Ein Biofleisch-Händler über seine Erfahrungen / Ein Kunde: Jeder Einzelne sollte bereit sein, mehr auszugeben Gegen Massentierhaltung, aber...

Verden. "70 Prozent der Verbraucher möchten Fleisch aus artgerechter Tierhaltung, aber nur 20 Prozent sind bereit, es auch zu kaufen". Das hat jetzt SPD-Bundestagsabgeordnete Kirsten Lühmann bei einer Veranstaltung in Daverden erklärt. "Da ist was dran", sagt Claus Gribbohm. Der 42-Jährige handelt seit fünf Jahren mit Biofleisch. Aus Überzeugung, wie er sagt. "Würde ich Fleisch aus industrieller Erzeugung verkaufen, hätte ich zwar mehr Geld, aber es würde mir nicht gefallen".
23.02.2011, 05:00
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Von Miriam Kern

Verden. "70 Prozent der Verbraucher möchten Fleisch aus artgerechter Tierhaltung, aber nur 20 Prozent sind bereit, es auch zu kaufen". Das hat jetzt SPD-Bundestagsabgeordnete Kirsten Lühmann bei einer Veranstaltung in Daverden erklärt. "Da ist was dran", sagt Claus Gribbohm. Der 42-Jährige handelt seit fünf Jahren mit Biofleisch. Aus Überzeugung, wie er sagt. "Würde ich Fleisch aus industrieller Erzeugung verkaufen, hätte ich zwar mehr Geld, aber es würde mir nicht gefallen".

Dienstags und freitags steht Gribbohm auf dem Verdener Wochenmarkt. Sein Eindruck: "Die Leute sind kaum bereit, für Biofleisch zu bezahlen. Es ist sehr schwierig, ihnen klar zu machen, warum Geflügel aus biologischer, artgerechter Tierhaltung deutlich teurer ist als vom Discounter". Teurer heißt: Der Preis ist drei bis fünf Mal so hoch.

Wochenmarkt bevorzugt

Anna-Elisabeth Bialek (21) ist das zu viel. "Obwohl mir zur Massentierhaltung die Worte fehlen, bin ich doch nur ab und zu bereit, mehr auszugeben." Renate Wesemann (69) bekennt, zwar Fleisch aus artgerechter Haltung zu wollen, es aber nicht unbedingt zu kaufen. "Ich decke mich vor allem auf dem Wochenmarkt ein. Da weiß ich, wo das Fleisch herkommt." Nach dem Dioxin-Skandal lege sie darauf noch mehr Wert als früher, so Wesemann.

"Dieser Skandal ist das Resultat von Geldgier", meint Claus Gribbohm. Wenn mehr Leute nicht nur auf das Geld schauten und höhere Ansprüche an die Qualität stellten, würden solche Vorfälle nicht passieren. Vorübergehend hat der Händler von der Aufregung um dioxinverseuchtes Futter profitiert. Er habe in der Zeit sehr viel mehr Kundschaft gehabt. "Das lässt allerdings schon wieder nach".

Michael Dageförde (43) ist einer von Gribbohms Kunden. Seine Forderung: "Weg mit der industrialisierten Landwirtschaft. Dafür sollte jeder Einzelne etwas tun." Er kaufe Bio-Fleisch, weil er dann wisse, was er im Topf habe. "Das andere schrumpelt in der Pfanne zusammen und wird auch noch zäh", meint Dageförde.

Als "biologisch" dürfen Lebensmittel nur ausgezeichnet werden, wenn ihre Inhaltsstoffe zu mindestens 95 Prozent biologisch erzeugt worden sind, so die Europäische Kommission. Gribbohm formuliert es so: "An die Tiere wird nur vom Landwirt selbst erzeugtes Futter verfüttert." Außerdem werde ihnen mehr Zeit zum Wachsen gegeben als in der Massentierhaltung. Auch das Schlachten laufe anders ab. "Ruhephasen sorgen dafür, dass die Tiere dabei keine Stresshormone abgeben", so Gribbohm. Anderenfalls werde das Fleisch wässrig und verliere so an Qualität und an Geschmack. Der Geschmack ist auch für Ursula Koch(59) ein Grund, warum sie hin und wieder bei Gribbohm einkauft, meistens allerdings in herkömmlichen Schlachterläden. Auch da sei sie sicher, hochwertiges Fleisch zu bekommen.

Claus Schimmelpfennig (68), ein eher mäßiger Fleischesser, hält von Massentierhaltung nichts. "Ich kaufe mein Fleisch direkt vom Bauern." Die Entwicklung in der Landwirtschaft sieht er sehr skeptisch, auch Biogasanlagen sind ihm ein Dorn im Auge. Dafür und für die Intensivtierhaltung werde massenhaft Getreide angebaut, was Auswirkungen auf die Weltmarktpreise habe. Für die hungernden Menschen in den armen Ländern sei das tödlich. "Die können sich nicht einmal die Grundnahrungsmittel leisten." Bio sei dafür allerdings kein Heilmittel, so Schimmelpfennig. Auch für Traute Rodehorst (64) muss es nicht unbedingt bio sein. "Ich bin generell keine große Fleischesserin und wenn, dann kaufe ich beim Schlachter, von dem ich weiß, dass er die Tiere aus der Region bezieht". Massentierhaltung lehnt die 64-Jährige ab. "Wir produzieren bereits genug. Wenn das aufhören soll, müssen wir bereit sein, mehr zu zahlen".

Claus Gribbohm meint, in den Mastbetrieben fehle der Respekt vor dem Leben. "Ich sehe aber auch ein, dass bei dem derzeitigen Verbrauch von Fleisch eine zweite Erde her müsste, wenn man alles biologisch erzeugen wollte", sagt er.

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