17. Filmfestival Oldenburg eröffnet

Friede den Fröschen

Oldenburg. Die unsichere Zukunft des Filmfestivals Oldenburg hat die Eröffnungsveranstaltung auf dem Gelände des Fliegerhorstes überschattet. Trotzdem sind viele Stars des unabhängigen Kinos gekommen. Das Festival hätte allerdings einen besseren Eröffnungsfilm verdient gehabt.
16.09.2010, 13:11
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Friede den Fröschen
Von Iris Hetscher
Friede den Fröschen

Regen, Roter Teppich und gute Stimmung: Festivalleiter Torsten Neumann begrüßte jede Menge Gäste.

Iris Hetscher

Oldenburg. Die unsichere Zukunft des Filmfestivals Oldenburg hat die Eröffnungsveranstaltung auf dem Gelände des Fliegerhorstes überschattet. Trotzdem hat die Gala die Art familiären Glamour verströmt, für die Oldenburg inzwischen bekannt ist - mit dabei waren viele Stars des unabhängigen Kinos.

Um es gleich vorwegzunehmen: Mit dem Frosch hat Festivallleiter Torsten Neumann sich mittlerweile arrangiert. Soweit sogar, dass das Quak-Tier nicht nur das Plakat ziert und im Trailer zum Festival ein schwarzhumoriger Froschwitz erzählt wird. Die gesamte Veranstaltung hat sich in "Frogtown International Film Festival" umbenannt - eine schöne Pointe, die dem Norden nach der Fishtown Bremerhaven nun eine zweite Kommune beschert, die sich zu einem wasserliebenden Tier bekennt.

Der Frosch, wie sollte es anders sein, spielte denn auch in der Eröffnungsrede eine bedeutende Rolle. Neumann ließ es sich nicht nehmen, noch einmal auf den Umstand hinzuweisen, dass dem Filmfestival von der Stadt in diesem Jahr die Unterstützung um 50.000 Euro gekürzt worden ist, weshalb die Veranstaltung eine Nummer kleiner ausfällt (wir berichteten). Parallel dazu gibt es einen Posten im städtischen Haushalt, der "Anlage eines Amphibienteichs" heißt. Das lässt sich Oldenburg 40.000 Euro kosten. Einen direkten Zusammenhang zwischen beiden Entscheidungen gibt es nicht, das Filmfest hat sie trotzdem als Zeichen gewertet, "wieviel Geld die Stadt bereit ist für Kultur auszugeben und wieviel für Frösche", so Neumann.

Vor den 673 Gästen in der Halle 10 des Oldenburger Fliegerhorstes, in dem die Eröffnung stattfand, betonte Neumann daher noch einmal, dass das Festival sich weiterentwickeln können muss. Das "sonst" ließ er im Raum stehen, jeder wusste aber, was gemeint war. Gibt die Stadt im kommenden Jahr nicht mehr Geld, wird die Veranstaltung ihre 18. Auflage wohl nicht mehr erleben.

Niedersachsens Ministerin für Wissenschaft und Kultur, Johanna Wanka, war da fein raus. Das Land habe die Ausgaben für die Kultur im aktuellen Haushalt nicht zurückgefahren, die neun Filmfestivals im Flächenland würden nach wie vor bezuschusst, betonte sie. Oldenburgs Oberbürgermeister Gerd Schwandner nahm den Ball nicht auf, hatte zuvor auf dem Roten Teppich aber schon geduldig jede Frage nach Geld, Fröschen und Film mit dem Satz beantwortet, der Rat der Stadt habe die Kürzung gegen seinen ausdrücklichen Wunsch durchgewunken. Über alles weitere rede man nach dem Festival.

Das wird bis Sonntag wieder diese spezielle Art familiären Glamours verströmen, wie sie Oldenburg zueigen ist. Über den aufgepinselten Roten Teppich vor der Halle zehn defilierten am Mittwochabend im strömenden Regen und bei bester Laune Schauspieler, Regisseure und Autoren, die im internationalen unabhängigen Kino gewichtige Rollen spielen. Die Ehrengäste Radley Metzger und Timothy Bottoms waren dabei, die kanadische Schauspielerin Deborah Kara Unger, die auch Präsidentin der Jury ist, die Regisseure Raul Inglis, John Gallagher und Mark Lewis.

Der Schauspieler Seymour Cassel ist inzwischen schon fast so etwas wie das Faktotum des Festivals - er kommt jedes Jahr, und spricht stets begeistert über die Veranstaltung. Das sind alles keine Namen, die jedem Filmfan geläufig sind, die aber für ungewöhnliche erzählte Geschichte und eine Filmästhetik jenseits des Popcorn-Kinos stehen. In Oldenburg werden dieses Jahr 45 Filme präsentiert, eingereicht worden waren mehr als 700 Produktionen.

Schwerblütiges Kino zur Eröffnung

Das Festival hätte allerdings einen besseren Eröffnungsfilm verdient gehabt. "Unter dir die Stadt" will nichts weniger als den Zerfall des Kapitalismus als "elegant emotionales Drama" beschreiben. Das klingt schon nach schwerblütigem Kino und erstickt folgerichtig an dem theoretischen Überbau, mit dem Regisseur Christoph Hochhäusler die Geschichte beschwert hat.

Roland Cordes (Robert Hunger-Bühler) ist gerade zum "Banker des Jahres" gewählt worden, als er Svenja (Nicolette Krebitz), die erheblich jüngere Frau eines Kollegen, kennenlernt und mit ihr eine Affäre beginnt, die der Zuschauer als obsessiv wahrnehmen soll. Das misslingt trotz all der Gymnastik-Übungen in Betten und auf Teppichen plus bedeutungstriefenden Dialogen. Das Problem des Films ist, dass statt Personen Symbole vorgeführt werden, und die auch noch mit Ausrufungszeichen versehen werden. Cordes ist der Banker, der kein eigenes Leben mehr hat und sich eins behauptet, Svenja ist die ach so lebendige junge Frau, die ihren Gefühlen folgt. Nicolette Krebitz spielt diese Rolle zudem so, wie sie immer spielt: ein bisschen schmollig, ein bisschen lasziv, mal hier, mal da. Gelangweilt.

Genau dieses Gefühl stellt sich auch schnell beim Zuschauer ein, der sich höchstens an den in kühlen Farben komponierten Bildern aus der Banker-Metropole Frankfurt erfreuen kann. "Unter dir die Stadt" ist einer von vier Filmen, die für den mit 4000 Euro dotierten "German Independent Award" nominiert sind. Ein würdiger Kandidat ist er nicht.

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