Anders als Tönnies

Schlachthof in Garrel verzichtet auf Werkverträge

Als eine der ersten Firmen der Fleischindustrie verzichtet Goldschmaus aus Garrel auf Werkverträge. Über einen Schlachthof, der sich von der Ausbeutung seiner Arbeiter verabschiedet.
13.07.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Schlachthof in Garrel verzichtet auf Werkverträge
Von Nico Schnurr
Schlachthof in Garrel verzichtet auf Werkverträge

In Garrel werden Tausende Schweine täglich zerlegt. Als eine der ersten Firmen der Branche stellt Goldschmaus die Arbeiter fest an.

Mohssen Assanimoghaddam /dpa

Von der Schlachthalle ist es nicht weit bis zu den Wohnungen. Im Rücken der Fabrikkästen, die das Unternehmen Böseler Goldschmaus an den Rand von Garrel gepflanzt hat, geht es vorbei an Wiesen, bis die Baustelle hinter einem Hügel auftaucht. Zwei Häuserreihen, rot verklinkert. Vor dem einen Block stehen Kräne und Baugerüste, der gegenüber sieht fertig aus. Zwei Etagen, zwölf Wohnungen, alle gleich: Ein Bad, ein Schlafzimmer, ein Wohnraum mit Küche. 45 Quadratmeter, 300 Euro Miete. Bald sollen Arbeiter in die Apartments ziehen. Viele von ihnen waren über Werkverträge beschäftigt. Sie haben für den Schlachthof geschuftet, ohne dass man sich dort gekümmert hat. Jetzt zieht dieselbe Firma moderne Häuserreihen für sie hoch.

Als eine der ersten Firmen der Branche hat Goldschmaus vor drei Jahren begonnen, Werkverträge in feste Anstellungen umzuwandeln. Keine Ausbeutung osteuropäischer Leiharbeiter mehr, keine Subunternehmen, keine Endlosschichten. In Garrel, im Landkreis Cloppenburg, bauen sie nun nicht bloß ein paar Wohnungen. Sie arbeiten an einem Gegenentwurf zu den Verhältnissen in der Fleischindustrie.

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Schlachthöfe gehören zu den Schauplätzen der Pandemie. Die Ausbrüche bei Tönnies im Kreis Gütersloh und in einem Wiesenhof-Betrieb in Wildeshausen haben den Blick auf eine Branche gelenkt, die billige Arbeiter billiges Fleisch produzieren lässt. Vor der Corona-Krise ist ihr Alltag zwischen zu langen Schichten ohne Pausen und zu wenig Ruhe in beengten Sammelunterkünften ignoriert worden. Nun will das Bundesarbeitsministerium Werkverträge in Schlachthöfen verbieten. Die Pandemie zwingt zum Handeln.

Peter Kossen hat schon hingesehen, als andere noch weggeschaut haben. Seit Jahren zählt der Priester zu den lautesten Kritikern der Fleischindustrie. Kossen ist in Visbek aufgewachsen, er hat in Vechta gepredigt. Heute führt sein Bruder dort eine Arztpraxis und kümmert sich um die Leiden der Leiharbeiter. Kossen weiß also, wovon er redet, und weil seine Mahnungen so lange verhallten, hat er sich angewöhnt, besonders deutlich zu formulieren. Der Priester spricht von „moderner Sklaverei“. Die Fleischbranche sei „kriminell durchseucht“ und bediene sich an „Wegwerfmenschen“. Arbeiten lassen bis zur Erschöpfung, dann austauschen, so laufe das.

Schlachter

„Wir übernehmen jetzt Verantwortung“, sagt Goldschmaus-Sprecher Gerald Otto.

Foto: Fabian Wilking

Es geht auch anders

Der Priester, der diese Sätze ins Telefon sagt, ist vor anderthalb Jahren in den Landkreis Cloppenburg gefahren, zu den Fabrikkästen am Rand von Garrel. Kossen streifte sich einen Schutzanzug über, dann folgte er dem Goldschmaus-Sprecher Gerald Otto durch den Schlachthof. Auf Bildern sieht man Kossen in der Kühlhalle stehen, hinter ihm hängen Schweine an Haken von der Decke. Der Priester schaut so skeptisch, man glaubt, es würde gleich aus ihm herausplatzen. Doch keine Kritik. „Zukunftsweisend“ nennt er den Betrieb am Telefon. „Goldschmaus hat eine Entwicklung vorweggenommen, die bald hoffentlich auf die ganze Branche zukommt“, sagt Kossen, „die Firma zeigt, es geht anders, auch in der Fleischindustrie kann man Menschen menschenwürdig behandeln“.

Anfang Juli, Fieber messen in Garrel. Wer in den Betrieb will, bekommt vorher ein Thermometer ans Ohr gehalten. Die Schlachthallen dürfen gerade nur von Angestellten betreten werden, eine Vorsichtsmaßnahme. Stattdessen bittet Gerald Otto in einen Konferenzraum. Der Goldschmaus-Sprecher soll erklären, wie seine Firma die Sache mit den Werkverträgen beendet hat. Erst mal, erzählt Otto, hätten Mitarbeiter einen Sprachkurs belegt, Grundkenntnisse Rumänisch. Vorher habe ja niemand mit den Arbeitern reden müssen.

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Die Osteuropäer zerlegten zwar Schweine für die Firma, in den Hallen der Firma, aber angestellt waren sie nicht. Die Anweisungen kamen von den Vorarbeitern der Subunternehmen. Als die Arbeiter übernommen wurden, wollten sie nun auch beim Schlachthof wissen, mit wem sie es zu tun haben. Goldschmaus gründete eine neue Abteilung, die da unterstützt, wo die Arbeiter früher auf sich allein gestellt waren. Arztbesuche, Banktermine, Behördenkram.

Die Personalbetreuung hilft den Angestellten auch, ihre Angehörigen in die niedersächsische Provinz zu holen. Und weil man dort fast nur Einfamilienhäuser findet, bauen sie nun auch Wohnungen für die Arbeiter. Wer will, kann zu ortsüblichen Preisen eines der Apartments mieten. Kein Luxus, aber weit weg von der Enge der Sammelunterkünfte, die bei Tönnies die Verbreitung des Virus beschleunigt haben könnte. Otto sagt: „Wir übernehmen jetzt Verantwortung.“

Schlachter

Keine Sammelunterkünfte, stattdessen zwei Zimmer, 45 Quadratmeter, 300 Euro Miete: Im Rücken der Fabrikkästen am Rand von Garrel baut Goldschmaus Apartments für die Arbeiter des Schlachthofs.

Foto: Fabian Wilking

5400 Tiere am Tag

Man sollte sich den Schlachthof nicht als kleinen Nischenbetrieb vorstellen. Vor dem Firmensitz steht einer dieser Kästen, aus denen Reisende am Bahnhof eine Cola fischen, bevor der Zug kommt. Aus dem Kasten in Garrel zieht man keine Cola, sondern Fleisch: das Paket Rostbratwürste für drei Euro, Currybockwürste für 2,50 Euro. So automatisiert, wie das Fleisch verkauft wird, wird es auch hergestellt. 5400 Schweine werden in den Fabrikkästen am Tag geschlachtet, etwa acht Tiere pro Minute. Das Filet bleibt in Deutschland, die Ohren, Schwänze und Schulterblätter gehen nach China. Schlachten, kühlen, zerlegen: alles getaktet, alles der Effizienz untergeordnet. Wenn sich so eine Firma von Werkverträgen verabschiedet, macht sie das aus reiner Menschenfreundlichkeit?

Kurze Stille im Konferenzraum. „Es geht auch um das Ansehen des Unternehmens“, sagt Otto. Irgendwann habe man die negativen Schlagzeilen satt gehabt. „Wir wollten auch ein Zugehörigkeitsgefühl aufbauen“, sagt er, „jemand, der für eine Firma arbeitet, bei der er auch angestellt ist, gibt sich mehr Mühe.“ Natürlich habe man heute höhere Personalkosten. Der Unternehmenssprecher: „Wir sehen das als eine Investition in die Zukunft.“ Man habe nicht mal die Preise fürs Fleisch anheben müssen. „Wir sind wettbewerbsfähig, auch ohne Werkverträge.“ Priester Kossen hat also recht: Es geht auch anders.

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Man hätte sich darüber auch gerne mit den Arbeitern unterhalten, doch mehrere Versuche scheitern. Keiner, der öffentlich sprechen will. „Da sitzt noch immer eine Angst in den Köpfen“, sagt Matthias Brümmer, „die Vergangenheit als Leiharbeiter hat Spuren hinterlassen.“ Brümmer hat selbst als Zerleger in der Fleischindustrie gearbeitet. Seit mehr als 20 Jahren kämpft er als Geschäftsführer der Gewerkschaft NGG für ein Ende der Ausbeutung in den Schlachthöfen der Region. Auch Brümmer hält Goldschmaus für eine positive Ausnahme, doch etwas fehle noch. Ein Betriebsrat. Man sieht die osteuropäischen Arbeiter nicht, man kennt sie nicht. Sie bleiben gesichtslos, eine anonyme Masse ohne Stimme. Auch weil sie so leise sind, sind Kritiker wie Kossen und Brümmer so laut. Er sagt: „Auch in dieser Branche müssen Arbeiter mitreden können.“

In Garrel führt Gerald Otto durch die neuen Wohnungen. Blick auf die polierten Fliesen. Otto nickt. Man hört seine Stimme durch den leeren Raum hallen: „So würde man auch selbst leben wollen.“ Als Otto diesen Satz in den Vormittag hinein spricht, wird deutlich: Es könnte schlechtere Leitlinien geben für einen Wandel dieser Industrie.

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