Comedy-Revue „Sekt And The City“ zeigt in der Worpsweder Music Hall den Neuanfang des Lebens für 40-Jährige

Frauen klauen Männern die Midlife-Crisis

Jetzt geht’s erst richtig los – mit 40 Jahren ist es noch nicht zu spät. Das sagen sich Lena, Nessa, Heike und Gina, als sie merken, dass sie ihr Leben nicht verpassen wollen. Ohne diverse Irrungen und Wirrungen geht es allerdings nicht ab, zum Vergnügen des Publikums in der Music Hall, wo die Comedy-Revue "Sekt And The City" aufgeführt wurde.
21.05.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Johannes Kessels
Frauen klauen Männern die Midlife-Crisis

"Heute Nacht wird noch ’ne Pulle aufgemacht." Heike (links) und Lena (rechts) vergnügen sich in der Bar von Gina (Mitte), während Nessa nebenan am Flügel seit zehn Stunden komponiert und Trübsal bläst.JKE·

Henning Hasselberg

Jetzt geht’s erst richtig los – mit 40 Jahren ist es noch nicht zu spät. Das sagen sich Lena, Nessa, Heike und Gina, als sie merken, dass sie ihr Leben nicht verpassen wollen. Ohne diverse Irrungen und Wirrungen geht es allerdings nicht ab, zum Vergnügen des Publikums in der Music Hall, wo die Comedy-Revue "Sekt And The City" aufgeführt wurde.

Worpswede. Die Frauen werden ja heutzutage immer emanzipierter. Jetzt haben sie den Männern sogar schon ihre geliebte Midlife-Crisis geklaut, jene beliebte Entschuldigung für allgemeine Unlust gegenüber geregeltem Broterwerb und gepflegtem Familienleben. Was wollen sie denn damit anfangen?

Das zeigten Lena (Helena Marion Scholz), Nessa (Vanessa Maurischat) , Heike (Meike Gottschalk) und Gina (Silvia Vicinelli) jetzt in der gut, wenn auch nicht voll besetzten Music Hall mit der Comedy-Revue "Sekt And The City" (Regie Hanno Friedrich). Die paar Männer, die sich ins vorwiegend weibliche Publikum gewagt hatten, konnten die beruhigende Erkenntnis mit nach Hause nehmen: Man hat’s nicht leicht – als Frau.

"Halt uns nicht auf!" So, frei nach Queens Song "Don’t stop me now", kommen die vier auf die Bühne, und heute wird noch mal ’ne Pulle aufgemacht – der Sektkonsum erreicht in diesem Stück beachtliche Ausmaße. Nessa, die sich nach dem Auftakt am Flügel niederlässt, der neben drei Barhockern und einem Tresen das Bühnenbild ausmacht, trinkt allerdings lieber Bier. Das passt auch zu ihrer schnoddrigen Art, die durch ihren Berliner Zungenschlag wirkungsvoll untermalt wird.

Gina hinter dem Tresen, zierlich und quirlig, hat dafür aber kein Verständnis. Ist Nessa suizidgefährdet? Ganz so schlimm ist es noch nicht: Sie muss nur einen Werbespot für einen Supermarkt fertigkomponieren. Gina als erfahrene Barbetreiberin ist sich sicher: Spätestens nach dem zehnten Sekt fällt Nessa auch etwas zu hüpfenden Möhren ein.

Alles endet auf dem Sofa

Jetzt kommt aber erstmal Heike hereingehüpft, ziemlich aufgedreht – sie arbeitet gerade an ihrem neuen Soloprogramm. Lena in fürchterlicher weißer Felljacke nach dem Motto: "Ihr wisst ja gar nicht, wie teuer es ist, so billig auszusehen" hat von ihren Auftritten beim Deutschen Sportfernsehen erstmal genug. Dort moderiert sie ein "Aso-Quiz" mit hochintelligenten Fragen: "Eine italienische Stadt mit drei Buchstaben, fängt mit R an und hört mit M auf." Das kann Gina ja gar nicht fassen; in ihrer schönen Sprache hat die schöne Hauptstadt ihres schönen Landes schließlich vier Buchstaben. Außerdem arbeitet Lena noch in einem Erotikshop, was man ihren Fortschritten im Latein-Fernkurs auch anmerkt: "Quod eros demonstrandum."

Langsam beginnt der Sekt zu wirken, es beginnt ein fröhliches Witzeerzählen. Warum kriegen Männer keine Midlife-Crisis? Weil sie nie aus der Pubertät herauskommen. Wie praktisch. Nur Nessa ist nicht so lustig zumute, bei ihr ist endgültig Schluss, und nun komponiert sie seit zehn Stunden. "Lass uns noch mal zurück zum Anfang gehen." Ist das von ihr? "Fast."

Für Lena ist die Sache klar: "Beziehungen sind für’n Arsch." Aber Heike hat Dates, seit sie 15 ist, und will endlich unter die Haube. Nur leider sind die vielen Gründe, die für eine echte lange Beziehung sprechen, ihr gerade alle entfallen. Und die jungen Paare sonnabends bei Ikea! Dann lieber Blind Dates im Internet – von der Titelmelodie von Heidi über Biene Maja landet das Quartett in einem furiosen Potpourri bei Pippi Langstrumpf: "Wir machen uns die Welt, widdewiddewie sie uns gefällt." Na, dann mal los.

Aber ganz zufrieden sind sie trotzdem noch nicht. Heike hat jede Nacht einen Traum. Sie soll nicht nur das Gesicht der Werbekampagne für Rote-Backen-Saft werden, sondern Angelina Jolie und Brad Pitt trennen sich, weil sie sich beide in sie verliebt haben. Lena ist realistischer: Es endet alles auf dem Sofa, aber irgendwann benutzt man es nur noch zum Fernsehgucken. Sie ist aber gerade mal 40, da will sie ausgefallenen Sex. Nessa hat ihn – weil er ausfällt.

Gina geht das ganze Gejammer auf die Nerven – sie handelt. Da sucht ein Manager ein Trio für eine Rote-Teppich-Präsentation. "Nicht verzagen, ragazze, dann seid ihr bereit!" Und sie wird ihre persönliche Köchin – la cucina italiana, naturalmente; damit ist Kochen einfach wie Musik. Das zeigt sie jetzt auch in einer beeindruckenden Arie auf ¨Deutsch und Italienisch – man muss sich wundern, dass in solch einer zierlichen Person soviel Stimmgewalt steckt.

Aber jetzt heißt es: Avanti, ragazze, in Schale schmeißen! Die ersten Kostüme bereiten dem Publikum aber erheblich mehr Vergnügen als Gina: Nessa als Karotte, Heike als Gurke und Lena ganz in Rosa mit seltsamem Hütchen – diesen Artikel bekommt man nicht in der Gemüseabteilung (oder war es die Ausführung mit Himbeergeschmack?). So geht es nicht, die drei kommen anständig umgezogen zurück, und nun hat wieder Queen das Wort: "Open your eyes, öffne die Augen, dann sind wir Powerfrauen – jetzt geht’s erst richtig los, denn alles, was wir brauchen, sind wiiiir..." Na, gewiss doch.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+