Folgen der Pandemie Die Last bleibt an den Müttern hängen

Durch die Corona-Pandemie verschärft sich die Ungleicheit von Frau und Mann wieder. Frauen reduzieren häufig ihre Arbeitszeit und ihr Anteil an der Sorgearbeit nimmt weiter zu.
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Von Undine Mader

Grasberg/Lilienthal. Das Homeschooling im Frühling war auch für Fabienne Ernst und ihre Kinder eine komplett neue Erfahrung. Es glich einem Experiment, bis sich der Familienalltag mit Heimunterricht zurecht geruckelt hatte. Der Vater konnte wenig helfen, er war an den Wochentagen meist dienstlich unterwegs. Die Grasberger Familie ist kein Einzelfall. Sie repräsentiert das, was aus einer Umfrage im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung zum Thema Gleichstellung als Ergebnis hervorging: „In der Pandemie verschärft sich die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern: Frauen reduzieren häufiger ihre Arbeitszeit, ihr Anteil an der Sorgearbeit nimmt noch weiter zu.“

„Ich habe meine Kinder wirklich gerne um mich“, betont die sechsfache Mutter Fabienne Ernst. Auf jeden Ferientag freue sie sich, endlich gemeinsame Zeit. Trotzdem wurde das Homeschooling auch in ihrem Haus anstrengend. Sie erzählt vom Ärger mit der Lehrerin, weil der älteste Sohn keinen Computer hatte. Er habe die Aufgaben am Handy erledigt und die Mutter sagt: „Er hat ja alles gemacht.“

Und es musste eine Struktur gefunden werden für einen Alltag mit Kindern zwischen zwei und zwölf Jahren: Wecken um 8 Uhr, Frühstück, anschließend Schulaufgaben. Während die drei älteren Geschwister Ruhe dafür brauchten, mussten die jüngeren auch beschäftigt werden. „Das Wohnzimmer ist jetzt ein Kinderparadies“, sagt Fabienne Ernst lachend. Mit Bauteppich, Puppenwagen, Boxen voller Spielautos und mehr.

Zunächst saßen die drei Großen eine Etage höher in ihren Zimmern an den Aufgaben. Das sei schlecht gewesen, denn für jede Frage haben sie zu ihr kommen müssen. Der nächste Versuch fand im Wohnzimmer statt, aber da war es zu laut fürs Lernen, wenn die jüngeren Geschwister spielten. Also holte die Mutter sie an den Küchentisch und die jüngste Tochter hockte derweil auf ihrem Arm.

„Das war schon ein Spagat“, erzählt Fabienne Ernst über die Betreuung von drei verschiedenen Schuljahrgängen im Homeschooling. Dem Sohn, der seinerzeit in der sechsten Klasse war, habe sie neue Themen beibringen müssen. Sie recherchierte mit ihm im Internet, gemeinsam bauten sie eine Holzpresse und führten Versuche durch. „Ich war Co-Lehrer“, sagt Ernst. Daneben galt es, die Tochter zu unterstützen, die vor dem Wechsel in die fünfte Klasse stand, viel zu tun hatte und vor ihren Wochenplänen seufzte: „Wie soll ich das schaffen?“ Bei der Tochter in der zweiten Klasse sei es mit Tagesplänen auch für sie einfacher gewesen, erzählt Ernst.

Jeder bekam in der Minischule einen Karton für seine Schulsachen. Wenn das Pensum erledigt war, wurden diese bis zum nächsten Tag weggeräumt. Feierabend bedeutete dies für Fabienne Ernst nicht. Es folgten Nachmittage ohne Fußball, Tischtennis, Turnen und Reiten und Freunde. Ernst sagt: „Man musste nicht nur die Vormittage für die Schule auffangen.“ Die gelernte Erzieherin hat mit ihren Kindern gebastelt, war mit ihnen im Garten, ist mit ihnen Rad gefahren oder in die Natur gegangen. Einen Film gibt bei ihnen normalerweise nur am Wochenende beim Kino-Familientag. Während des Lockdowns aber guckte Ernst mit den Kindern manchmal auch nachmittags einen Film. „Anders war das gar nicht zu schaffen.“

Auch wenn die Familie das klassische Rollenbild lebe – der Vater die Arbeit, die Mutter die Kinder –, hatte Fabienne Ernst einen Nebenjob an einer Tankstelle. „Die Arbeit war mein Relaxen und mal was anderes“, sagt sie. Während des Lockdowns hat sie diese zeit- und gesundheitsbedingt aufgegeben.

Nicht nur Fabienne Ernst gab ihren Job auf. Über 7000 Erwerbstätige wurden während der Corona-Krise im Auftrag der Ernst-Böckler-Stiftung befragt. Die Auswertung wurde im August veröffentlicht. Demnach tragen Mütter die Hauptlast geschlossener Kitas und Schulen. In Haushalten mit mindestens einem Kind unter 14 Jahren hätten 27 Prozent der Frauen, aber nur 16 Prozent Männer ihre Arbeitszeit reduziert, um die Kinderbetreuung zu gewährleisten. Zudem falle bei Haushalten mit geringerem oder mittlerem Einkommen die Diskrepanz noch größer aus, was zeige, dass finanzielle Überlegungen bei dieser Entscheidung eine wesentliche Rolle spielen. „Familien mit wenig Geld könnten es sich häufig nicht leisten, auf das – meist höhere – Gehalt des Mannes zu verzichten.“ In diesem Zusammenhang wird von einer „Retraditionalisierung“ der Arbeitsteilung in Partnerschaften gesprochen.

Frauen sind „doppelt belastet“ durch Erwerbsarbeit und durch die soziale Arbeit in der Familie, die nicht entlohnt werde, sagt die Lilienthaler Gleichstellungsbeauftragte und Soziologin Christina Weiland. Der Lockdown habe das noch einmal unter einem Brennglas hervorgeholt – mit der Folge: „Die Krise hat Frauen auf vielen Ebenen zurückgeworfen.“ Viele Frauen arbeiten in Teilzeit und seien daher nachmittags verfügbar. Zudem seien in typischen Teilzeitbereichen wie Restaurants, Hotellerie oder Luftfahrt durch die Krise Jobs weggebrochen. Allerdings litten unter dieser Belastung nicht nur die Frauen, so Weiland. „Psychisch ist das für alle ein großes Problem.“

Weil Frauen häufig in systemrelevanten Berufen arbeiten, von der Kassiererin bis zur Arzthelferin, sei für sie kein Homeoffice möglich, so Weiland. Und wenn doch, „nicht jeder kommt mit Homeoffice gut klar“. Aus diesem Grund sei auch der derzeitige „Lockdown light“ eine Belastung für Frauen und Männer gleichermaßen. Trotzdem kann die Gleichstellungsbeauftragte dieser Zeit auch etwas Positives abgewinnen: Es seien einige Männer mehr in den Bereich Haushalt und Kindererziehung hineingerutscht.

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