Mühle, Hof, Kirche: Besucher pilgern am Pfingstmontag in die Gemeinde Martfeld „Glück zu“ – so heißt der Müllergruß

Mühle, Hof und Kirche lockten am Pfingstmontag, dem Deutschen Mühlentag, viele Besucher in die Gemeinde Martfeld. Die Initiative der Deutschen Gesellschaft für Mühlenkunde und Mühlenerhaltung (DGM), den Deutschen Mühlentag auszurufen, soll Besuchern das alte Müllerhandwerk nahe bringen und ins Bewusstsein rücken, dass die Geschichte der Mühlen fast so alt wie die Geschichte der Menschheit ist.
11.06.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von BÄRBEL RÄDISCH

Mühle, Hof und Kirche lockten am Pfingstmontag, dem Deutschen Mühlentag, viele Besucher in die Gemeinde Martfeld. Die Initiative der Deutschen Gesellschaft für Mühlenkunde und Mühlenerhaltung (DGM), den Deutschen Mühlentag auszurufen, soll Besuchern das alte Müllerhandwerk nahe bringen und ins Bewusstsein rücken, dass die Geschichte der Mühlen fast so alt wie die Geschichte der Menschheit ist.

Rund um die Fehsenfeldsche Mühle hatten Anbieter Stände aufgebaut und boten Schmuck, Pflanzen, Kissen und Tischsets an. „Ich habe meine Freundin Anja Schöne aus Lilienthal eingeladen, ihre Gießkannen anzubieten“, erzählte Kerstin True. Dabei zeigte sie auf die großen und kleinen Modelle, die mit Serviettentechnik verziert und mit zarten Blumen bemalt sind. „Für meine bügelfreien Viskosetücher finde ich dagegen keine Käufer. Es ist heute einfach zu heiß“, bedauerte Kerstin True. Mit einem Lächeln zog sie die Schultern hoch. Am Weidezaun entlang hatte der Martfelder Heimat- und Verschönerungsverein (HVV) viele alte Garten- und Ackergeräte aufgereiht, die von 1800 bis 1900 benutzt worden. Forken, Strohschneider und ein Dreschflegel lehnten neben einem Butterfass und einem Reepschläger.

In der Fehsenfeldschen Mühle hingegen war es angenehm kühl an diesem schwülen Vorsommertag. Man musste sich zuerst an das Dämmerlicht gewöhnen, um „De Klockenschooster“ Peter Mahlstedt aus Hilgermissen zu sehen. Er nahm zum ersten Mal an der Veranstaltung teil. Vor ihm auf dem Tisch lagen Armband- und Taschenuhren, Rädchen und Werkzeuge zur Reparatur. „Ich fahre als mobiler Uhrmacher zu den Leuten, wenn sie Hilfe bei einem Problem mit ihrer Uhr brauchen. Eine Standuhr oder ein großer Regulator ist nicht so einfach außer Haus zu schaffen“, erzählte Peter Mahlstedt.

Wieder zurück im Sonnenlicht fiel der Blick auf zwei Besucher mit Motorrädern. Christa und Wolf Friedrichs aus Schwaförden waren sofort von Interessierten umringt, die mehr über diese schwarzen Motorräder wissen wollten, denen etwas Archaisches anhaftete. „Ein D-Rad R04 von 1927 und ein D-Rad R06 von 1928. Nur wenige Modelle davon sind noch auf der Straße“, befriedigte Wolf Friedrichs die Neugier. „Und so ein altes Ding fährt noch?“, fragte ein Besucher. „Wir sind ohne Probleme hergekommen“, lachte Christa Friedrichs und strich über den ausladenden Ledersattel, dem man die Jahre ansah.

Von hohem Alter zeugt auch Rennig Söffkers Hof in Martfeld. Könnten die ältesten Mauern des Anwesens reden, erzählten sie vielleicht vom achten Jahrhundert, als Karl der Große begann, auch in dieser Gegend die germanischen Völker zum Christentum zu bekehren. Zu der Zeit gehörte schon eine Kapelle dazu. „Der Name Rennig kam schon immer auf dem Hof vor. Ich bin stolz, ihn zu tragen“, sagte der 44-Jährige und wischte sich dabei den Schweiß von der Stirn. „Ich habe gerade ein Schaf 100 Meter über die Weide in den Schatten gezogen, das wohl zu lange in der Sonne gelegen hat. Ist zwar nicht mein Schaf, aber meine verpachtete Weide.“ Der Schweiß stand ihm noch auf der Stirn, als acht Besucher von seinem Angebot Gebrauch machten, mit ihm auf einen seiner Äcker zu fahren und etwas über ökologischen Anbau zu erfahren. Nicht nur um fremde Schafe kümmert sich der Landwirt, er musste sich auch plötzlich um den Hof kümmern, als 1988 sein Vater starb. „Mein Vater hat die Wurzeln zum Biolandbau schon gelegt. Ich wollte dann den Kontakt zu den Menschen, die meine Produkte essen, beispielsweise Spargel, Kartoffeln und Erdbeeren, und habe 2002 den Anbau umgestellt.“

Mit einer Grabegabel bewaffnet und der Aufforderung „Mir nach!“ stapfte Rennig Söffker mitten in ein Feld mit halbhohen kräftigen Grünpflanzen und erklärte: „Auf dieser Fläche waren die Erdbeeren von einem Pilz befallen. Spritzen geht nicht auf einem Verbands-Biohof. Also habe ich angefangen, mit der Aussaat von Ölrettich zu experimentieren. Die Pflanze wird gehäckselt, eingearbeitet und gewässert und tötet den Pilz ab. Bodenproben bestätigten das. Ein Jahr später können dann wieder Erdbeeren gepflanzt werden.“ Dann stach Rennig Söffker mit seiner Gabel in den Boden, nahm einen Brocken Erde in die Hand und zeigte: „Es wimmelt von Regenwürmern, die den Boden locker machen. Ein wunderbarer Nebeneffekt der Natur.“

„Im Winter habe ich Seminare über Kompostbereitung besucht, und neuerdings interessiert mich brennend sogenannter Komposttee, der in Amerika bekannt ist und als Düngemittel angewendet wird“, erzählte der Landwirt. Dabei klingelte unentwegt das Telefon. „Wir müssen zurück zum Hof. Ich werde gebraucht.“ Es herrschte tatsächlich reges Treiben auf dem Hof. Fast die gesamte Familie stand an Pfannen mit Wurst, Bratkartoffeln und dem Topf mit Spargelsuppe, um den Ansturm der Besucher zu bewältigen.

Mitten zwischen den Eichen vor dem Hof hatte Bea Linnert aus Bassum vier Stunden lang am Morgen ihren Baum-Zirkus fixiert, ohne die Bäume zu beschädigen. Im Hauptberuf ist sie Baumpflegerin. Große Schlingen an Tauen, Rundhölzer zwischen Ketten, mit Seilen verbundene Trittbretter luden dazu ein, das Gleichgewichtsgefühl zu erproben. „Die meisten denken, es ist was für Kinder, aber nichts spricht dagegen, es auch als Erwachsener auszuprobieren.“

Während des Besuchs auf dem Acker hatte Puppenschwester Barbara Hache für die Lütten kleine Stücke mit Kasper und anderen Figuren aufgeführt. In unmittelbarer Nachbarschaft, in der Martfelder Catharinen-Kirche, sang ab 16 Uhr der Projektchor. Am entgegengesetzten Ende von Martfeld konnte schließlich in der Stühr-Mühle zu Kaffee und Kuchen eingekehrt werden. Sie wurde nicht nach ihrem Besitzer benannt, sondern ihr Name wurde den Martfeldern zufolge vom Wort Stüh abgeleitet, dem irgendwann noch ein R angehängt wurde. Der Begriff gehe auf das niederdeutsche Wort Stude, sprich Staude, zurück. Damit sei Buschwerk gemeint, das aus einem abgeholzten Wald aufschieße. Übrigens: Der Müllergruß heißt „Glück zu“. Und alle Beteiligten an diesem Mühlentag schienen glücklich und zufrieden.

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