Bruchhausen-Vilsen Grenzstein wird enthüllt

Martfeld/Schwarme. Manch einer behauptet, die alte Feindschaft zwischen den Gemeinden Martfeld und Schwarme würde noch heute bestehen. Am Tag des offenen Denkmals soll ein alter Grenzstein feierlich enthüllt werden.
04.09.2013, 09:15
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Jörn Dirk Zweibrock

Sie haben schon ewig im Clinch gelegen, die beiden Nachbarn Martfeld und Schwarme. Mit dem Dekret von 1704 wurde zwar offiziell Frieden geschlossen, doch so manch einer behauptet, die alte Feindschaft zwischen den Mitgliedsgemeinden von Bruchhausen-Vilsen würde noch heute bestehen. Steinmetzmeister Robert Söffker reproduziert derzeit einen alten Grenzstein, der am Tag des offenen Denkmals am 8. September enthüllt werden soll.

Anton Bartling, Vorsitzender des Martfelder Heimat- und Verschönerungsvereins (HVV), muss noch immer schmunzeln, wenn er an folgenden Schildbürgerstreich denkt. „2004 haben Martfeld und Schwarme einen Findling mit der Aufschrift ,300 Jahre Frieden Martfeld-Schwarme’ aufgestellt. Doch irgendjemand hat dann die Messingplatte abgeschraubt und gegen eine andere mit der Aufschrift ,Martfeld und Schwarme haben sich schon immer gestritten, das soll auch so bleiben’ ausgetauscht.“ Das sei heute manchmal auch noch so, witzelt Steinmetzmeister Robert Söffker, der in Martfeld aufgewachsen ist.

Söffker reproduziert gerade einen alten Grenzstein, verpasst ihm in seiner Kleinenborsteler Werkstatt den letzten Schliff. Kommenden Sonntag um 11.15 wird das Schmuckstück aus Obernkirchener Sandstein vom HVV Martfeld und dem Schwarmer Heimat-, Umwelt- und Kulturverein Eule an der Gemeindegrenze (Landesstraße 331) enthüllt – natürlich mit einem Augenzwinkern. „Der neue Grenzstein soll als Denkmal für aktuelle und künftige Generationen nicht nur in Martfeld und Schwarme Sinnbild für ein friedliches Miteinander sein“, sagt Anton Bartling. Er schreibt ihm in erster Linie Erinnerungscharakter zu. Hintergrund sei der Abschluss eines völkerrechtsgültigen Vertrags, der 1613, also genau vor 400 Jahren, vom Bremer Erzbischof Johann Friedrich und vom Celler Herzog Christian unterzeichnet wurde. Darin wurde die genaue Grenze zwischen Martfeld und Schwarme festgelegt.

Was viele nicht wissen: Im Gegensatz zu Martfeld hat Schwarme nie zu Lebzeiten der Hoyaer Grafen zur Grafschaft Hoya gehört, sondern war Teil des Erzbistums Bremen. Nach dem Aussterben der Blaublüter wurde Hoya dann der welfischen Regierung in Celle unterstellt. Wie Hartmut Bösche, die wandelnde Chronik des HVV, berichtet, wurden die Grenzen der beiden Territorien durch insgesamt 33 Grenzsteine markiert. „Davon gibt es nur noch sieben“, sagt Bösche. Und Anton Bartling scherzt: „Wer weiß, vielleicht liegen ja noch welche bei den Schwarmer Bauern auf den Äckern.“ Auch der Grenzstein Nummer 25, der am Tag des offenen Denkmals an seinem ursprünglichen Standort an der L 331 wieder aufgestellt wird, ist verschwunden.

Für dessen Reproduktion hat sich Steinmetz Robert Söffker an einem gut erhaltenen Grenzstein auf dem Rittergut Varste in der Gemeinde Blender orientiert. Fast einen Monat arbeitet Söffker nun schon an dem Obernkirchener Sandstein. „1a-Qualität“, sagt der Steinmetz und streicht über den „Königssandstein“, der übrigens auch für den Königlichen Palast in Amsterdam verwendet wurde. Für ihn sei es eine echte Herausforderung, die entsprechenden Wappenbilder in den Stein zu schlagen. Und zwar den Celler Löwen als Nachfolger der Hoyaer Bärenklauen für die Martfelder und den doppelten Bremer Schlüssel für die Schwarmer Seite. „Der einzelne Bremer Schlüssel steht für die Stadt Bremen, der doppelte für das Erzbistum“, erläutert Hartmut Bösche die Besonderheiten der Wappenkunde, Heraldik genannt.

„Pass auf, dass die Wappen beim Aufstellen auch in die richtige Richtung zeigen“, ulkt HVV-Chef Anton Bartling. Doch bevor es soweit ist, muss Steinmetzmeister Robert Söffker noch etwas Hand an den Stein legen, die Wappen entsprechend herausarbeiten. „Ich habe einen ganzen Tag für die Oberflächenbehandlung benötigt“, erklärt Robert Söffker, wie er mit dem Scharriereisen, eine Art Flachmeißel, über den Obernkirchener Sandstein gegangen ist. Für den muss Söffker ein eigenes Fundament an der historischen Gemeindegrenze zwischen Martfeld und Schwarme gießen. „Wir wollen den neuen Grenzstein an den Platz stellen, wo bislang noch der besagte Findling steht. Der Findling wandert dann auf die gegenüberliegende Straßenseite“, so Bartling.

„Die Schwarmer haben lange unter dem Krummstab gelebt“, spielt Hartmut Bösche auf den Klerus und die damit verbundenen Privilegien an. Martfeld dagegen stand unter weltlicher Herrschaft. Die heutigen Gemeindegrenzen zwischen Martfeld und Schwarme existieren eigentlich nur noch auf der Karte, sie haben aber über viele Jahrhunderte eine wichtige Rolle gespielt. Wer weiß, vielleicht verschwinden die Grenzen ja eines Tages ganz, und zwar dann, wenn Martfeld und Schwarme zu Schwarmfeld fusionieren oder beide Kommunen in der Einheitsgemeinde Bruchhausen-Vilsen aufgehen. „Eigentlich müssten wir an der Gemeindegrenze noch ein Schild mit der Aufschrift ,Sie verlassen jetzt Martfeld’ aufstellen“, kann sich Anton Bartling einen kleinen Seitenhieb auf die ach so lieben Nachbarn nicht verkneifen.

„Wir pflegen eine sehr, sehr gute Nachbarschaft“, findet Schwarmes Bürgermeister Johann-Dieter Oldenburg. Mit seiner „Amtsschwester“, der Martfelder Bürgermeisterin Marlies Plate, verstehe er sich blendet, lobt er beispielsweise die gute Zusammenarbeit im Förderverein des Martfelder Hallenbads. „Bloß als Sportler darf man nicht in Martfeld verlieren und dann wieder zurück nach Schwarme kommen“, unterstreicht der Chef des TSV Schwarme die alten Animositäten. Wie war das doch gleich? Was sich liebt, das neckt sich?

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+