Greenpeace: Keime und Antibiotikarückstände

Der Streit um die Gülle

Greenpeace hat Gülleproben aus elf Betrieben im Raum Cloppenburg analysiert und Keime sowie Antibiotikarückstände festgestellt. Die Umweltschützer kritisieren auch die Gülletransporte. Die Bauern wehren sich.
18.11.2020, 07:00
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Der Streit um die Gülle
Von Marc Hagedorn

Niedersachsens Landwirtschaft produziert zu viel Gülle. Diese Gülle wird mit Transportern Hunderte von Kilometern durchs Land gefahren und ist obendrein auch noch mit Keimen und Antibiotika-Rückständen belastet. Zu diesem Fazit kommt Greenpeace nach Recherchen im Raum Cloppenburg. Die Kritik an sich ist nicht neu, sehr wohl aber die Datenlage. „Die aktuellen Ergebnisse widersprechen unserem Leitbild von einer nachhaltigen Landwirtschaft“, sagt Dirk Zimmermann, Landwirtschaftsexperte bei Greenpeace.

Den Umweltschützern sind nach eigenen Angaben Gülleproben von elf Schweine haltenden Betrieben im Oldenburger Münsterland zugespielt worden, darunter Höfe in Lastrup, Molbergen, Cappeln (Oldenburg) und Essen (Oldenburg). Außerdem hat Greenpeace Gülletransporte verfolgt, um festzustellen, wohin die Gülle geliefert wird. Die Ergebnisse dieser Stichproben will Greenpeace an diesem Mittwoch vorstellen, dem WESER-KURIER liegen sie bereits vor. Demnach wiesen sieben von elf Proben multiresistente Keime auf. In allen Proben wurden Rückstände von Antibiotika gefunden.

Die Bauern im Land wehren sich gegen die Greenpeace-Vorwürfe. „Es ist sehr viel unternommen worden in den vergangenen Jahren“, sagt Albert Schulte to Brinke, Präsident des Landvolks Niedersachsen, „der Einsatz von Antibiotika zum Beispiel ist innerhalb von zehn Jahren um 60,7 Prozent zurückgegangen. Antibiotika wird heute sehr bewusst und kontrolliert eingesetzt.“

Die verfolgten Transporte gingen allesamt in Richtung Osten, in den Raum Göttingen, Wolfsburg und Braunschweig, aber auch nach Schwerin in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. 86 Touren haben Greenpeace-Mitarbeiter in den Monaten Februar, Mai und Juni nachvollziehen können, im Schnitt waren die Lkw 220 Kilometer unterwegs. „Die Transporte aus den Schweinemastanlagen verbreiten Resistenzen gegen überlebenswichtige Antibiotika“, sagt Greenpeace-Experte Zimmermann.

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„Um einen ausgeglichenen Nährstoffhaushalt in den einzelnen Landkreisen zu erreichen, werden Gülle oder andere Wirtschaftsdünger zum Teil auch in andere Regionen verbracht“, bestätigt das Niedersächsische Landwirtschaftsministerium. Das Land, so heißt es weiter, setze sich aber seit Langem für die Transparenz der Nährstoffströme ein. Um dieses zu gewährleisten, müssen alle Landwirte, die ihren Wirtschaftsdünger verbringen, diese Daten in ein eigens hierfür eingerichtetes Meldeprogramm eintragen. Die Meldungen fließen in den jährlich erstellten Nährstoffbericht des Landes ein.

Da in diesem Jahr die Düngeverordnung erneut verschärft wurde, steigt nach Greenpeace-Einschätzung in Gebieten mit intensiver Tierhaltung der Druck, Gülle auf andere, bislang weniger belastete Regionen zu verteilen. Angesichts der sich in Brandenburg und Sachsen unter Wildschweinen ausbreitenden Afrikanischen Schweinepest erscheine die überregionale Verteilung der Gülle immer fragwürdiger. „Gelangt der Erreger in Schweineställe, droht mit den Gülletransporten eine schnelle Verbreitung. Sie müssten dann umgehend gestoppt werden“, sagt Zimmermann.

Greenpeace fordert, in den Betrieben nur so viele Tiere zu halten, wie mit Futtermitteln von der eigenen Fläche ernährt werden können. Güllelager und Aufbereitungsanlagen zu fördern, heißt es in der zwölfseitigen Greenpeace-Auswertung unter dem Titel „Keime auf Abwegen“, zementiere dagegen die gegenwärtigen Strukturen.

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Die Landwirte ärgern sich über solche Schlussfolgerungen. Niedersachsens Bauernpräsident hält Greenpeace entgegen: „Es hat schon eine enorme Reduzierung in den vergangenen drei Jahren gegeben“, sagt Schulte to Brinke, „wir haben allein in Niedersachsen in diesem Jahr 90 000 Tonnen weniger Stickstoff im System. Das ist eine enorme Leistung der Landwirtschaft.“

Die Bauern sehen sich schon länger als „Prügelknaben der Nation“ und brachten das auf mehreren Großdemonstrationen bis zum Beginn der Corona-Pandemie im März deutschlandweit zum Ausdruck. Die Landwirte haben ein anderes Bild von sich. Zuletzt saßen sie mit der Politik und den Naturschutzverbänden Nabu und BUND an einem Tisch, um den sogenannten Niedersächsischen Weg zum Erhalt der Natur- und Artenvielfalt auf den Weg zu bringen. „Man darf nicht immer so tun, als würde die Landwirtschaft nichts unternehmen“, sagt Schulte to Brinke, „wir tun sehr wohl etwas, wir haben verstanden.“

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