Kinder sammeln am Sonntag wieder Süßigkeiten/Irische Auswanderer nahmen Brauch mit nach Amerika Halloween: Der Gruseltag ist ein Re-Import

Lilienthal. 'Süßes oder Saures', hatten sie beim Nachbarn vor der Tür gesagt. Der verstand nicht so recht, was die zwei kichernden Mädchen mit den weiß geschminkten Gesichtern und schwarzen Umhängen von ihm wollten. Vielleicht wieder eine dieser wunderlichen Ideen, womit Kinder sich vergnügen? Nein, er habe nichts zum Geben, stotterte er. Die Mädchen zogen lachend weiter. Dass jemand Halloween nicht kennt, hatten sie nicht erwartet - aber nun gelernt. Kinder lieben den Tag um den Grusel, und wie dem Nachbarn, kann es dem einen oder anderen am frühen Sonntagabend wieder gehen: Am 31. Oktober ist Halloween.
30.10.2010, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Halloween: Der Gruseltag ist ein Re-Import
Von Undine Zeidler

Lilienthal. 'Süßes oder Saures', hatten sie beim Nachbarn vor der Tür gesagt. Der verstand nicht so recht, was die zwei kichernden Mädchen mit den weiß geschminkten Gesichtern und schwarzen Umhängen von ihm wollten. Vielleicht wieder eine dieser wunderlichen Ideen, womit Kinder sich vergnügen? Nein, er habe nichts zum Geben, stotterte er. Die Mädchen zogen lachend weiter. Dass jemand Halloween nicht kennt, hatten sie nicht erwartet - aber nun gelernt. Kinder lieben den Tag um den Grusel, und wie dem Nachbarn, kann es dem einen oder anderen am frühen Sonntagabend wieder gehen: Am 31. Oktober ist Halloween.

Nach dem Valentinstag also noch ein Konsumfest aus Amerika - die Sicht vieler Erwachsener. Kostüme, Girlanden, Luftschlangen, Süßigkeiten, Bastelbücher: Wenn der Herbst kommt, tauchen diese Utensilien inzwischen regelmäßig in den Supermarkt- und Kaufhausregalen auf. Im Internet haben sich Anbieter auf Halloween spezialisiert. Sie liefern Basteltipps und das nötige Zubehör plus Grundkenntnisse der variantenreichen Halloween-Entstehungsgeschichte. Drei Klicks und der Nutzer weiß, wo die nächste Halloweenparty in seiner Region steigt - je größer die Stadt, um so mehr davon. Auf dem Land ist Halloween offenbar mehr Privatsache.

'Das ist nicht unsere Tradition', begründen die Gegner. Dabei ist das Fest gar nicht pur amerikanisch. Seinen Ursprung hat Halloween in der keltischen vorchristlichen Mythologie. Das dunkle Halbjahr beginnt. 'Samhain' heißt der Tag zum Abschied von der hellen Jahreszeit und das Fest des Erntedanks.

Die Grenze zum Jenseits sei in dieser Nacht offen, so der keltische Glaube, und, dass die Verstorbenen ins Diesseits kommen, um sich der Menschen zu bemächtigen. Große Feuer im Freien sollten die Totengeister fernhalten, genau wie abschreckende Masken, die die Menschen trugen.

Im achten Jahrhundert schoben sich das christliche Allerheiligenfest und Samhain übereinander. Allerheiligen, seit 609 n. Chr. im Mai gefeiert, wurde von Papst Gregor IV. auf den 1. November verlegt. Im Englischen hieß der Abend vor Allerheiligen 'All Hallow?s Eve'. Das wandelte sich im Laufe der Zeit zu 'Halloween'. 1840 nahmen irische Auswanderer ihre Tradition mit in die USA. Rund zwei Drittel der Einwohner feiern es dort heute, meist ohne religiösen Hintergrund. Es ist vielmehr ein Tag für das genüssliche Spiel mit der Angst.

Ein Tag in Schwarz und Orange

Als solcher ist der Gruseltag nun nach Europa zurückgekehrt, mit seinen Symbolfarben Schwarz und Orange. Die stehen für die Nacht und den ausgehöhlten Kürbis mit der Kerze darin - nach einem irischen Spitzbuben Jack O?Lantern genannt. Über den Atlantik reiste auch der 'Heischebrauch' nach Süßigkeiten. Mit dem Spruchs 'trick or treat' - frei übersetzt: Süßes, sonst gibt?s Saures - fordern die Gruselkids an den Haustüren Bonbons und Schokolade. Kinder lieben offensichtlich Halloween. 'Es wird immer mehr', bestätigt Christin Große von Spielwaren-Haar in Lilienthal. Dort tummeln sich im Schaufenster Hexen, Vampire und Riesenspinnen. Die Kostüme hängen drinnen auf der Stange: Kleider in Giftgrün-Schwarz und schwarze Umhänge mit rotem Kragen. Vampirzähne, spitze Hüte und Plüschspinnen liegen im Regal. 'Dracula ist in diesem Jahr der Renner', sagt Große, dann klingelt das Telefon. 'Wir haben Luftballons, Theaterschminke...' Sie kramt im Halloween-Regal und zählt am

Hörer das Sortiment auf.

Paul Herms schlüpfte im vergangenen Jahr in eine Mönchskutte und wickelte sich eine Kordel um den Leib. 'Weil ich mich gern verkleide.' Mit seinen beiden Kindern und einer Fackel in der Hand wandelte er damals stumm durch die Dämmerung. Tochter Emely ging als Nachwuchs-Hexe samt Spinnennetz und Spinnen, die mit Schminkstift aufs Gesicht gemalt worden waren. Ob sie in diesem Jahr Gespenster werden oder der Vater als Hexe mit Hänsel und Gretel unterwegs ist, das hat die Familie noch nicht ausdiskutiert. Nur eines steht fest: Sie werden wieder Halloween-Laufen - genauso wie sie am Nikolaustag unterwegs sind.

In den hiesigen Supermärkten übrigens konnten sich Dracula und Co. noch nicht gegen Knecht Riprecht durchsetzen. 'Das wird nicht angenommen', sagt beispielsweise Daniel Streubel, Marktleiter des aktiv-Discounts in Worpswede, über Halloween-Süßigkeiten. 'Wenn die Leute daneben die Weihnachtssachen sehen, geben sie lieber dafür ihr Geld aus', so seine Erfahrung. Also beschränke sich sein Markt auf die echten Kürbisse am Blumenstand.

Die evangelische Landeskirche Hannover geht mit Halloween gelassen um. Der Stader Regionalbischof Hans Christian Brandy sieht darin die Chance, den ebenfalls am 31. Oktober gefeierten Reformationstag in Erinnerung zu bringen. Dafür lassen sich die Kirchengemeinden einiges einfallen, etwa Kirchenkinos oder Churchnights. Es soll ein Fest sein, 'bloß kein humorloses Luther-Gedenken'.

Diese Sicht teilt der Lilienthaler Pastor Tilman Heidrich. 'Es kommt mir wie ein vorgezogener Fasching vor', sagt er. Die Angst, mit der an diesem Abend gespielt werde, gehöre ja zum Lebensgefühl dazu. Er vergleicht es mit dem Nervenkitzel in den Fahrgeschäften auf dem Freimarkt. Damit ist Halloween aus seiner Sicht 'eine coole Aktion in der trüben Jahreszeit', ein 'nicht romantisches Gegenstück' zum romantischen Weihnachten. Allerdings, und das ist auch Heidrich wichtig, sollte Halloween den Reformationstag nicht verdrängen.

Halloween im Verbreitungsgebiet: Sonnabend, 30. Oktober, Halloween-Party ab 21 Uhr in der Stadthalle Osterholz-Scharmbeck; Sonntag, 31. Oktober, für Kinder ab drei Jahren von 14 bis 16 Uhr, Halloween-Reiten auf dem Lüers-Hof in der Timmersloher Landstraße 52, Anmeldung unter Telefon 0177/5406293.

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