Gedenktafel zu Ehren von Bernhard Poelder / Jahrelang politischer Widerstand gegen den Nationalsozialismus

Geschlagen, getreten und wieder aufgestanden

Es ist Montag, der 4. Oktober 1933. Bernhard Poelder ist in Kirchweyhe, um Bekannte zu besuchen. Er ahnt nichts Böses, doch was ihm an diesem Tag passiert, wird vielen Weyhern noch jahrelang in Erinnerung bleiben.
09.11.2013, 00:00
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Geschlagen, getreten und wieder aufgestanden
Von Onno Kutscher
Geschlagen, getreten und wieder aufgestanden

Bernhard Poelder.

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Es ist Montag, der 4. Oktober 1933. Bernhard Poelder ist in Kirchweyhe, um Bekannte zu besuchen. Er ahnt nichts Böses, doch was ihm an diesem Tag passiert, wird vielen Weyhern noch jahrelang in Erinnerung bleiben.

Wenn Weyhes Gemeindearchivar Hermann Greve über Bernhard Poelder spricht, merkt man schnell: Dieses Thema bewegt ihn. „Er war einer der profiliertesten Politiker dieser Region. Was man mit ihm gemacht hat, ist schrecklich“, sagte Greve. Was aber meint der Gemeindearchivar damit? Ende der 1970er-Jahre bekam Greve die Akte von Poelder in die Hände und begann mit seinen Nachforschungen. Die brachten zutage, was am 4. Oktober 1933 mit dem SPD-Politiker in Weyhe passiert ist.

Poelder war am besagten Tag in Kirchweyhe, um Verwandte zu besuchen. Am Abend macht er sich mit dem Fahrrad auf den Weg nach Arsten, dort lebte seine Tochter. Laut Dokumenten, die Greve vorliegen, wurde er dort von Männern der SS in Empfang genommen. Poelder schrieb später, was dann passierte: „Man wollte mich gewaltsam in das Auto zerren. Ich leistete Widerstand, wurde aber geschlagen und dann doch in das Auto gezerrt, das mich nach Kirchweyhe brachte.“ Dort angekommen, wurde er vor einem Gasthaus am Bahnhof mit Faustschlägen ins Gesicht empfangen. Das reichte den Männern der SS aber nicht. „Danach wurde er weiter gedemütigt“, sagte Greve.

Man hängte Bernhard Poelder eine Trommel um, und er wurde – begleitet von etwa 30 bis 40 Männern der SA und SS – durch die Straßen Kirchweyhes getrieben. Mehrmals soll er laut Greves Recherchen zusammengebrochen sein. Zurück am Bahnhof angekommen, hatte sich eine Menschenmenge eingefunden, die das Treiben beobachtete. Einer davon war der Vater von Ingrid Söfty.

„Ich weiß von den vielen Erzählungen meines Vaters, wie schlimm das gewesen sein muss“, sagte Söfty und ergänzte: „Mein Vater war immer sehr aufgewühlt, wenn er davon berichtet hat.“ Erst als überraschend die Polizei eintraf, konnte Bernhard Poelder laut Greve, aus dieser bedrohlichen Lage befreit werden.

Warum aber war Bernhard Poelder den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge? Er wurde 1889 in Gelsenkirchen geboren und kam 1921 nach Kirchweyhe. Zuvor lebte er in Münster und arbeitete dort als Betriebsrat bei der Reichsbahndirektion. Als der Sozialdemokrat nach Kirchweyhe kam, war der dortige Bahnhof einer der größten Rangierbahnhöfe in Norddeutschland. Bis 1932 war er hier als Gewerkschaftssekretär des Deutschen Eisenbahner-Verbandes tätig. Probleme mit den Nationalsozialisten bekam Bernhard Poelder aber vor allem wegen seines politischen Engagements.

Ab 1924 gehörte er dem Gemeinderat in Kirchweyhe und ab 1925 dem Kreistag in Syke an. 1932 organisierte Bernhard Poelder im Kreis Syke Großkundgebungen der Eisernen Front und warnte vor der drohenden braunen Diktatur. Immer wieder lieferte er sich auch Auseinandersetzungen mit Rednern der NSDAP. Aber auch nach dem Krieg blieb er politisch aktiv und wurde von der britischen Militärregierung zum Bürgermeister der Stadt Syke ernannt.

Eine Poelderstraße gibt es in Weyhe bereits. Um seinen Einsatz gegen den Nationalsozialismus zu würdigen und daran zu erinnern, wird heute ab 16 Uhr von der Gemeinde Weyhe die Poelder-Gedenktafel im Bahnhof Kirchweyhe eingeweiht.

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