Kinderrechte

„Gewaltfreie Erziehung ist ein Muss“

Der Hepstedter Musikpädagoge und Liedermacher Florian Müller setzt sich für Kinderrechte ein. Was sich dahinter verbirgt, erzählt er im Interview.
12.12.2019, 12:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Irene Niehaus
„Gewaltfreie Erziehung ist ein Muss“

Florian Müller mit seiner Ukulele. Bei seinen Besuchen in Kindergärten und Schulen nimmt er meistens eine

Gitarre mit.

Christian Kosak

Herr Müller, das Thema Kinderrechte ist gerade in aller Munde, sie sollen ja auch im Grundgesetz verankert werden. Warum sind sie Ihnen wichtig?

Florian Müller: Die Kinderrechte sind sehr wichtig für ein gutes und glückliches Aufwachsen unserer Kinder. Kinder brauchen einen besonderen Schutz, um nicht ausgenutzt zu werden, es sind Rechte, die über die allgemeinen Grundrechte hinausgehen. Oder wie ich es in meinem Bilderbuch ‚Max und die Kinderrechte‘ geschrieben habe: „Das sind Bestimmungen, die extra für euch Kinder gemacht wurden. Die sind dafür da, dass wir Erwachsenen die Regeln einhalten und ihr dadurch geschützt aufwachsen könnt."

Warum widmet sich Ihr drittes Bilderbuch den Kinderrechten?

Ich habe festgestellt, dass die meisten Kinder gar nicht wissen, dass sie eigene Rechte haben und was die für sie bedeuten. Manchmal kommt es in der musikalischen Früherziehung, im Grundschulunterricht oder bei Konzerten und Bilderbuch-Kino zu Momenten, in denen ich mit den Kindern über ihre Rechte ins Gespräch komme. Und immer noch viel zu oft höre ich dann Dinge, die ich eigentlich gar nicht mehr hören will.

Was genau meinen Sie?

In meinem Lied ‚Stopp, ich mag das nicht‘ geht es auch darum, dass jemand beim Fußballspielen geschubst wird, dass ein Kind nicht auf das Klettergerüst gelassen wird oder die Sandburg kaputt gemacht wird. Ich frage die Kinder dann, was man machen kann, damit das nicht passiert. Was sie tun können, wenn sie nicht geärgert werden möchten. Stopp sagen! Stopp, ich mag das nicht. Leider höre ich dann auch, dass immer noch Eltern ihre Kinder schlagen. Das ist ein Skandal und das geht nicht.

Und wie reagieren Sie auf diese Äußerungen?

Ich sage ihnen dann, dass niemand geschlagen werden darf. Sie sind dann oft erstaunt, weil sie denken, dass das normal ist. Und das ist eine Katastrophe. Kinder dürfen nicht das Gefühl haben, dass Gewalt gegen sie okay ist. Kinder haben ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung. Und da gehört auch der Klaps auf den Po oder das Ziehen an den Ohren dazu. Jegliche Form von Gewalt gegen Kinder ist verboten und in keiner Weise zu tolerieren.

Das deutsche Kinderhilfswerk hat in diesen Tagen eine Studie herausgegeben, wonach Niedersachsen beim Umgang mit Kinderrechten zur Spitzengruppe der Bundesländer zählt. Niedersachsen erzielt vor allem hohe Werte beim Lebensstandard und der Gesundheit.

Trotzdem gibt es immer noch schwarze Schafe, immer noch werden die Rechte der Kinder nicht eingehalten, und immer noch sind wir alle dafür verantwortlich, dass die Kinder ihre Rechte kennenlernen und diese dann auch eingehalten werden. Dazu gehört auch, dass wir Erwachsenen uns die Meinung der Kinder anhören müssen und uns damit beschäftigen und diese ernst nehmen müssen. Auch wenn diese Studie es so sagt, sind wir noch lange nicht am Ziel. Wir haben uns gerade erst auf den Weg gemacht. Schwierig ist es bei den Kindern, die noch nicht für ihre eigenen Rechte einstehen können. Die benötigen ganz besonders unseren Schutz.

Wie sind Sie denn selbst aufgewachsen?

Sehr behütet und frei, wir pflegten einen respektvollen Umgang, und wir Kinder durften unsere Meinung sagen. Ich habe viel mit meinen Brüdern und Eltern gemacht.

Der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff meint, immer mehr Eltern sind zu nachgiebig, gestehen den Kindern mehr Freiheiten und Rechte zu, als beide Seiten brauchen und ertragen. Mit partnerschaftlichen Entscheidungen überfordern sie die Kleinen, statt klare Regeln aufzustellen, die dem Leben ihrer Kinder Orientierung geben, sagt er.

Das ist Quatsch. Ich weiß nicht, was der Herr Winterhoff damit bezwecken will. Wir brauchen Kinder, die es gelernt haben, sich für ihre Rechte stark zu machen und auch gelernt haben, dass sie damit ernst genommen werden. Ich finde nicht, dass Kinder damit überfordert sind, ihre Meinung zu sagen. Meistens sind es die Erwachsenen, die damit überfordert sind, wenn Kinder ihre Meinung sagen. Sie haben wohl Angst davor, die Kontrolle über ihre Kinder zu verlieren. Das wird aber nur passieren, wenn wir unsere Kinder nicht ernst nehmen und sie mit Regeln und Bestrafungen unterdrücken. Ich bin auch der Meinung, dass ich meinem Kind gerade dann Orientierung gebe, wenn ich es unterstütze und mich mit seiner Sicht der Dinge auseinandersetze. Das bedeutet natürlich, dass ich mir Zeit nehmen muss für meine Kinder und mich in deren Lebenssituation eindenken muss. Und dann müssen diese Menschen lernen, dass ihre Kinder keine Statussymbole sind, die morgens in die Betreuung gegeben werden und erst spät abends wieder abgeholt werden, damit man selber eine ungestörte Karriere machen kann.

Und Kinder wollen keine Ganztagsbetreuung?

Nein. Hätten Sie Lust, den ganzen Tag fremd betreut zu werden? Kinder möchten sich lieber mit Freunden verabreden und unbeobachtet und ungestört spielen. Das geht in Ganztagseinrichtungen nicht. Oder sie möchten etwas in einem Verein machen. Aber welches Kind hat denn noch Lust, wenn es um 17 Uhr aus der Betreuung kommt, noch einmal los zu müssen? Das können Schule und Kindergarten in Ganztagsbetreuung nicht auffangen. Hier wird dem Kind das Recht auf Freizeit genommen. Kinder müssen nur noch funktionieren und können ihre Kindheit doch gar nicht mehr wirklich ausleben.

Welches Kinderrecht halten Sie für das wichtigste?

Das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung. Ich glaube, dass in vielen Familien der Klaps auf den Po noch als normal angesehen wird. Da geht es um Gewalt eines Stärkeren gegen einen Schwächeren. Schläge schaden Kindern, sie stärken die nicht. Sie sind kein Ausdruck von Stärke, sondern entweder von Unwissenheit, von Hilflosigkeit oder aber leider einfach viel zu oft einfach nur von Macht gegenüber Schwächeren. Aber nicht nur die körperliche Gewalt ist damit gemeint. Auch psychische Gewalt steckt da mit drin. Diese kann genauso viel Schaden anrichten wie die körperliche Gewalt.

Was wünschen Sie sich für Kinder?

Eltern sollten ihren Kindern einen respektvollen Umgang vorleben und sie ernst nehmen. Sie sollten sich Zeit für sie nehmen und sich mit ihnen beschäftigen, sich mit ihnen unterhalten, an ihren Interessen teilhaben statt sie allein an der Playstation spielen zu lassen. Wenn ich keine Verrohung der Gesellschaft haben möchte, dann ist jeder gefordert, etwas zu machen. Dann kriegen wir starke Kinder, die für ihre Meinung einstehen, die sagen, ich lasse Respektlosigkeiten, Gewalt und Hass nicht zu.

Das Gespräch führte Irene Niehaus.

Info

Zur Person

Florian Müller

ist Sänger und Liedermacher aus Hepstedt und ausgebildeter Erzieher und Sozialarbeiter. Seit 2005 arbeitet der 46-Jährige als freiberuflicher Musikpädagoge in Kindergärten, Schulen und einer Musikschule. 2019 erschien sein drittes musikalisches Bilderbuch: „Max und die Kinderrechte“. Er hat zudem eine ganze CD zum Thema Kinderrechte herausgebracht.

Info

Zur Sache

UN-Kinderrechtskonvention

Vor 30 Jahren verabschiedeten die Vereinten Nationen die Kinderrechtskonvention. Sie garantiert jedem Kind den Anspruch auf Schutz, Förderung und Beteiligung, das Recht auf Meinungs- und Religionsfreiheit, auf Bildung und Gesundheit. Genauso lange wird darüber diskutiert, Kinderrechte ausdrücklich im Grundgesetz zu verankern. Der aktuelle Koalitionsvertrag sieht eine solche Grundgesetzänderung vor. Florian Müller hat ein Buch für Kinder geschrieben, eine musikalische Geschichte über Kinderrechte, die er in Kitas und Schulen vorstellt. Sein Bilderbuch-Kino „Max und die Kinderrechte“ zeigt der 46-Jährige das nächste Mal am Freitag, 13. Dezember, im Kindergarten Grasberg (interne Veranstaltung).

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