Werkstattgespräch in Ritterhude drehte sich um die Kultur der Erinnerung an die Opfer von NS-Terror und Krieg Gedanken über das Gedenken

Ritterhude. Geschichte muss ein Gesicht bekommen - so lautet das Fazit eines Werkstattgespräches, bei dem sich über 30 Teilnehmer am Sonnabend im Rathaus auf Einladung von Bürgermeisterin Susanne Geils Gedanken über das Gedenken an die Opfer von Krieg und Nationalsozialismus machten.
04.04.2011, 05:00
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Von Ilse Okken

Ritterhude. Geschichte muss ein Gesicht bekommen - so lautet das Fazit eines Werkstattgespräches, bei dem sich über 30 Teilnehmer am Sonnabend im Rathaus auf Einladung von Bürgermeisterin Susanne Geils Gedanken über das Gedenken an die Opfer von Krieg und Nationalsozialismus machten.

Unter der Fragestellung "Wie erinnern wir und wozu?" verschafften sich Ratsmitglieder sowie Vertreter von Schulen, Kirchen, Vereinen und Verbänden zunächst einen Überblick über die Formen der Erinnerungskultur in Ritterhude, um nach der Mittagspause zu diskutieren, wohin der Weg zukünftig in dieser Sache führen soll.

Die Idee zu dieser Bestandsaufnahme hatte Reinhard Egge. Der ehemalige Bundeswehrangehörige ging mit Ritterhuder Schülern auf diversen Denkmal-Reisen nach Sztum, Belzig, Usedom/Golm, Marienborn und Treuenbrietzen auf Spurensuche. Sein Ziel ist es, den Blick nach vorn zu richten auf den 75. Jahresstag der Reichspogromnacht (2013) und den 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkrieges (2014).

"Wir müssen für junge Leute interessante Begegnungsmöglichkeiten mit anderen Menschen schaffen", schlug Pastor i.R. Wulf Traugott Kruse vor. Zum Beispiel durch Reisen nach Polen oder Israel hätten junge Deutsche die Chance, das Volk kennen zu lernen, an dessen Geschichte mit den Stolpersteinen im Ort erinnert werde. Über Schule allein erreiche man die Jugendlichen nicht, so seine Einschätzung. Daher müssten diese Angebote auch von außen kommen. Man war sich einig darüber, dass Vereine, Verbände, Eltern und Politik Unterstützung bieten sollten. Es wurde eine Arbeitsgruppe gegründet, die Netzwerke knüpfen und versuchen soll, die Erinnerungskultur neu zu strukturieren.

Vorschlag: Zentrale Veranstaltung

"Die Pflöcke sind bereits an der richtigen Stelle eingeschlagen worden. Vielleicht sollte man einen Preis ausloben, um das Engagement der Schüler noch mehr wertzuschätzen", schlug Wolfgang Dietrich, ehemaliger Leiter der Riesschule, vor. Eine positive Bilanz der jüngsten Erinnerungskultur in Ritterhude zogen auch andere Teilnehmer. So wurden 50 Jahre nach der Reichspogromnacht neben dem Rathaus und der Kirche Gedenksteine errichtet, die den Opfern des Nationalsozialismus gewidmet sind. Damit begann in Ritterhude 1988 die Erinnerungsarbeit zum 9. November 1938. Vor den ehemaligen Häusern der jüdischen Familien Sinasohn in Platjenwerbe und Cohen in Ritterhude wurden ab 2005 Stolpersteine verlegt. Hierauf ging die Lesumer Pastorin Ute Schmidt-Theilmann näher ein. Die Friedenseiche wurde 2007 an der Riesstraße neu gepflanzt. Am Schulzentrum Moormannskamp beschäftigte man sich intensiv mit dem Thema "Flucht und Vertreibung". In der Grundschule Ihlpohl organisierten die

Kinder ein Denkmalfest und befragten ältere Menschen über ihre Erlebnisse. Das Gymnasium gestaltet regelmäßig den Gedenktag zum 9. November mit. Für nicht mehr zeitgemäß hält man es dagegen, dass zum Volkstrauertag an den Kriegerdenkmälern des Orts insgesamt 10 Kranzniederlegungen stattfinden.

Vorgeschlagen wurde eine zentrale Veranstaltung unter Regie der Bürgermeisterin, die mit Beteiligung der Schulen den 9. November und den Volkstrauertag gemeinsam würdigt. Der von den Nazis zum Heldengedenktag umfunktionierte Volkstrauertag sei negativ besetzt. Aber die Beschäftigung mit den beiden Weltkriegen gelte es als Chance zu begreifen, um eine Vision vom besseren Menschen zu entwerfen, meinte John Cramer, Jugendbeauftragter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Man sollte den jungen Menschen erlauben, neue Impulse einzubringen. Gedenkstätten müssten von Orten der Trauer zu Orten des Lernens werden, meinte er. Über die gemeinsame Geschichte sollten Jugendliche aus Polen, Deutschland und Israel sich kennen lernen und Vorurteile abbauen. Mut machte den Anwesenden auch Marita Meyer vom Potsdamer Institut für Neue Ideen (INI). Sie bot an, Kontakte nach Israel zu knüpfen. Sie hatte die Zeitzeugin Zippora Feiblowitsch im vergangenen Herbst nach Ritterhude gebracht.

"Wir müssen Orte und Menschen zum Sprechen bringen", forderte der ehemalige ARD-Korrespondent Hermann Vinke. Wer Geschichte aus lebensgeschichtlicher Perspektive erzähle, schlüge eine zukunftstaugliche Brücke in die Vergangenheit, so der Autor von Biografien über Sophie Scholl und Cato Bontjes van Beek. Er empfahl eine Vernetzung von Schulen, Gedenkstätten und Universitäten. "Es war überaus spannend und interessant heute. Wir sind auf dem richtigen Weg", bilanzierte Geils.

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