Reinhard Meyer-Graft und sein Sohn Ruben restaurieren in der St.-Johannes-Kirche Furnierholz statt Kitt

In St. Johannes sind die Restauratoren am Werk. Reinhard Meyer-Graft und sein Sohn Ruben legen zehn Tage lang Hand an Kanzelaltar und Gestühl.
05.07.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Gabriela Keller

In St. Johannes sind die Restauratoren am Werk. Reinhard Meyer-Graft und sein Sohn Ruben legen zehn Tage lang Hand an Kanzelaltar und Gestühl.

Schwanewede. Im Kirchenraum riecht es nach frischer Farbe. Auf dem Altartisch reihen sich Farbtöpfe und -fläschchen neben Pinseln, daneben liegen ein Schwamm und ein Messer. Davor steht Reinhard Meyer-Graft und mischt auf einer Blechpalette Farbe an. Blau vermengt sich mit Grau und Schwarz. Den Farbton der Kirchenbänke gilt es genau zu treffen. Zu Hause habe er zwar schon vorgemischt, sagt der Restaurator. "Aber das kriegt man so genau nicht hin. Ich muss nachtönen."

Während Reinhard Meyer-Graft vor Ort mit dem Original vor Augen noch nach dem exakten Farbton sucht, macht sich Ruben Meyer-Graft an einer der beiden Altarschranken zu schaffen. Risse ziehen sich von oben bis unten durch das Holz. Mit dem Messer kratzt der 44-Jährige Kitt aus den geborstenen Stellen. Ein glatter, gerader Spalt soll entstehen, der später mit Furnierholz verfüllt wird.

Vater und Sohn restaurieren in der St.-Johannes-Kirche Schwanewede. Kanzelaltar, Kirchengestühl und eine Gedenktafel möbeln sie in zehn Tagen auf. Die beiden sind ein eingespieltes Team. Bei so manchem Projekt haben sie schon Hand in Hand gearbeitet. Etwa bei der Innenrenovierung in St. Willehadi in Osterholz-Scharmbeck und der Restaurierung im denkmalgeschützten Hoetger-Bau "Kaffee Worpswede".

Ruben Meyer-Graft hat bei seinem Vater gelernt, bevor er zum Studium nach Köln ging. Dort betreibt der Diplom-Restaurator heute eine eigene Werkstatt. Für Aufträge wie in St. Johannes zieht es ihn immer wieder mal zurück in die Heimat zu seinem Vater und Lehrmeister, der seit 1972 im Teufelsmoor ansässig ist. Reinhard Meyer-Graft hat das Restauratoren-Handwerk wie sein Sohn von der Pike auf gelernt. Und doch ganz anders. "Damals gab es das Berufsbild des Restaurators noch nicht. In einer Schule konnte man das nicht lernen", erzählt der 78-Jährige. Der gebürtige Bremer kam über einen Umweg zu seiner Berufung. Meyer-Graft war Fotokaufmann in der Hansestadt, als er einen Restaurator aus Köln kennenlernte, der damals Fresken in der Bremer Rathaushalle restaurierte. Eine spannende Arbeit fand Meyer-Graft und ging bei dem Kölner in die Lehre. Zehn Jahre war er für dessen Werkstatt tätig. 1964 machte sich Meyer-Graft in Bremen-Walle selbstständig und hatte gleich einen dicken Auftrag an der Angel: "Das Focke Museum suchte für seine im Krieg ausgelagerten Objekte ganz dringend einen Restaurator."

Weniger Arbeit für Restauratoren

Unzählige Restaurierungen sind seitdem hinzu gekommen. Vor allem in Kirchen. Die Gotteshäuser sind für Reinhard Meyer-Graft ein Gottesgeschenk. "Für Restauratoren gibt es nur wenig Aufträge im Privatbereich. Vielleicht mal ein Gemälde, das zu restaurieren ist oder ein altes Haus." Auch Deckenmalereien in der Burg Blomendal in Bremen-Nord hat Meyer-Graft restauriert. Doch die Kirchen sind das Brot-und Buttergeschäft. Dass die Zeiten vorbei sind, als die Evangelische Landeskirche noch aus dem Vollen schöpfen konnte, spürt aber auch die Restauratoren-Zunft. "Die Arbeiten heute sind nicht mehr so umfangreich wie früher", weiß Meyer-Graft. "Dazu komme, dass vieles schon von den Fachleuten aufgemöbelt sei und nur noch gepflegt werden müsse.

So wie in Schwanewede. Hier restaurierte Reinhard Meyer-Graft vor 30 Jahren umfangreich den Kanzelaltar. Jetzt bekommt der noch mal neuen Glanz, Risse und abgestoßene Stellen werden ausgebessert. Er könne über mangelnde Aufträge nicht klagen, sagt Meyer-Graft. In Jahrzehnte langer Zusammenarbeit mit der Landeskirche habe sich Vertrauen aufgebaut. In der Zionskirche in Worpswede, St. Willehadi in Osterholz-Scharmbeck und anderen Gotteshäusern im Landkreis hat er gearbeitet. Eine Herausforderung für den Restaurator waren die Fresken in der Sandstedter Kirche. "Die waren furchtbar kaputt." Ein besonderer Auftrag sei in den 70er Jahren die Abnahme von Deckenmalereien in einem Herrenhaus bei Braunschweig gewesen. "100 Quadratmeter bauten wir ab und im Wolfenbütteler Schloss wieder auf. Das war eine Pionierarbeit, die viel Erfindergeist erforderte."

Zu seinem internationalen Wirken gehörte ein Arbeitsaufenthalt in Ägypten. Für das Archäologische Institut in Luxor restaurierte er Wandmalereien aus der Römerzeit im Luxor-Tempel. Dort und in Pompeji, wo er 22 Jahre lang mit einem internationalen Forscherteam Farben und Techniken der Wandmalereien in der ausgegrabenen Stadt studierte, habe er viel über die Kalktechniken der alten Römer gelernt. Das sei ihm später bei den Arbeiten an den Fresken in Sandstedt zugute gekommen. Auch bei Wandrestaurierungen in Kirchen geht für Meyer-Graft bis heute nichts über den guten alten Kalkanstrich. "Unter Kunstharz können Wände nicht atmen."

Wenn Meyer-Graft über seine Arbeit redet, dann spricht er von der Identität, die er den Dingen zurückgeben will. "Das Original ist immer das Bessere" sagt er. Sich ihm mit Farbe wie beim Kirchengestühl in St. Johannes zu nähern sei eine Kunst, die Geschick und viel Erfahrung im Mischen von Farben erfordert. "Den Grauton bekommt man mit einem Weiß von heute nicht hin. Das ist viel zu strahlend. Den richtigen Ton trifft man nur mit den alten Farben und Pigmenten." Bis Ende nächster Woche wird er mit Sohn Ruben in St. Johannes arbeiten. Danach sollen Altar und Bänke wie neu aussehen.

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