In Hannover siegt der Grüne Belit Onay Frank Seidel (SPD) wird Weyher Bürgermeister

Der Sozialdemokrat Frank Seidel wird neuer Bürgermeister der Gemeinde Weyhe und damit Nachfolger von Andreas Bovenschulte. Neuer Oberbürgermeister von Hannover wird der Grüne Belit Onay.
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Von Eike Wienbarg Peter Mlodoch

Frank Seidel tritt die Nachfolge des nach Bremen abgewanderten und jetzigen Bürgermeisters der Hansestadt Andreas Bovenschulte (SPD) als Bürgermeister der Gemeinde Weyhe an. Der SPD-Kandidat wurde am Sonntag mit einem deutlichen Ergebnis von 59,81 Prozent gewählt. Damit ließ Seidel die drei anderen angetretenen Kandidaten um Längen hinter sich.

Hinter Seidel landete die Grünen-Kandidatin Annika Bruck auf Rang zwei. Sie erhielt 20,18 Prozent der abgegebenen Stimmen. Für Dietrich Struthoff, als Einzelbewerber angetreten und von der CDU und der FDP unterstützt, blieb Rang drei. Auf ihn entfielen nach den ersten Ergebnissen 16,07 Prozent der abgegebenen Stimmen. Abgeschlagen auf Platz vier fand sich Torsten Kobelt (Die Partei) wieder. Er konnte nach dem vorläufigen Endergebnis 3,94 Prozent der Stimmen holen.

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„Das ist der Hammer“, kommentierte Seidel, dessen Wahlsieg bis zur endgültigen Feststellung durch den Wahlausschuss als vorläufig zu betrachten ist, das für ihn deutliche Wählervotum. Bereits im Vorfeld habe er „super Rückmeldungen“ bekommen und „gute Chancen“ für sich gesehen, „aber das hat ja nichts zu sagen“. Den erreichten Wert verstehe er nun als klaren Auftrag und eine klare Botschaft. Auf Seidel folgt in der Rangliste Annika Bruck, die über erreichte 25 oder 26 Prozent „total glücklich“ gewesen wäre. Die schließlich erreichte Zielmarke von 20,18 Prozent bewertete sie mit „ist okay“. Dass sie damit auf Platz zwei landet, habe sie allerdings nicht erwartet. Der Wähler habe, mit Blick auf Seidels Sieg, offensichtlich honoriert, dass er seit Jahren vor Ort präsent sei. Damit war es „nahezu unmöglich, gegen ihn anzutreten“, sagte sie.

Struthoff hat mehr erwartet

Enttäuscht zeigte sich der Einzelbewerber Dietrich Struthoff, der mit der Unterstützung von CDU und FDP ins Rennen ging. „Ich hätte mehr erwartet“, sagte er und analysierte: „Ein Großteil der konservativen Wähler ist nicht hingegangen“. Im Wahlkampf aber sei die Resonanz gut gewesen. Vierter Bewerber um das Bürgermeisteramt in Weyhe war Torsten Kobelt (Die Partei). Die knapp vier eingeholten Prozent der Wählerstimmen stimmten ihn „nicht unzufrieden“, geträumt allerdings habe er von einem zweistelligen Ergebnis.

Die Wahlbeteiligung lag bei 47,79 Prozent. Bovenschulte bezeichnete den Wert als „hervorragend“ angesichts einer „isolierten Bürgermeisterwahl“. Allerdings lag der Wert noch unter dem Ergebnis der vergangenen Wahl. Bei Bovenschultes Sieg im Jahr 2014 gingen noch 54,3 Prozent der Wahlberechtigten zur Urne. Der jetzige Bremer Bürgermeister bekam damals 55,6 Prozent, sein einziger Gegenkandidat Nils Krämer (Einzelbewerber) erreichte 44,4 Prozent der Stimmen. (Plaggenborg/Wienbarg)

Grüner regiert in Hannover

Von „Erobern“ mochte Hannovers künftiger Oberbürgermeister Belit Obay gar nicht gern sprechen. „Das Rathaus gehört den Hannoveranerinnen und Hannoveranern“, sagte der bisherige Grünen-Landtagsabgeordnete mit türkischen Wurzeln. „Ich möchte diese Stadt gern zusammenführen. Ich möchte Bürgermeister für alle sein – egal wo sie ihr Kreuz gemacht haben. Und egal, wo ihre Eltern oder Großeltern herkommen.“ Mit 52,9 zu 47,1 Prozent hatte Onay am Sonntag die Stichwahl gegen den von der CDU aufgestellten, aber parteilosen Maschinenbauingenieur Eckhard Scholz gewonnen. Die Wahlbeteiligung lag bei 43,5 Prozent. Die Amtsgeschäfte könnte der Grüne bereits in der übernächsten Woche übernehmen.

„Irre, oder?“, rief Onay strahlend seinen Anhängern im Saal Leipzig des Rathauses zu, als nur noch weniger der 469 Wahlbezirke auszuzählen waren und sein Sieg so gut wie feststand. „Was sagt man denn jetzt?“, zeigte sich der 38-jährige Jurist überwältigt und verdutzt zugleich. Dann bedankte sich der Sohn einer Einwandererfamilie mit einigen türkischen Worten bei seiner Frau Derya für ihre große Unterstützung, schluckte tief und verkniff sich ein paar Tränen. Frenetische „Belit,– Belit“-Rufe seiner Anhänger folgten. „Heute auch mal ein Bier“, kündigte Onay, der sonst meist einen großen Bogen um alkoholische Getränke macht, in Feierlaune an.

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Schwer enttäuscht zeigte sich dagegen der unterlegene Kandidat Scholz, ehemaliger Chef der Volkswagenwerk-Nutzfahrzeuge in Hannover. Die CDU sei in der roten Hochburg Hannover nie so nah an einem Erfolg gewesen. „Wir sind äußerst knapp an unserem Ziel vorbeigeschrammt.“ Gleichzeitig präsentierte sich der 56-jährige Familienvater aber auch als fairer Verlierer. „Belit Onay wird ein würdiger Oberbürgermeister von Hannover sein. Ich wünsche ihm viel Glück.“ Eine herzliche Umarmung der beiden Rivalen auf der großen Treppe des Neuen Rathauses dokumentierte das gute Verhältnis der Konkurrenten. Im Wahlkampf für den Stichentscheid waren die beiden zu Duzfreunden geworden.

„Das Ziel lautet 2030“

„Eckart Scholz ist ein toller Typ; er hat immer sachlich für seine Anliegen gekämpft“, sagte Onay. Neben solchen Lobeshymnen musste das designierte neue Stadtoberhaupt aber vor allem sein umstrittenes Wahlversprechen der autofreien Innenstadt erklären. „Ich werde nichts mit der Brechstange durchsetzen“, kündigte der 38-jährige Grüne im Gespräch mit dem WESER-KURIER an. Er wolle mit den Kritiker reden und verstehe die Ängste vor allem beim Einzelhandel in der Stadt. Von heute auf morgen lasse sich das Projekt natürlich erfolgreich gestalten. „Das Ziel lautet 2030.“ Bis dahin müsse sich das nach und nach entwickeln. Gegenkandidat Scholz hatte Onays Pläne im Wahlkampf scharf kritisiert. „Mit mir wird es keine Auto-Verbote in Hannover geben.“ Allerdings hatte auch der frühere VW-Manager eine Verkehrswende zugunsten von Radfahrern und Fußgängern angekündigt.

Im ersten Wahlgang vor zwei Wochen hatten die beiden jeweils mit 32,2 Prozent ganze 49 Stimmen auseinander gelegen, aber den SPD-Kandidaten Marc Hansmann (23,5 Prozent) im seit dem Krieg ununterbrochen von sozialdemokratischen Stadtoberhäuptern beherrschten Rathaus mit deutlichem Abstand aus dem Rennen geworfen. Die vorzeitige Wahl war nötig geworden, weil das bisherige Stadtoberhaupt Stefan Schostok (SPD) wegen der Rathausaffäre um illegale Gehaltszulagen und einer Anklage wegen Untreue zurückgetreten war.

Ein „Vakuum“ habe in der Stadtverwaltung geherrscht, erklärte der frühere Ratsherr Onay das Versagen der Genossen. „Es wurden keine Entscheidungen getroffen, keine Konflikte gelöst.“ Er selbst wolle jetzt Teamarbeit dagegensetzen.

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Im Rat der Stadt gibt ein rot-grünes Bündnis mit Unterstützung der FDP den Ton an. Der liberale Fraktionschef Wilfried Engelke gehörte denn auch zu den ersten Gratulanten. Im Frühjahr steht die Neubesetzung von drei wichtigen Dezernenten-Posten an – eine erste große Bewährungsprobe für den neuen Bürgermeister. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), der zwischen 2006 und 2013 selbst den Chefposten im Rathaus innehatte, gratulierte seinem Nach-Nachfolger herzlich. „Ich kenne Belti Onay aus der gemeinsamen Arbeit im hannoverschen Rat und im Niedersächsischen Landtag und bin sicher, dass wir gut zusammenarbeiten werden“, sagte der Regierungschef. „Dass ein Politiker mit türkischen Wurzeln Oberbürgermeister der größten Stadt Niedersachsen wird, ist im Übrigen ein gutes Zeichen für das Miteinander in unserem Land.“

Das sah Grünen-Bundeschef Robert Habeck genauso. Er sprach von einem wichtigen Signal für eine offene Gesellschaft, in der die Herkunft keine Rolle mehr spiele. „Belit hat wegen seiner Fachkompetenz, wegen seiner Art, wegen seiner Menschlichkeit überzeugt. Sein Nachname, die Sprache seiner Eltern, das alles war hier egal.“ Hannover habe damit ein deutliches Zeichen gegen Ausgrenzung gesetzt. Für die Grünen sei der weitere Erfolg in einer Großstadt ein erfreuliches Symbol. „Das ist wie eine kleine Perlenkette, die sich aufreiht.“ Das zeige, dass Grüne in großen Städten Verantwortung für viele Hunderttausend Menschen übernehmen könnten. Der sich zwangsläufig anschließenden Frage nach einer grünen Kanzlerkandidatur wich Habeck dann aber doch lieber geschickt aus: „Wir haben derzeit gar keine Wahl in der Bundesrepublik.“ (Mlodoch)

In Mainz bleibt ein SPD-Mann Oberbürgermeister

In der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt Mainz bleibt der SPD-Politiker Michael Ebling Oberbürgermeister. Bei der Stichwahl am Sonntag setzte sich der 52-Jährige gegen den parteilosen Kandidaten Nino Haase durch, der unter anderem von der CDU unterstützt worden war. Ebling erhielt im entscheidenden zweiten Wahlgang nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis 55,2 Prozent der Stimmen, Haase kam entsprechend auf 44,8 Prozent. Das entspricht einem Vorsprung von knapp 7000 Stimmen für Ebling.

Auch aus der ersten Runde am 27. Oktober war Ebling mit 41,0 Prozent der Stimmen als Sieger hervorgegangen. Der 36-jährige Haase war mit Unterstützung von CDU, Ökologisch-Demokratischer Partei (ÖDP) und Freien Wählern auf 32,4 Prozent gekommen.

Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Tabea Rößner hatte sich mit 22,5 Prozent der Stimmen nicht für die Stichwahl qualifizieren können. Der Grünen-Kreisverband hatte daraufhin empfohlen, im zweiten Wahlgang für Ebling zu stimmen. Als größte Fraktion im Mainzer Stadtrat führen die Grünen zurzeit Koalitionsverhandlungen mit SPD und FDP über die Weiterführung der Zusammenarbeit. (rab/dpa)

++ Dieser Text wurde um 22.35 Uhr aktualisiert ++

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