Neue Konstellation im Vegesacker Beirat Fraktionswechsel mit Folgen

Jahrelang war Greta Frenzel bei der CDU, seit Montag gehört sie den Bürgern in Wut an. Der Wechsel hat Folgen: Die Wählervereinigung ist jetzt das, was die Union vorher war – zweitstärkste Beiratsfraktion.
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Fraktionswechsel mit Folgen
Von Christian Weth

Bremen-Nord. Im Blumenthaler Beirat spielen die Bürger in Wut mangels Mandatsträger längst keine Rolle mehr, im Vegesacker dagegen werden sie zusehends bedeutender – durch Greta Frenzel. Die langjährige Christdemokratin hat am Montag entschieden, Wutbürgerin zu werden. Und das hat Folgen für das Stadtteilparlament: Die Wählervereinigung wird mit Frenzels Wechsel zweitstärkste Fraktion, hinter der SPD. Die Bürger in Wut kommen jetzt auf vier Vertreter. Damit haben sie die CDU überholt. Nicht zum ersten Mal.

Ihren Austritt bei der Union und ihren Eintritt bei der Wählervereinigung begründet Frenzel mit „unüberwindbaren Differenzen innerhalb der Fraktion“. Außerdem ist ihr die CDU „nicht mehr konservativ genug“. Nach eigenem Bekunden trägt sie sich schon seit Längerem mit dem Gedanken zu wechseln. Am Montag ging es dann ganz schnell. Erst unterschrieb die 69-Jährige bei den Bürgern in Wut, dann die Kündigung bei den Christdemokraten. Für die saß sie am Morgen noch in einem Ausschuss, ohne den übrigen Fraktionen anzukündigen, was sie plant.

Das machte wenige Stunden später der Landesvorsitzende der Bürger in Wut und Sprecher der Vegesacker Beiratsfraktion. Für Cord Degenhard ist Frenzels Wechsel ein „spektakulärer Wechsel“. Nicht nur, weil die Wählervereinigung nun zweitstärkste Fraktion im Stadtteilparlament ist. Sondern auch, weil sich die Zahl ihrer Vertreter im Beirat innerhalb einer Legislaturperiode verdoppelt hat. Greta Frenzel ist die Zweite, die in den vergangenen vier Jahren zu den Bürgern in Wut wechselte – nach Brigitte Palicki, die von den Liberalen kam.

Laut Degenhard soll Frenzels Entscheidung noch in dieser Woche amtlich werden. Er spricht von einer Formsache: Ein Schreiben an das Ortsamt samt unterschriebener Erklärung, dass die frühere CDU-Politikerin ihr Mandat mit sofortiger Wirkung für die Bürger in Wut wahrnimmt, fertig ist nach seinen Worten der „spektakuläre Wechsel“. Den Landesvorsitzenden und Vegesacker Fraktionssprecher freut es, dass die Wählervereinigung eine, wie er sagt, „erfahrene Kommunalpolitikerin“ gewinnt – und dass damit die „konservative Beiratsarbeit gewürdigt wird“.

Ortsamtsleiter Heiko Dornstedt zeigte sich am Montag vom Wechsel der langjährigen CDU-Vertreterin überrascht. Er hatte den Ausschuss geleitet, in dem Greta Frenzel noch am Morgen die Christdemokraten vertrat. Rein rechtlich ist nach seinen Angaben zwar nichts dagegen zu sagen, dass sie ihr Mandat, das sie als Kandidatin der Union gewonnen hatte, ab sofort für die Bürger in Wut wahrnimmt. Den Willen des Wählers, sagt Dornstedt, spiegelt das allerdings nicht wider. Die hatten bei der Bürgerschaftswahl 2015 eben nur für zwei Mitglieder der Vereinigung gestimmt.

CDU-Fraktionssprecher Torsten Bullmahn fordert Frenzel denn auch auf, ihr Mandat zurückzugeben – „aus Anstand gegenüber den Wählerinnen und Wählern“. In einer Mitteilung an die Medien steht nichts darüber, dass die Christdemokraten den Entschluss der langjährigen Mitstreiterin bedauern. Bedauert wird etwas anderes: die Vorgehensweise von Greta Frenzel. Laut Bullmahn hat sie weder die Geschäftsstelle noch die Stadtbezirksvorsitzende beziehungsweise ihn über ihren Entschluss informiert. Das, meint er, ist das Mindeste bei so einem Schritt.

Von unüberwindbaren Differenzen, von denen Frenzel spricht, will Bullmahn nichts wissen. Und auch nichts davon, dass die Vegesacker CDU nicht mehr konservativ genug ist. Solche Sätze hört er zwar immer mal wieder, aber ausschließlich auf Bundesebene. Greta Frenzel ist die erste Beiratsvertreterin, die während seiner Amtszeit als Fraktionssprecher die Seiten wechselt. Dass die CDU nur noch ein Trio im Stadtteilparlament bildet, macht ihm zufolge nicht viel. Zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt: „Die Legislaturperiode ist fast gelaufen, im Mai ist Bürgerschaftswahl.“

Auch Degenhard nennt diesen Termin. Er sagt, dass er auf ihn hinarbeitet, damit die Wählervereinigung wieder Boden gutmacht, wo sie ihn verloren hat. Vor allem in Blumenthal. Dort haben sich so viele Mandatsträger von ihr abgewendet, dass es mittlerweile keinen Nachrücker mehr gibt. Zwei Wutbürger wechselten zur Alternative für Deutschland (AfD). Einer versuchte zu wechseln und scheiterte. Am Ende gab er sein Mandat ab. Nach eigenen Angaben führt Degenhard mehrere Gespräche mit Leuten, die im Mai für die Bürger in Wut antreten wollen.

Wer mit Greta Frenzel gesprochen hat, lässt er offen. Nahe sind sie sich im Vegesacker Beirat allerdings seit Jahren. Frenzel sitzt links von Bullmahn und rechts von Degenhard. Wenn man so will, hat sie nachgemacht, was er vor sechs Jahren vorgemacht hat. Auch Degenhard war mal bei der CDU. Auch ihm war sie nicht mehr konservativ genug. Auch er hatte mit seinem Wechsel dafür gesorgt, dass die Bürger in Wut vorübergehend zur zweitstärksten Fraktion aufstiegen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+