Sparclub „Varreler Krug“ pflegt seit 93 Jahren die Gemeinschaft und organisiert auch den Varreler Markt Gemeinsam feiern, reisen, sparen

Stuhr-Varrel. Der Sparclub entstand in einer schwierigen Zeit. Am 4. Juni 1920 trafen sich acht Freunde im "Varreler Krug" und gründeten den Sparclub "Varreler Krug". Sie wollten damit den "Sparsinn der Mitglieder fördern und den Zusammenschluß einer Freundschaft herbeiführen und pflegen"– grundsätzliche Ziele, die die Mitglieder auch heute noch bewegen.
05.05.2013, 05:00
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Stuhr-Varrel. Der Sparclub entstand in einer schwierigen Zeit. Am 4. Juni 1920 trafen sich acht Freunde im "Varreler Krug" und gründeten den Sparclub "Varreler Krug". Sie wollten damit den "Sparsinn der Mitglieder fördern und den Zusammenschluß einer Freundschaft herbeiführen und pflegen"– grundsätzliche Ziele, die die Mitglieder auch heute noch bewegen.

Damals waren die Gründer fast alle sehr junge Menschen, die gerade erst den Weltkrieg überwunden hatten. Sie wollten etwas anderes tun, als sich mit Politik zu beschäftigen oder sich ihr unterzuordnen. Am 4. Juni aber, es war ein Freitag, standen die hiesigen Zeitungen voll von Politik. Im "Delmenhorster Kreisblatt" und in den "Täglichen Nachrichten" für den Kreis Syke und die Nachbargebiete wurde umfangreich über die Reichstagswahl, die Parteien, die Kandidaten, Links und Rechts und über Wahllügen berichtet, denn am darauf folgenden Sonntag, dem 6. Juni, war Reichstagswahl. Von der Gründung des Sparclubs wurde aus gleichem Grund auch in den nächsten Tagen nicht berichtet, aber wahrscheinlich haben es die Gründer auch nicht darauf angelegt.

Der "Varreler Krug", eine alte Varreler Gaststätte und früher auch einmal "Hülfs-Station" für Radfahrer, wurde damals von Mitglied und Vereinswirt Willi Wittrock betrieben. Es gab im Garten des "Kruges" eine Kegelbahn und man vertrieb sich die Zeit auch manchmal mit dem Kegeln. Es gab einen Kegelverein "Gut Holz", mit dem gemeinsam die ersten Sommerfeste durchgeführt wurden. Dazu gehörten dann auch kleine Kegelturniere.

Ohne Feiern geht es nicht in Varrel

Im Gründungsjahr 1920 war die Zeit für die Organisation eines Sommerfestes wohl zu kurz. Dafür gab es in den Folgejahren fast in jedem Jahr ein Frühlings- und ein Sommerfest mit Zelt- und Marktbetrieb. 1920 sorgte man erst einmal für eine ordentliche Satzung. Die "Statuten" wurden noch im selben Jahr gedruckt und enthielten in sieben Paragrafen schon die bis heute gültigen Grundsätze. Die Feste wurden in den ersten Jahren gemeinsam mit dem Kegelclub "Gut Holz" durchgeführt. Der Kegelclub wurde letztmalig im Protokollbuch zum 1. Oktober 1927 erwähnt.

Selbst die große Inflation, die 1922 zu galoppieren begann und den Beschluss auf Einstellung des Sparens herbeiführte, konnte nicht verhindern, dass die Varreler ihr Geld gleich auf einem gemütlichen Abend am 9. Dezember 1922 ausgaben.

1923, als die Inflation ihren Höhepunkt erreichte, wurde wieder ein Frühlingsfest am 3. Juni durchgeführt. Die Abrechnung lautete: Eintrittspreise für Kinder 200 Mark, für Herrn 2500 Mark, für Damen 1000 Mark. Einnahmen: 760150 Mark; Zuschuss vom Wirt:20000 Mark, Ausgaben: 323150 Mark; Kegeln: 23400 Mark; Garderobe: 29000 Mark; Überschuss: 509400 Mark.

Dieser Überschuss wurde alsbald auf einem gemütlichen Abend mit Kaffee und Kuchen in einem Festzelt unter anderem auch zur Verabschiedung des Vereinswirtes ausgegeben. Diese Abrechnung sah dann so aus: Ausgaben: 690000 Mark; Einnahmen: 370000 Mark; Fehl aus der Kasse 320000 Mark; noch in der Kasse 189400 Mark. Dieser Rest wurde dann laut Beschluss sofort in Cognacs umgesetzt.

Die Mitglieder, inzwischen waren es über 20, ließen sich nicht entmutigen und machten weiter. Am 9. Februar 1924 wurde schon die sofortige Wiederaufnahme des Sparens beschlossen. Am 14. September 1924 wurde erstmals der Name "Varreler Markt" für das Sommerfest genannt.

Am 15. Mai 1925 beschloss dann die Mitgliederversammlung, grundsätzlich zwei Feste im Jahr zu feiern: eines Anfang Juni und eines im Spätsommer. Damit wollte man auch vorübergehend Konkurrenz abblocken. Am 19. Dezember 1926 fand die erste Kohlfahrt nach Heiligenrode statt. Nach Beschluss vom 27. September 1924 wurde ein Vereinsabzeichen angeschafft.

Reiselustige Leute

Reisen bildet bekanntlich. Schon 1921 begannen die Mitglieder des Sparclubs und ihre Angehörigen, die nähere und weitere Umgebung Varrels zu bereisen. Anfangs nahm man Pferd und Wagen, das Rad oder die Eisenbahn. Später kamen das Auto und die Autobusse hinzu. Damit gingen die Reisen dann schon etwas weiter. Beliebte Ziele waren der Raum um Bad Oeynhausen und Detmold, Hamburg und der Harz. Hier im Umkreis besuchte man Worpswede, Lilienthal, Wildeshausen und andere Orte.

"Peter Ochs" wurde mehr für eine Fahrt in die Steller Heide oder für Umzüge durch den Ort gewählt. Dazu gibt es eine kleine Geschichte "up Platt" von Irmgard Wessels: "Us Grootvadder, Joseph Neumayr, hett to dissen Umtog anspannt mit "Peter", sien Oß. Dat mut noch voer 1924 wesen sien, denn in‘n April 1924 is use Opa all sturwen. Peter hett up Opa sien‘n smallspoorigen bayrischen Ledderwagen de Musikkapell dör Varrel trocken. Wat Peter so an sik harr: He weer nich de snellste un bleef af un to mal staan, üm sik to verpuußen. Opa, so hett us Vadder vertellt, hett em denn mit een langen Stock klaar maakt, dat dat wieder geiht. Släge hett he man nich krêgen. De luute Musik hett em sêker ok nich ut de Ro bröcht." Peter Ochs ist heute noch unser Vereinsmaskottchen, um das sich so manche Geschichte rankt.

Heute fahren die Sparclub-Mitglieder und Freunde mit modernen Reisebussen auch schon mal ins nahe Ausland. In neuerer Zeit gab es aber viel in den neuen Bundesländern für uns zu sehen.

Der Varreler Markt

Der Varreler Markt ist inzwischen ein Volksfest geworden und hat jetzt sein Domizil auf dem Gut Varrel gefunden. Von Anbeginn an, also vom Frühjahr 1921, wurde er mit Karussells und Buden jeglicher Art bestückt. Die Vielzahl der Feste, die in den ersten Jahren des Vereinslebens durchgeführt wurden, ist beeindruckend. Viele Jahre hindurch waren es zwei in jedem Jahr.

Heute lassen wir es mit dem Varreler Markt im Frühjahr, dem wieder eingeführten Pfingstbaumsetzen, der Kaffeefahrt im Sommer und der Kohlfahrt im Winter etwas ruhiger angehen. Wenn es dann noch gelingt, eine schöne Drei-Tages–Fahrt zu organisieren, sind unsere rund 125 Mitglieder – über das Jahr gesehen – gut dabei.

Wenn es irgendwie geht, nimmt der Sparclub auch an den verschiedenen Festen der befreundeten Vereine teil oder unterstützt sie bei ihren Festumzügen. Der Pfingstbaum stammt aus dem Hatter Forst und wurde im Laufe der Jahre deutlich verschönert.

Schwierige Jahre gemeistert

Gründungsvorsitzender war Friedrich Cordsen, der ein Jahr im Amt blieb. Dann kam die lange Zeit des Vorsitzenden Heinrich Neumayr. Er hat es verstanden, mit Geschick den Verein über die schwierigen Jahre zu bringen. 1922 und 1923 die schlimmen Jahre der Inflation, gleich danach der Wiederanfang, und schon kam die schwere Zeit der hohen Arbeitslosigkeit und der wirtschaftlichen Not. Der Verein hat trotzdem immer gut gewirtschaftet, wie aus seinen Protokollbüchern hervorgeht, und konnte sogar kleine Darlehen an Mitglieder vergeben, damit die Bankzinsen sie nicht so heftig trafen.

Kaum war diese Zeit überwunden, musste man sich mit der neuen politischen Lage auseinandersetzen. Heinrich Neumayr hat 1985 in einem Interview einmal gesagt, dass der Varreler Markt von einigen Leuten als "Gewerkschaftsfest" eingestuft wurde. D. Drewes wurde am 6. Dezember 1930 vorübergehend 1. Vorsitzender.

Die Mitglieder wussten sich zu helfen. Nachdem sie 1929 die Satzung ab 1930 um den Punkt ergänzt hatten, die Vereinsarbeit "unter Ausschluß jeglicher politischer Tendenz" zu leisten, beschlossen sie am 16. Dezember 1933 die Auflösung des Vereinsvermögens. Es wurde auf die einzelnen Mitglieder verteilt. Damit wollte man der damals betriebenen (politischen) "Gleichschaltung" der Vereine und Organisationen entgehen. Der Verein wurde in Ruhe gelassen und Heinrich Neumayr 1934 wieder als Vorsitzender (bis zum 5. Dezember 1953) gewählt.

Aber die schlimmste Zeit kam noch: Der Zweite Weltkrieg brach aus. Viele Mitglieder fielen im Krieg oder kamen verwundet zurück. Am 9. Dezember 1939 gab es für fast zehn Jahre die letzte Eintragung im Protokollbuch. Erst am 12. Dezember 1947 gab es wieder eine Generalversammlung, zu der der Vorstand und fünf Mitglieder kamen.

Auf der Frühjahrsgeneralversammlung am 22. Mai 1948 beschlossen dann der Vorstand und 13 anwesende Mitglieder, den Sparbetrieb wieder aufzunehmen. Schließlich musste man dann noch die Währungsreform überstehen, aber am Ende des Jahres hatte der Verein wieder 48 Mitglieder.

Von 1953 bis 1985 war dann Heinz Mahlstedt unser 1. Vorsitzender. Unter seiner Leitung entwickelte sich der Verein zu einem richtigen Heimatverein, der sich mit vielen Dingen des Ortes Varrel beschäftigt. Der Varreler Markt wurde zum ältesten und damals einzigen Volksfest in der näheren Umgebung. Von 1985 an leitet Jürgen Timm mit seinen Vorstandskolleginnen und Kollegen den Verein. 1992 haben die Mitglieder ihre Satzung auch um die Heimatpflege erweitert.

Was sich heute so tut

Der Verein stellt in der Kategorie der Sparclubs eine Ausnahme dar. Von Beginn an wurde die Aufgabe des Vereins als eine für die Allgemeinheit definiert. Volksfeste, Seniorenfahrten, Adventsnachmittage, Kaffeefahrten und die Teilnahme an heimat- und brauchtumspflegerischen Aufgaben und Veranstaltungen bestimmen seit nunmehr 93 Jahren das Vereinsgeschehen. Die Mitglieder tragen mit ihrer finanziellen und praktischen Leistung zum Gelingen bei. In den Anfangszeiten wurde Nicht-Mitwirkung durch Kürzung des Spargeldes abgegolten.

Seit dem 27. Oktober 2002 ist unser Verein mit seinem neuen Namen, den wir um die wesentlichen Aufgabentatbestände ergänzt haben, in das Vereinsregister eingetragen. Damit mussten wir auch den ständig höheren Anforderungen durch das Vereins- und Steuerrecht Rechnung tragen.

Wir haben viele Aktive, die sich in die Bewältigung von vielfältigen Aufgaben, die unseren Ort betreffen, einbringen. Wir pflegen die Gemeinschaft. Zu unserem 93-jährigen Jubiläum werden wir wieder viele gut gelaunte Gäste haben.

Gemeinsam feiern, reisen, sparen

Sparclub „Varreler Krug“ pflegt seit 93 Jahren die Gemeinschaft und organisiert auch den Varreler Markt

Der 93. Varreler Markt auf dem Gut Varrel beginnt in diesem Jahr schon am Donnerstag, 9. Mai. Ab 11 Uhr gibt es einen Himmelfahrtsfrühschoppen mit Blasmusik. Am Sonnabend, 11. Mai, startet der Varreler Markt um 14 Uhr auf dem Gut Varrel. Auf dem nahen Bolzplatz findet gleichzeitig ein freier Flohmarkt statt. Ab 15 Uhr gibt es Kaffee und Kuchen, organisiert vom Förderverein "Gut Varrel". Ab 20 Uhr startet die Scheunenfete "Varrel@night" mit Charts- und Party-Musik von DJ Tim & Marco.

Am Sonntag, 12. Mai, startet das Marktgeschehen um 11 Uhr mit dem Frühschoppen und den Musikfreunden Stuhr und der altbekannten Blumentombola zum Muttertag. Mittags gibt es Erbsensuppe, nachmittags Kaffee und Kuchen, organisiert vom Sparclub. Um 15.30 Uhr spielt das Puppentheater der Villa Kunterbunt aus Bremen das Stück von der "Verschwundenen Gretel" für Jung und Alt.

An beiden Tagen gibt es Fahrgeschäfte, Stände, Getränke, Eis und Bratwurst. Der Eintritt ist frei. Ein Sicherheitsdienst ist im Einsatz. Wir bitten die Besucher, nur den Parkplatz an der Straße "Varreler Feld" zu benutzen und sich nicht nach der GPS-Anschrift für das Gut Varrel zu richten. Die Flohmarktaussteller müssen ihre Fahrzeuge ebenfalls dort abstellen.

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