Training Center hat Sicherheit oberste Priorität. Deshalb hocken die Einsatzkräfte circa einen halben Meter unterhalb der Feuerstelle, damit die Flammenwalze über ihre Köpfen hinweg fegt. Die Mitglieder der Feuerwehren aus Großenkneten und Schwagstorf hatten das erste NFTC-Dienstabendspezial des Jahres 2013 gebucht.

Drei Stunden lang stehen Matthias Heeg und Marvin Harms den Feuerwehrleuten mit Rat und Tat zur Seite. "Heute sind die Teilnehmer nicht damit beschäftigt, die Rauchgase zu bekämpfen. Sie beobachten das Phänomen erst einmal nur", beschreibt Anbieter Heeg die Vorgänge im Container. Am Sonnabend, 11. Mai, wenn das erste ganztägige Training des Jahres auf dem Programm steht, werden die Einsatzkräfte den Flammen dann mit Hohlstrahlrohren zu Leibe rücken.

Technische Innovation

"Mittlerweile sind die Strahlrohre auf Durchzündungen ausgerichtet", berichtet Matthias Heeg von Innovationen in der Feuerwehrtechnik, während er an einem Spritzenkopf demonstriert, dass dieser auf unterschiedliche Wasserdurchlassmengen eingestellt werden kann." Mit diesen Hohlstrahlrohren kann ein Feuerwehrmann eine Wasserwand vor sich aufbauen, damit eine Durchzündung ihm nicht so viel anhaben kann." Im Rahmen des Ganztagesseminars werden die Einsatzkräfte das am eigenen Leib erfahren.

"Im Ausland bestehen diese Anlagen schon lange", berichtet Matthias Heeg. Im nordwestdeutschen Raum sei ihr Trainingscenter bislang das einzige, das eine Heißausbildung, also die Übung in tatsächlich brennender Umgebung, anbietet. Heeg, Harms und ihre ehrenamtlichen Teammitglieder sind allesamt speziell geschulte und examinierte Ausbilder.

Auf dem ehemaligen Flugplatz, dem heutigen SGL-Gelände, findet das NFTC-Team ideale Voraussetzungen vor. In Halle 17, wo einst die Werkfeuerwehr untergebracht war, stehen dem Northern Firefighting Training Center ein Seminarraum, Duschmöglichkeiten, Büro und Abstellräume sowie eine hauseigene Atemschutzübungsstrecke für seine Schulungen zur Verfügung.

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