Lockdown und Gesetzesnovelle

Online-Glücksspiel auf dem Vormarsch

Der Bund plant die landesweite Legalisierung des Online-Glücksspiels. Suchtexperten kritisieren den Plan. Zwar sei trotz des Lockdowns kein massiver Zulauf zu spüren, das könne sich ab Sommer aber ändern.
27.01.2021, 17:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Imke Molkewehrum

Während des Lockdown versuchen die Menschen, sich die Zeit zu vertreiben. Einigen fehlt die angestammte Spielhalle um die Ecke. Allein in Bremen Nord gibt es 27 Standorte sowie zwei Wettbüros. Da zieht es viele Glücksspiel-Fans auf illegale Plattformen im Internet. Tobias Hayer ist Experte für Glücksspielsucht. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bremen und kritisiert den Vorstoß der Regierung, das Online-Glücksspiel im Sommer zu legalisieren. Ganz unabhängig von der Pandemie.

Im Lockdown gebe es natürlich Spieler, die vermehrt im Internet zocken, „aber die Befunde zur Pandemie zeigen international, dass das Online-Segment nicht durch die Decke geschossen ist“, betont der 46-Jährige. „Es gibt durch Corona weniger Neukunden als erwartet. Eher sind die ohnehin Spielaffinen umgestiegen. Ein echter Gewinner ist allerdings Lotto.“

„Pandemie kann Chance für Ausstieg aus der Spielsucht sein“

Der Einfluss des Lockdown auf die Spielsucht sei in Deutschland noch nicht erforscht worden, „Praktiker sagen aber, dass die Pandemie auch eine Chance für den Ausstieg sein kann, weil die terrestrischen Spielbanken und Spielhallen geschlossen sind und Sportwetten eine Zeit lang nicht möglich waren“, so der Wissenschaftler.

Unabhängig von der Pandemie planen die Bundesländer schon seit Jahren, dem Schwarzmarkt im Online-Bereich das Wasser abzugraben, schließlich gehen dem Staat gewaltige Steuereinnahmen durch die Lappen. Womöglich tritt der neue Glücksspielstaatsvertrag im Juli dieses Jahres in Kraft.

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Damit das Gesetz umgesetzt werden kann, müssen mindestens 13 Landesparlamente zustimmen. Wird der Vertrag tatsächlich ratifiziert, können Online-Casinos in Deutschland fortan Lizenzen beantragen. Virtuelles Automatenspiel, Online-Poker und Online-Casinospiele wären erstmals landesweit legal. Bislang ist das Online-Glücksspiel lediglich in Schleswig-Holstein zugelassen.

Experten befürchten, die Zahl der Spielsüchtigen könne steigen. „Das Gesetz sehen wir kritisch“, sagt auch Tobias Hayer. „Bisher sind die Australier die Weltmeister beim Glücksspiel, und England ist die Wett-Nation, aber auch in Deutschland gibt es eine massive Zunahme an Spielanreizen.“

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Erhöhung der Spielanreize nach Gesetzesänderung 2006

Derzeit sieht der Psychologe vor allem drei Trends kritisch: „Der erste Trend betrifft die Sportwetten mit einem extrem dynamischen Markt. Das zweite problematische Segment umfasst die Geldspielautomaten in Spielhallen und Gaststätten. Dort gab es eine deutliche Erhöhung der Spielanreize nach einer Gesetzesänderung in 2006. Der Umsatz ist im Anschluss in die Höhe geschnellt. Und das dritte Segment ist das Online-Glücksspiel, das seit Jahren immer weiter wächst.“ Verifizieren lasse sich dies nicht nur durch Umsatzzahlen, sondern auch durch Befragungsstudien auf Bevölkerungsebene. Außerdem könne man anhand von Spielerkonten beim Internet-Glücksspiel exakt nachverfolgen, wie viel die Leute gezockt haben“.

„Besonders gefährdet für die Entwicklung einer Glücksspielsucht sind in Deutschland Männer“, sagt Hayer. Eine weitere Risikogruppe stellen Personen mit Migrationshintergrund dar. Betroffen seien zudem eher jüngere Menschen sowie Kinder von Glücksspielsüchtigen. „Die gelten auch als Risikogruppe“, bedauert er. Hinzu kämen Mitglieder von Sportvereinen, die vor allem mit Sportwetten ihr Glück versuchen, sowie Servicekräfte in Spielhallen, die sich durch Kunden animieren lassen, selbst am Automaten zu spielen. Nach dem Motto ‚irgendwann muss das Gerät ja was ausspucken‘.

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Der neue bundesweite Glücksspielstaatsvertrag hat nach Ansicht von Tobias Hayer aber auch positive Aspekte. „Im Prinzip begrüße ich zum Beispiel die anbieterübergreifende Limitierung der monatlichen Einzahlung, aber 1000 Euro sind zu viel für ein Hobby. Alternativ hätten wir uns außerdem gewünscht, dass zunächst angeboten wird, Lotto online spielen zu können. Dann hätte man die Effekte wissenschaftlich überprüfen und womöglich Sportwetten zulassen können.“ Dieses Vorgehen halte er für sinniger, als den Glücksspielmarkt auf einen Schlag komplett freizugeben.

„Die Stoßrichtung ist im Zeitalter der Digitalisierung nachvollziehbar, aber diese Legalisierung ist eine Art Dammbruch. Zahlreiche Anbieter werden auf den deutschen Markt strömen, darunter auch börsennotierte Unternehmen“, fürchtet der Psychologe. Eine Anstalt öffentlichen Rechts solle das Ganze zwar kontrollieren, „die ist aber frühestens 2023 vollständig handlungsfähig. Bis dahin werden die Anbieter Fakten schaffen: Sie werden ab dem 1. Juli den Markt befeuern, die angedachten Instrumente des Spielerschutzes funktionieren dann aber noch gar nicht.“

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Experten sehen Wettbewerb kritisch

Kritisch sehen Suchtexperten auch den Wettbewerb beim Glücksspiel. „Hier sollte es im Idealfall nur einen Anbieter geben, der scharf kontrolliert werden muss“, führt Tobias Hayer aus. Diese Bedingungen würden nämlich eher dazu führen, dass Maßnahmen des Jugend- und Spielerschutzes in der Praxis umgesetzt werden. Man müsste auch nicht gleich alles legalisieren.“ Vermutlich seien ab Sommer aber alle möglichen Formen des Online-Glücksspiels möglich: Virtuelle Automatenspiele, Poker, aber auch Online-Casinospiele und damit womöglich sogar Liveübertragungen aus der Bremer Spielbank mit Teilnahmemöglichkeit über das Internet.

Mit Argwohn betrachtet der Psychologe auch die zunehmend aggressive Werbung für das Glücksspiel in Schleswig-Holstein. Pro Monat würden dort pro Anbieter teilweise zweistellige Millionenbeträge investiert. Denkbar sei, zwar eine Abgabe für die Therapie Spielsüchtiger abzuzweigen, „genauso wichtig ist es aber, die Verfügbarkeiten zu reduzieren und Werbung möglichst einzuschränken – ähnlich wie etwa im Nikotinbereich“.

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