1000. Werk von Wolf E. Schultz vervollständigt das Skulpturenufer am Huder Bach / Gemeindeverwaltung: Markenzeichen für den Ort "Gesichter aus aller Welt" im Stamm einer Eiche

Hude. Die Nummer 1000 mutet ein bisschen an wie ein Totempfahl. In alle Richtungen blicken aus dem massiven Eichenstamm herausgearbeitete menschliche Gesichter über das Skulpturenufer am Huder Bach. Dort ist sie seit Kurzem aufgestellt: Die 1000. Skulptur von Wolf E. Schultz. Soviel wollte er schaffen in seinem Leben, hatte er sich vor gut vier Jahrzehnten vorgenommen.
22.07.2011, 05:00
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Von Ute Winsemann

Hude. Die Nummer 1000 mutet ein bisschen an wie ein Totempfahl. In alle Richtungen blicken aus dem massiven Eichenstamm herausgearbeitete menschliche Gesichter über das Skulpturenufer am Huder Bach. Dort ist sie seit Kurzem aufgestellt: Die 1000. Skulptur von Wolf E. Schultz. Soviel wollte er schaffen in seinem Leben, hatte er sich vor gut vier Jahrzehnten vorgenommen.

Für Huder Spaziergänger ist die Freiluft-Ausstellung auf der Brachfläche abseits des Vielstedter Kirchwegs längst nichts Besonderes mehr. Ist sie aber doch, findet Wulf Schiefenhövel, Anthropologe und Humanethologe und derzeit Gastwissenschaftler am Hanse-Wissenschaftskolleg (HWK) in Delmenhorst. Mit der Distanz des Fremden stellt er fest: "Das ist eine einmalige Sache. Man muss lange suche, bis man so etwas findet." Er selbst hatte das Skulpturenufer eher zufällig entdeckt, als er radelnd die Umgebung erkundete, und "meinen Augen nicht getraut". Bemerkenswert findet Schiefenhövel nicht nur die Anlage selbst, deren Grundidee mittlerweile vereinzelt anderswo abgekupfert worden ist, sondern auch ihre Verbindung mit "einer ganzen Menge Historie" im Ort.

Solches Lob freut neben dem Künstler Schultz, den Schiefenhövel mittlerweile schon für einen Beitrag zu einem Buch gewonnen hat, auch die Gemeinde. Der für Kultur zuständige Fachbereichsleiter Uwe Schubert meint, dass Skulpturen inzwischen zu einem Markenzeichen für Hude geworden seien - schließlich stehen nicht nur draußen am Wanderweg welche, sondern auch an verschiedenen anderen Stellen im Ort.

Auf der Wiese sollten es einmal 20 werden. Zwischenzeitlich waren es sogar doppelt so viele. Doch mittlerweile sind die ersten wieder verschwunden. Bei einer Skulptur, die er hatte verkaufen wollen, hatte Wolf E. Schultz schon vor längerer Zeit festgestellt, dass sie von außen zwar noch ganz proper wirkte, von innen aber unrettbar verrottet war. Und bei einem Ortstermin vor Kurzem, an dem auch der mit der Pflege des Geländes beauftragte Kommunalservice Nordwest beteiligt war, wurde verabredet, dass drei weitere weichen mussten. Eine Prüfung hatte ergeben, dass sie nicht mehr ausreichend standfest waren. "Wir haben hier die Verkehrssicherungspflicht", erläutert Schubert. Die Gemeinde müsse also Sorge tragen, dass etwa Kinder, die an einer Skulptur hochzuklettern versuchen, nicht von ihr erschlagen werden.

Ansonsten aber halte sich der Aufwand für das Gelände in Grenzen. Gerade ist frisch gemäht worden. Das ist aber nur zwei Mal im Jahr vorgesehen. Denn es ist durchaus beabsichtigt, dass die Natur sich ein bisschen austoben kann, schließlich ist das Gelände offiziell nicht nur eine Kunstgalerie unter freiem Himmel, sondern auch eine Ausgleichsfläche dafür, dass anderswo Natur zugebaut wurde.

"Das ist hier kein englischer Park", fasst Schubert zusammen. Wolf E. Schultz ist das nur recht. Ihm reicht es, wenn die Fläche baumfrei bleibt, damit die Kunst zur Geltung kommen kann. Dass die Natur sich ihrer bemächtigt - ihn stört's nicht. Im Gegenteil, mit einem Schmunzeln erzählt er, wie Greifvögel sich vorzugsweise auf den höheren Skulpturen niederlassen "und protzen". Davon zeugten dann auch "weiße Auszeichnungen".

Die könnten auch die 1000. Skulptur bald zieren. Denn der aufrecht stehende Stamm ragt mehrere Meter nach oben. "Gesichter aus aller Welt" hat Wolf E. Schultz darauf verewigt. Ganze vier Tage hat er gebraucht, um sie zuerst mit der Motorsäge, dann mit feinerem Werkzeug aus der dicken Huder Eiche herauszuholen. "Das Arbeiten muss man sich wie einen Rausch vorstellen", beschreibt er. "Hunger und Durst spielen keine Rolle, man will wissen, wie das nächste Gesicht aussieht." Erst hatten es konkrete Menschen werden sollen, berichtet der Bildhauer. Doch dann wurden es doch eher Symbole für Erlebnisse in seinem mittlerweile 71-jährigen Leben, "Traumgestalten", wie er sagt.

Aufgestellt worden ist die Skulptur jetzt, fertig geworden war sie aber schon im vorigen Sommer. "Ganz erleichtert" habe er sich da gefühlt, blickt der Künstler zurück. Denn als er sich mit 30 Jahren - nach zwei bürgerlichen Berufen - für die Bildhauerei entschied, habe er sich vorgenommen, 1000 Skulpturen zu schaffen. Dieses Pflichtgefühl sei jetzt von ihm abgefallen. Ein paar weitere hat er seitdem zwar doch noch angefertigt, aber die schwersten Motorsägen und den Lieferwagen für den Transport hat er inzwischen schon abgeschafft. "Damit das in der Seele ankommt, dass jetzt andere Themen dran sind."

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