Frühstück mit Hans-Gerhard Kulp Den Finger in die Wunde legen

Seit Jahren ist Hans-Gerhard Kulp von der Biologischen Station Osterholz eines der Gesichter des Naturschutzes in unserer Region. Wir haben uns mit ihm am Frühstückstisch getroffen.
16.06.2020, 15:35
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Von Ulf Buschmann

Osterholz-Scharmbeck/Worpswede. Es ist ein ruhiger, ein idyllischer Ort. Gegenüber der Grundstückseinfahrt erstrecken sich Felder. Und der Garten reicht, soweit das Auge blicken kann. Kein Laut dringt bis zum Haus. Wer hier als Kind aufwächst, tut dies in einer Art kleinem Paradies. Wenn der Besucher diesen Vergleich heranzieht, muss Hans-Gerhard Kulp schmunzeln. Und weil er auf eben dieses Paradies stolz ist, wandelt sich das Schmunzeln alsbald in ein Lachen. In der Tat, mit der Natur hat es Hans-Gerhard Kulp – um sie kümmert er sich beruflich und als Überzeugungstäter gleichermaßen. Er ist nämlich nicht nur studierter Biologe, sondern auch bei der Biologischen Station Osterholz tätig. „Schutzgebietsbetreuung“ steht auf der Internetseite unter www.biologische-station-osterholz.de als Funktion unter seinem Namen.

Im Einklang mit der Natur

Dass Hans-Gerhard Kulp und seine Familie nicht nur in, sondern möglichst im Einklang mit der Natur leben, spiegelt auch der Frühstückstisch wider. Pizzabutter, Datteln im Speckmantel und selbstgemachte Marmeladen stehen auf dem Tisch. „Das kann ich sehr empfehlen“, sagt Hans-Gerhard Kulp. Er weist auf eines der Gläser: „Das ist Traubenmarmelade mit Früchten aus unserem Garten.“

Und dann gibt es da noch etwas, was dem Frühstücksbesucher bislang völlig unbekannt ist: Renekloden. Wieder schmunzelt Hans-Gerhard Kulp, denn jetzt ist der promovierte Biologe ganz und gar in seinem Element. „Es sind Abkömmlinge von der Pflaume, mehr so in Richtung Mirabelle“, erklärt er seinem sichtlich erstaunten Besucher.

Während sich Hans-Gerhard Kulp mit der Zubereitung des Kaffees beschäftigt, erzählt er von seinem Werdegang. Der hat ihn nämlich vom Biologiestudium und der Promotion an der Universität Bremen direkt zur Biologischen Station geführt – zuerst über das größtenteils in Vergessenheit geratene Instrument der Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM), dann mit einer festen Stelle. „Ich konnte das, was ich zuerst idealistisch im Naturschutz gemacht habe, zu meinem Beruf machen“, erinnert sich Hans-Gerhard Kulp. Seinen damaligen Idealismus pflegt er übrigens bei einem der Trägerverbände der Biologischen Station, dem BUND. Dort engagiert sich Hans-Gerhard Kulp seit seinem Studium bis heute im Vorstand des Kreisverbandes Osterholz.

Wer heute mit einem Menschen wie Hans-Gerhard Kulp spricht, kommt um das Thema Klimaschutz nicht herum. Darüber redet er ruhig, aber doch bestimmt. Spätestens jetzt ist klar: Hans-Gerhard Kulp ist so etwas wie ein Meister seines Fachs, dem niemand ein X für ein U vormachen kann. Der Biologe hält den Klimaschutz keineswegs für überdreht, wie das hier und da bei manch einem Zeitgenossen rüberkomme. "Wenn wir das 1,5-Grad-Ziel nicht einhalten können, dann verselbstständigt sich der Prozess, und das wird wirklich eine Katastrophe.“

Noch etwas betont Hans-Gerhard Kulp: Alle Fakten in Sachen Klima seien nicht neu. „Ich habe schon 1995 die erste Veröffentlichung über den Zusammenhang zwischen Mooren und Klimaschutz gemacht“, meint er nach dem Biss in sein Brötchen.

Der Biologe erläutert, dass sich Wissenschaftler schon zu Beginn der 1990er-Jahre Gedanken über die Zersetzung der Moore gemacht hätten. Wenn dies nämlich geschehe, gehe das im Torf gespeicherte Kohlendioxid in die Atmosphäre und verstärke dadurch den Treibhauseffekt.

Hans-Gerhard Kulp fügt an: „Unsere Themen haben wir immer vorgedacht. Viele sind erst später darauf gekommen, dass man nicht darum herumkommt, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.“ Aber genau dieses Vorausdenken sei die Aufgabe der Naturschutzverbände. Hans-Gerhard Kulp sagt: „Wir legen erst einmal den Finger in die Wunde und machen uns unbeliebt.“

Nachdem er aus der Küche mit frisch gebrühtem Kaffee am Frühstückstisch zurück ist, kommt das Gespräch auf die Biologische Station Osterholz, kurz Bios. Einst war sie so etwas wie ein Exot, doch inzwischen habe sich die Stellung der Bios innerhalb des Landkreises komplett gedreht, findet Kulp. „Wir sind sehr gut vernetzt mit den etablierten Strukturen“, sagt der Biologe.

Dies habe aber auch damit zu tun, „dass sich die Anderen verändert haben.“ Denn: Als es mit der Biologischen Station Osterholz losging, gab es in den Naturschutzbehörden fast nur Verwaltungskräfte. „Inzwischen sind das mehr oder weniger unsere Studienkollegen, da kann man sich auf Augenhöhe auseinandersetzen.“

Kooperation mit Behörden

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bios hätten gemerkt, dass sich in der Sache viel mehr erreichen lasse, wenn die Einrichtung mit den Behörden kooperiere. Hans-Gerhard Kulp ist davon überzeugt: „Es gehört zur gelebten Demokratie, dass Nichtregierungs-Organisationen in behördliches Handeln mit eingebunden werden.“ Dies sei notwendig, um die jeweiligen Meinungen frühzeitig auszutauschen. Ein Unterschied zu den Behördenvertretern ist laut Hans-Gerhard Kulp: „Wir sind Freiland-Biologen. Dazu haben die Behörden zu wenig Zeit.“ Und: „Das ist, glaube ich, eine sinnvolle Kooperation.“

Gleichwohl sei die Bios noch immer ein selbstverwalteter Betrieb, wo viel Idealismus gefragt ist. „Das ist kein Job, den man mit der Stechuhr machen kann.“ Zum Glück, denn dadurch kann sich der Naturschützer auch mal einen Vormittag Zeit für ein Frühstück nehmen.

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