Niedersachsen Retter im Urlaubsparadies

Im Sommer müssen die Freiwilligen Feuerwehren auf den Nordseeinseln für Tausende Menschen den Brandschutz sicherstellen. Auf der Suche nach neuen Mitgliedern hat sich Norderney etwas einfallen lassen.
04.01.2022, 16:49
Lesedauer: 4 Min
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Von Lennart Stock und Birgitta von Gyldenfeldt

Ob im Schlick feststeckende Wattwanderer, abgedeckte Dächer nach einem peitschenden Orkan oder Brände in Ferienappartements: Wenn Menschen in Not sind, sind auch auf den deutschen Nordseeinseln freiwillige Feuerwehrleute zur Stelle. Allerdings verbindet alle ein gemeinsames Schicksal: Wenn es ganz Dicke kommt, sind sie zunächst auf sich allein gestellt. „Auf einer Insel wie Norderney ist man zeitweilig total autark, wo mitunter keine Hilfe vom Festland kommen kann oder mit enormem Zeitverzug“, erklärt Stadtbrandmeister Ralf Jürrens. „Somit sind die Anforderungen an eine freiwillige Inselfeuerwehr wesentlich höher.“

Doch viele Inselfeuerwehren in Niedersachsen und Schleswig-Holstein haben Mühe, ausreichend Freiwillige für den Einsatzdienst zu finden - selbst auf Norderney, dabei zählt die Insel schon zu den größeren der sieben Ostfriesischen Inseln. „Unsere Mitgliederzahlen sind am unteren Ende, mit 70 aktiven Kameraden wird es schon eng“, sagt Jürrens. Der Brandschutz müsse schließlich immer sichergestellt sein.

Einsatzkräfte an der Belastungsgrenze

Doch gerade in den Sommermonaten, wenn viele Touristen auf die Insel strömen, stellt das die Wehren vor Herausforderungen. Am Beispiel Norderney gerechnet, sei die Inselfeuerwehr dann nicht nur für die rund 6000 Insulaner zuständig, rechnet Jürrens vor. Insgesamt seien in der Hauptferienzeit am Tag bis zu 50.000 Menschen auf der Insel. Zudem sei die Einsatzzahl in den vergangenen Jahren gestiegen – zuletzt auf rund 160. Die Belastung der Einsatzkräfte sei daher hoch.

Werbung in den sozialen Netzwerken

„Deswegen haben wir intensiv auf unsere Situation aufmerksam gemacht und aktiv für das Ehrenamt in der Feuerwehr geworben“, sagt Jürrens. Vor einigen Wochen startete die Freiwillige Feuerwehr der Insel eine Werbekampagne zur Mitgliedergewinnung – mit einem eindringlichen Appell: „Wir brauchen Verstärkung! Sei dabei. #Ehrensache“ lautete der Slogan auf gut einem Dutzend roter Plakate, die die Wehr überall auf der Insel aufstellte und auch in Sozialen Netzwerken im Internet verbreitete. Auf den Bannern waren Feuerwehrleute doppelt abgebildet - einmal bei ihrer täglichen Arbeit und einmal in Feuerwehrmontur.

Das Ehrenamt sichtbar machen

Denn es sei wichtig, die Freiwillige Feuerwehr als Ehrenamt sichtbar zu machen, sagt Jürrens. Nicht nur für die möglichen Neumitglieder. Auch Handwerksbetriebe, Gastronomen und Hoteliers auf der Insel sollten so ermuntert werden, Feuerwehrleute zu beschäftigen.

Auch auf Norderneys Nachbarinsel Juist kämpft die Feuerwehr um neue Mitglieder. „Es ist immer relativ knapp“, sagt Wehrsprecher Uwe Wunder mit Blick auf die Personaldecke. Jedes Fahrzeug müsse doppelt besetzt sein, da auf der tideabhängigen Urlaubsinsel im Notfall so schnell keine Verstärkung vom Festland eintreffen könne. Doch durch Wegzüge von der Insel und das Erreichen der Altersgrenze gebe es immer Fluktuation in den Reihen der rund 60 aktiven Feuerwehrleute.

Ohne Umkleide keine Frauen

Statt einer Werbekampagne setze die Juister Wehr eher auf die direkte Mitgliederwerbung, indem Feuerwehrleute Freunde und Familienangehörige regelmäßig ansprechen, sagt Wunder. Allerdings mache das alte Gerätehaus den Dienst für Neumitglieder wenig attraktiv. Ohne ausreichend Duschen und Umkleiden entspreche die Wache seit rund 30 Jahren nicht mehr dem aktuellen Stand. „Wir müssen uns hinter den Einsatzwagen umziehen“, sagt Wunder. Weder in der Wehr noch in der Jugendfeuerwehr sei es daher möglich, Frauen aufzunehmen. „Wir könnten viel mehr Leute ausbilden, wenn wir die Voraussetzungen dafür hätten“, zeigt sich der Feuerwehrmann überzeugt.

Jugendfeuerwehr auf Spiekeroog

Auf Spiekeroog kümmert sich die Feuerwehr besonders um den Nachwuchs. Wie auch auf dem Festland verfügen viele Inselfeuerwehren über eigene Jugendfeuerwehren. Auf Spiekeroog werden Schülerinnen und Schüler mit einer Arbeitsgemeinschaft im Rahmen des Programms „Feuerwehr macht Schule“ an die Wehr herangeführt, wie Kreisbrandmeister Friedhelm Tannen in Wittmund berichtet. „Das Programm läuft sehr gut.“

Dennoch sei auch auf Spiekeroog und der Nachbarinsel Langeoog die Zahl der Mitglieder mit 56 und 49 Aktiven knapp. Auf Langeoog etwa würden aktuell Atemschutzgeräteträger fehlen, die aus den bestehenden Feuerwehrkräften rekrutiert werden müssen. Im Notfall müssten nun Geräteträger per Hubschrauber oder mit dem Schiff vom Festland gebracht werden. „Das geht aber nicht einfach so“, sagt Tannen, und sei bislang zum Glück auch noch nicht notwendig geworden.

Helgoland bekommt Hilfe vom Festland

In Schleswig-Holstein kommen bereits Kameraden vom Festland zur Verstärkung: Auf Helgoland etwa helfen während der Saison von März bis Oktober Kameraden von Freiwilligen Feuerwehren vom Festland bei der Sicherstellung des Brandschutzes auf der Düne. Denn auch auf der Düne muss - wenn sie im Sommerhalbjahr bewohnt ist - die Hilfsfrist von wenigen Minuten gewahrt bleiben. Von der Hauptinsel brauchen die Feuerwehrleute zu lange. Und auch jetzt werden 25 Feuerwehrangehörige bis nach Neujahr als Urlaubsverstärkung die Wehr auf Helgoland unterstützen, wie diese auf Facebook mitteilte.

Pflichtfeuerwehr auf Sylt

Angespannt ist die Lage in List auf Sylt. Dort gibt es seit 2005 eine Pflichtfeuerwehr, da damals viele Aktive wegen interner Querelen den Dienst quittiert hatten. Der Kreis hatte deswegen die Anerkennung als Freiwillige Feuerwehr zurückgezogen. Auch auf der ostfriesischen Insel Wangerooge drohte zwischenzeitlich schon ein verpflichtender Feuerwehrdienst. Der Gemeinderat hatte im Dezember 2019 für eine Verpflichtung gestimmt, da die Zahl der Aktiven auf das Minimum von 23 sinken konnte. So wäre die erste Pflichtfeuerwehr in Niedersachsen entstanden, doch dann meldeten sich genügend Bürgerinnen und Bürger freiwillig für den Dienst – auch der Inselbürgermeister.

Plakataktion bringt neue Mitglieder

Die Feuerwehr auf Norderney wertet ihre Plakataktion für neue Wehrmitglieder als Erfolg. Mittlerweile haben sich 13 Freiwillige gemeldet, die nun in der Wehr aktiv werden wollen. Bis zum Sommer sollen die Neulinge eine Grundausbildung auf der Insel absolvieren. Auch wenn mit der sichtbaren Kampagne vorerst Schluss ist, aufhören um neue Mitglieder zu werben, wollen die Norderneyer nicht. „Ich bin der festen Meinung, dass wir mindestens 100 aktive Kameraden benötigen, um in Zukunft die stetig steigenden Anforderungen an die Freiwillige Feuerwehr erfüllen“, sagte Stadtbrandmeister Jürrens.

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