Ein Wolf, die Schafe und der Deichschutz

Ein Wolf sorgt für Unruhe

In Schönemoor wurde wohl ein Wolf gesehen, auf dem Deich in Altenesch auch. Die Situation ist kompliziert, immerhin ist der Wolf ein besonders geschütztes Wildtier. Nun beginnt eine Diskussion in Ganderkesee.
21.04.2020, 20:15
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Tobias Hensel

Ganderkesee. Ob es nun wirklich ein Wolf war, der in den vergangenen Wochen in Schönemoor, Hasbergen und Lemwerder gesichtet wurde und auch Tiere riss, wird erst eine DNA-Analyse zweifelsfrei feststellen können. „Aber die dauern erfahrungsgemäß sehr lang“, sagt Gerhard Frensel, einer der Wolfsberater im Landkreis Oldenburg. Denn das Umweltministerium in Hannover legt großen Wert auf formaljuristische Richtigkeit, und diese wird eben erst durch ein solches Gutachten erlangt. Vorher wird auch kein Geld fließen, das betroffene Landwirte und Schäfer als Entschädigung erhalten können, wenn sie von einem solchen Wolfsangriff betroffen sind und dabei Vieh verloren haben. „Aber diese Entschädigung ist nicht gesetzlich abgesichert, wenn der Budgetposten ausgeschöpft ist, dann fließt auch kein Geld mehr“, erklärt Frensel weiter. Im Beamtendeutsch spricht man in diesem Fall von einer Billigungsleistung, was heißt, dass entschädigt werden kann, aber nicht muss. Das öffnet einen Raum für Klagen einerseits und genrelle Unzufriedenheit unter den Betroffenen andererseits.

Die Fraktionsvorsitzenden der Parteien im Ganderkeseer Gemeinderat haben kürzlich in ihrer interfraktionellen Runde, die Corona-bedingt telefonisch geführt wird, darüber diskutiert, was man tun könne. Denn dass in Zukunft eher mehr als weniger Wölfe gesichtet werden, betrachten die Politiker als Tatsache. „Wir sind vermehrt auf die Thematik angesprochen worden und sind der Ansicht, dass dieses Thema auch in der Politik diskutiert werden muss“, sagt Ralf Wessel, Vorsitzender der CDU-Fraktion.

Das Ergebnis der Diskussion ist ein Schreiben an Landrat Carsten Harings, dass letztlich nur von den Grünen im Gemeinderat nicht unterzeichnet wurde. In diesem Schreiben haben die fünf Vorsitzenden Ulf Moritz (SPD), Ralf Wessel (CDU), Marion Daniel (FDP), Arnold Hansen (Freie Wähler) und Carsten Jesußek (UWG) Fragen formuliert. Sie fragen nach der Zahl der Wolfssichtungen im Landkreis, nach Verhaltensweisen, wenn man einem Wolf begegnet, und an wen man sich wenden kann, wenn man durch einen Wolf Schaden erlitten hat. Außerdem formulieren sie in einer Frage die Bitte, es mögen doch Schilder im Hasbruch aufgestellt werden, auf denen vor dem Wolf gewarnt werden soll. Der alarmierende Ton des Schreibens erregte den Unmut des Grünen-Vorsitzenden Volker Schulz-Berendt, der deshalb nicht mitunterzeichnen wollte. „Wir wollen uns zunächst informieren, wie man die Menschen und den Wolf in Einklang bringen kann, es nützt nichts, ihn vorab nur zu verurteilen“, begründet er seine ablehnende Haltung.

Allen gemein ist aber der Wunsch nach Aufklärung und Diskussion. So sagt Marion Daniel, dass es eigentlich eine öffentliche Informationsveranstaltung geben müsse. Diese kann nur derzeit wegen der Corona-Problematik nicht abgehalten werden. Und im Umweltausschuss würde sie diese Fragen ebenfalls gerne mit einem der Wolfsberater erörtern, nur ist eben fraglich, wann es wieder eine öffentliche Sitzung des Umweltausschusses wird geben können. Doch immerhin entstehe gerade die Grundlage, um politische Antworten auf das Phänomen Wolf zu erhalten. „Die Wölfe, die wir in unserer Region sehen, sind Nachkommen polnischer Wölfe, die sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs auf Westwanderung begeben haben“, sagt Frensel. Und so kommt es, dass sich im Harz, im Wendland und in der Lüneburger Heide schon seit einiger Zeit Wolfsrudel bilden, sich Wölfe bislang aber nur vereinzelt im Nordwesten Niedersachsens blicken lassen. „Das sind auch keine Rudel, das sind einzelne Wölfe, aber die wandern auch mal 70 Kilometer am Tag“, erklärt Frensel.

Doch gerade in den Küstengebieten ist etwas durch den Wolf betroffen, dass es im Harz so nicht gibt: die Deichschäferei. Die Deiche sind für den Schutz des Binnenlandes vor Überflutungen elementar. Schafe werden seit jeher auf Deichen eingesetzt, weil diese einerseits die Grasnarbe kurz halten und andererseits durch ihre Trittbewegungen dafür sorgen, dass der Deich verdichtet und der Flut standhält. Bernhard Wolff, Geschäftsführer des Kreislandvolkverbands hat deshalb einen Brief an den niedersächsischen Umweltminister Olaf Lies geschrieben, in dem er fordert, der Wolf solle entnommen werden, was im Jägersprech bedeutet, der Wolf müsse abgeschossen werden. Denn neben den Deichschutz gesellen sich die wirtschaftlichen Interessen der Landwirte. Am Telefon wird Wolff deutlicher: „Man kann nicht beides haben, immer mehr Weidetierhaltung und immer mehr Wölfe, das wäre für unsere Landwirtschaftsbetriebe reines Harakiri“.

Die Lage ist also kompliziert und die Politik nun aufgerufen, hierauf eine kluge Antwort zu finden. Dass „sorgsam geprüft“ werden müsse, sagen nicht nur Wessel und Wolff, sondern auch Wolfsberater Frensel. Der Landrat lässt wiederum durch seinen Sprecher Oliver Galeotti ausrichten, dass auf der Homepage des Landkreises seit Jahren umfassende Informationen zu Wolfsbegegnungen zu lesen seien und Warnschilder eher das Gegenteil bewirken würden, wie Erfahrungen aus den östlichen Bundesländern zeigten. Politisch läge die Aufgabe beim Minister. Es wird also noch einiges zu diskutieren sein.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+