Flugzeug-Abschuss über Ganderkesee Grab des toten Bruders endlich gefunden

Ganderkesee. Die Geschichte seines Bruders lässt Norman Wilson nicht los: Douglas Warren, ein Soldat der Royal Air Force, wurde im Zweiten Weltkrieg an Bord eines Fliegerbombers über Ganderkesee abgeschossen. Nun hat Wilson das Grab seines Bruders endlich gefunden.
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Grab des toten Bruders endlich gefunden
Von Florian Cordes

Ganderkesee. Es war die Nacht des 24. März 1940. Eine Vickers Wellington, ein Fliegerbomber der britischen Royal Air Force, flog gerade über Ganderkesee. Der Bomber war auf dem Weg nach Hamburg, wo die Insassen Flugblätter abwerfen sollten. Angekommen ist das Flugzeug allerdings nie. Denn um Punkt zwei Uhr wurde die Wellington von der deutschen Wehrmacht abgeschossen. An Bord der Maschine war auch Douglas Warren Wilson. Er war zweiter Pilot des Bombers und starb bei dem Absturz.

Siebzig Jahre ist dieses Ereignis jetzt schon her. Doch der Hobbyhistoriker Karl-Heinz Knief, der sich seit 20 Jahren mit der Geschichte des ehemaligen Flugplatzes in Adelheide befasst, hat sich in den vergangenen Tagen intensiv mit dem Abschuss beschäftigt. Denn am 1. Oktober erhielt er eine Anfrage aus England. Und zwar von einem gewissen Norman Wilson, einem 88-jährigen Briten aus Essex. Er ist der Bruder von Douglas Warren. 'Wilson versucht seit 16 Jahren, sich seinen Lebenstraum zu erfüllen. Er möchte einmal am Grab seines Bruders stehen', erzählt Knief, der unter anderem stellvertretender Projektleiter einer Arbeitsgruppe ist, die den Adelheider Flugplatz als Modell nachbaute.

Die Suche begann in Frankreich

Der Bruder des verstorbenen britischen Soldaten hatte anfangs versucht, in der Normandie eine Spur zu finden. Zwar stand dort ein Grabstein für Douglas Warren Wilson, doch es stellte sich heraus, dass er nicht in Frankreich sein Leben verlor. Eine französische Historikerin, die Norman Wilson bei der Suche geholfen hatte, nahm Kontakt zu einem Bekannten auf, der von Knief und seiner Arbeitsgruppe wusste.

Als dem Bremer Hobbyhistoriker der Fall geschildert wurde, hatte er sofort die Idee, dass es sich bei dem Abschuss um eine Vickers Wellington handeln könnte, die vor 70 Jahren über Ganderkesee am Fahrener Weg vom Himmel geholt wurde. 'Nach einem Blick in mein Archiv war klar, dass Norman Wilson einen Insassen dieser Maschine suchte', erklärt Knief, der bis 1990 selbst als Soldat in Delmenhorst stationiert war. Schließlich stimmte alles überein: 'Nickel', der Name der Mission, und die Seriennummer des Fliegers.

Zwei Tage, nachdem Knief die Nachricht erhalten hatte, machte er sich auf den Weg an die Absturzstelle. 'Nach einigen Gesprächen hatte ich sie schließlich gefunden', erzählt Knief. Und nicht nur das. An dem Ort, wo der britische Bomber von der Wehrmacht abgeschossen wurde, fand er auch ein Bruchteil des Flugzeugs, in dem noch das Einschussloch zu erkennen war. 'Ich blickte nach oben und sah die Turmspitze der St.-Cyprian-Kirche und dachte mir, dass die Leiche von Douglas Warren Wilson auch irgendwo hingebracht wurde', erinnert sich der 50-jährige Bremer. Also fragte er bei der Friedhofsverwaltung in Ganderkesee nach. Und tatsächlich wurde ihm bestätigt, dass der britische Soldat, der damals 23 Jahre alt war, neben der Kirche beigesetzt wurde. '48 Stunden nach dem ersten Kontakt konnte ich Norman Wilson mitteilen, dass sein Bruder in Ganderkesee gestorben ist und begraben wurde', sagt Knief. Außerdem hat er den genauen Vorgang des Absturzes rekonstruieren können. 'Ich habe die letzten 35 Sekunden im Leben von Douglas Warren Wilson durchlebt', erzählt Knief.

Als Norman Wilson die Geschichte über seinen Bruder hörte, kamen ihm sofort die Tränen, berichtet Knief. Denn er kann sich jetzt seinen Lebenstraum erfüllen und endlich Abschied von seinem Bruder nehmen. Und das wird Norman Wilson auch tun. Am 26. November kommt er nach Ganderkesee, und zwei Tage später wird Pastor Reinhard Arndt eine Trauerandacht halten.

Die unglaubliche Geschichte hat also das erhoffte Ende gefunden. Auch Knief wird sie immer immer im Gedächtnis bleiben. 'Ich habe jetzt ein Bild von Douglas Warren Wilson auf meinem Schreibtisch stehen. Anfangs war er für mich nur einer von 60 Millionen Kriegstoten. Doch wenn er mich auf dem Bild anlächelt, weiß ich, dass er in den letzten Wochen eine besondere Person für mich geworden ist.'

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