Konzert in der Music Hall Hannes Wader zeigt sich als Poet und Kämpfer

Worpswede. Er gehört zu den prominentesten Liedermachern Deutschlands: In seiner mehr als 40-jährigen Karriere ist Hannes Wader stilistisch durch unterschiedliche Phasen gegangen, die er allesamt bei seinem Gastspiel in der ausverkauften Music Hall streifte.
01.03.2010, 16:51
Lesedauer: 3 Min
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Von Lars Fischer

Worpswede. Franz Josef Degenhardt, Reinhard Mey, Hannes Wader - wenn man nach einem Paradebeispiel für den deutschen Liedermacher sucht, dann landet man schnell und unweigerlich bei Hannes Wader. Seit seinem ersten Auftritt beim legendären Festival auf der Burg Waldeck 1966 ist er durch stilistisch unterschiedliche Phasen gegangen, die er allesamt bei seinem Gastspiel in der ausverkauften Music Hall streifte.

Wader gehört einer Folkszene an, die sich an englischen und amerikanischen Vorbildern orientierte; er übertrug das französische Chanson-Verständnis ins Deutsche, eroberte heimatliche Liedtraditionen für ein neues, junges und alles andere als konservatives Publikum zurück und war lange Jahre das musikalische Aushängeschild der westdeutschen Kommunisten. In seinem Konzert in der Music Hall verbindet der 67-Jährige Lieder aus allen seinen Schaffensperioden zu einem stimmigen Programm, das von sehr persönlichen Momenten bis zu klaren politischen Statements führt.

'Heute hier, morgen dort'

Mit 'Heute hier, morgen dort' eröffnet Hannes Wader traditionell seine Konzerte und stellt sich damit schon selbst in die Tradition der Barden, der fahrenden Sänger, die überall hinkommen, um ihre Geschichten zu erzählen. Sein unverkennbarer Bariton stellt vom ersten Ton an eine vertraute Wärme her; stimmlich ist er nicht merklich gealtert, und auch körperlich wirkt er sportlich und unglaublich präsent, ganz anders als in vorherigen Jahrzehnten, als man sich oft um seine Gesundheit ernstlich Sorgen machen musste.

Der Einstieg in den Auftritt ist beinahe intim, anscheinend ein Rückzug ins Private. Diesen Eindruck widerlegt der Sänger und Gitarrist, der offenbar keinerlei Mühe hat, Bühne und Saal ganz allein auszufüllen und für sich einzunehmen, später energisch. Zunächst aber erzählt er von Abschieden, setzt sich mit dem Altern auseinander und findet nach anfänglichem Stocken auch in seinen Ansagen zu der Sicherheit, die seinen Gesang und sein exzellentes Gitarrenspiel auszeichnen. Lediglich zwischen verschiedenen akustischen Gitarren wechselt Wader, einmal benutzt er einen Slide, aber andere Beigaben hat er nicht nötig, um einen langen Liederabend in der Music Hall perfekt zu gestalten.

Deutlicher Einfluss von Pete Seeger

Neben diesen poetischen, manchmal witzigen und mitunter sehr melancholischen Tönen kommt aber auch die kämpferische Seite des Protestsängers zum Vorschein. Er spielt Franz Josef Degenhardts Vertonung von 'Jeder Traum', einem Gedicht des DDR-Schriftstellers Louis Fürnberg, und prangert die teuflische Wirkung von Landminen an. 'Mamita Mia' erinnert an die internationalen Brigaden, die im spanischen Bürgerkrieg den Franco-Faschisten die Stirn boten.

Der zweite Konzertteil steht deutlich unter dem Einfluss Pete Seegers, bei dem der junge Wader eine große Anzahl Lieder entdeckte, die er in sein Repertoire aufnahm. Wie der amerikanische Folk-Übervater spielt auch Hannes Wader keine exakten Übersetzungen, sondern er überträgt Songs aus verschiedensten Ursprüngen in seine Sprache. Immer wieder singt er einzelne Strophen originalgetreu in Englisch, Französisch oder Spanisch.

Auch das Lied von den Moorsoldaten, entstanden im emsländischen Konzentrationslagers Börgermoor und der ergreifendste Moment des Konzerts, hat Hannes Wader über den Umweg USA kennengelernt und es dann erst hierzulande bekannt gemacht.

'Trotz alledem' Sozialismus

Am Ende des stimmungsvollen und gleichzeitig nachdenklichen Konzerts stehen plattdeutsche und volkstümliche Momente mit 'Min Jehan' oder 'Ade zur guten Nacht', aber auch eine Fassung von 'Trotz alledem'. In diesem Lied, dessen Text immer wieder aktualisiert wurde, zeigt der Liedermacher noch einmal, dass für ihn mit dem Ende des real existierenden Sozialismus die Utopie einer besseren und faireren Gesellschaft noch lange nicht gestorben ist. Sand will er ins Getriebe des kapitalistischen Systems streuen, und er erntet Applaus auf offener Szene für seine Hoffnung: 'Ein Sozialismus müsste her mit neuem Schwung und alledem'.

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