Das Kultgemüse (V): Deutsche Auswanderer nehmen Vorliebe mit hinaus in die Welt Grünkohl bei 32 Grad

Wer sagt eigentlich, dass es bei einer Kohltour unbedingt kalt sein muss? Im Ausland können die äußeren Bedingungen schon mal alles andere als traditionell norddeutsch sein - Hauptsache, die sonstigen Zutaten stimmen.
18.01.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Wer sagt eigentlich, dass es bei einer Kohltour unbedingt kalt sein muss? Im Ausland können die äußeren Bedingungen schon mal alles andere als traditionell norddeutsch sein - Hauptsache, die sonstigen Zutaten stimmen.

Von UNDINE ZEIDLER

Lilienthal. Die ersten Bollerwagen rollen und so richtig los geht es am kommenden Wochenende. Dann pilgern wieder Scharen fröhlicher Menschen durch die Natur und trotzen jeder norddeutschen Winterwetterkapriole. Kohlfahrtzeit. Nicht nur in Deutschland. Echte Kohlfans gehen auch unter Tropensonne auf Tour. Stellt sich nur die Frage, ob der deftige Grünkohl dort genauso lecker schmeckt.

Gemüseverarbeiter wie die Firma Paulsen aus Otterndorf an der Niederelbe verschicken Grünkohl in die ganze Welt, auch wenn Norddeutschland das Hauptabsatzgebiet ist. Deutsche, Holländische und Dänische Auswanderer nahmen laut Paulsen die Liebe zu dem Gemüse mit in die USA, nach Kanada und nach Australien. Doch auch in Asien wird dem norddeutschen Kultgemüse samt Brauchtum gehuldigt.

Schon zweimal in Shanghai

Zweimal begleitete der Lilienthaler Fleischermeister Horst Sudmann den Pinkel aus der eigenen Wurstküche nach Shanghei. Dort ging er mit Deutschen Managern auf Kohltour, bei Schmuddelwetter wie in Deutschland und mit den hier bekannten Geschicklichkeits-Vergnügungen. Manchmal wurden die 180 Kohlfahrer von Chinesen beäugt. Ein Kopfschütteln gab es schon für Teebeutelweitwurf oder Spaghetti-Einfädeln. Nach der Tour feierte die Truppe in einem Hotel und Sudmann erinnert: "Wir haben alles genau so gemacht wie hier." Dafür hatte er seine Abneigung gegen das Fliegen überwunden und die Dosen mit Grünkohl nach Shanghai begleitet, Pinkel, Kochwurst und Kassler ebenfalls im Gepäck. In China stand Sudmann selber zusammen mit chinesischen Kollegen am Hotelherd, kochte Grünkohl und rote Grütze für den Nachtisch. Sein Resümee zur Kohltour in der Wolkenkratzer-Metropole: "Es hat sich kaum unterschieden." Schweißtreibender dürfte eine Kohltour im 32 Grad warmen Bangkok verlaufen. Das

"Grünkohl Komitee Bangkok" informiert im Internet ausführlich über seine erste Kohltour durch Thailands Hauptstadt im März 2011. So wie es die Sitte verlangt, zogen dort 50 exilnorddeutsche Wanderer mit Bollerwagen, Bier und umgehängtem Schnapsbechern los, Teebeutel und Spaghetti für die Spiele mit an Bord. Unterwegs gab es in einem Kühlhaus ein kühles Bier. Pinkel und Kochwürste wurden aus Deutschland eingeflogen und "schmeckte allen". Der Kohlkönig kriegte, wie es die Tradition verlangt, einen Schweineknochen umgehängt. Am 17. März wollen die Bangkoker Grünkohlfans wieder auf Tour gehen. "Kale" heißt der Grünkohl in den USA und läuft dort unter der Rubrik "German Food" (Deutsches Essen) als "Kale und Sausage - North German Speciality" (Kohl und Wurst, eine norddeutsche Spezialität). Und damit es möglichst original wird, rät der englischsprachige Koch, den, wenn in den USA zu finden, gefrorenen Grünkohl zu benutzen. Der sei nun mal üblich in Deutschland und ein wenig Kulturkunde gibt

es gratis dazu: Deutsche feiern den Winter mit einer Grünkohlfahrt, was ein flotter Fußmarsch sei, begleitet von Schnaps und einem warmen Kohlessen. Gekochter Kohl werde mit Senf, Schinken und Wurst zu einem gehaltvollen Essen gemischt. Aber auch ungekocht wird er offenbar gerne verzehrt. Nixe1597 erzählte dazu am 11. April 2011 in einem Internetforum: "Ich lebe zur Zeit noch in den USA und Du hast recht, hier gibt es Kale an jeder Ecke und ich trinke Kale eigentlich jeden Tag in meinem green smoothie. Ich lebe in einer eher kleinen Stadt, wo man schwer anderes Gruenzeug findet." Die Beschaffung der grünen Blätter beschäftigt auch australische Rohkostfans in ihren Internetforen. Den Green Smoothie lieben sie offenbar auch dort und neben Rezepten für mediterranen oder spanischen Grünkohl findet sich auch bei den Küchenfreunden auf der Südhalbkugel eine Kochanleitung für Norddeutschen Grünkohl. Original bleibt eben Original - egal, wo auf der Welt er gekocht wird.

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