Bahnhof Worpswede wird restauriert Heinrich Vogelers Farbwahl als Vorbild

Worpswede. Sonja Toeppe ist eine erfahrene Restauratorin. Eine Woche hat sie gebraucht, um mit dem Skalpell fünf Farbschichten abzuschaben und die Originalfarben freizulegen. In Heinrich Vogelers Farben soll der Bahnhof gestrichen werden.
16.07.2010, 17:00
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Von Michael Wilke

Worpswede. 'Vogeler war ein mutiger Mann', sagt Sonja Toeppe. 'Der hatte ein Gefühl für Farben. Ich kann mir vorstellen, dass die Worpsweder in Ohnmacht gefallen sind, als sie 1910 den Bahnhof gesehen haben.' Sonja Toeppe ist eine erfahrene Restauratorin. Eine Woche hat sie gebraucht, um mit dem Skalpell fünf Farbschichten abzuschaben und die Originalfarben freizulegen. In Vogelers Farben soll der Bahnhof gestrichen werden. Sie kann sich vorstellen, dass die Worpsweder 'wieder in Ohnmacht fallen'.

Sonja Toeppe, 43, ist Vorstandsmitglied der Freunde Worpswedes. Der Verein betreut die Sanierung des maroden Bahnhofs, der 1910 nach den Plänen des Künstlers Heinrich Vogeler gebaut und eingerichtet wurde. Heute offenbart das Gebäude Spuren des Verfalls. In Putz und Fachwerk klaffen Risse. Am kleinen Sprossenfenster rechts neben dem Eingang ist das Holz so morsch, dass man es fast schon mit den Fingernägeln herauskratzen könnte. Nach langer Planung hat die Sanierung begonnen. Die Arbeiten an der Fassade, am Dach und an den Fenstern werden zirka 330000 Euro kosten, finanziert von der EU und den Freunden Worpswedes, den Eisenbahnen- und Verkehrsbetrieben Elbe-Weser (EVB), der Stiftung Denkmalschutz und dem Landesamt für Denkmalpflege, der Bingo-Stiftung und dem Lions Club.

Eigentlich sind Gemälde und Skulpturen Sonja Toeppes Fachgebiet; das hat sie studiert. Doch die Restaurierung des historischen Bahnhofs findet sie 'ganz spannend'. Mühsam war die Arbeit, eine Herausforderung. Es gibt nur eine Farbzeichnung von Vogeler und Schwarzweiß-Aufnahmen. Himmelblau ist der Bahnhof auf Vogelers Skizze. 'Aber so war er nie', sagt Toeppe. Sie hat beim Schaben an verschiedenen Stellen einzelne Spuren von Himmelblau entdeckt. Die 43-Jährige vermutet, dass die Farbe in den 70er- oder 80er-Jahren probeweise aufgetragen wurde.

Die Bestimmung der Originalfarben wurde zum Puzzlespiel. Immer wieder hat Toeppe zusammen mit den Denkmalschützern überlegt und die Ergebnisse ihrer Skalpell-Arbeit mit den Schwarzweiß-Fotos verglichen. Die gaben nur Aufschluss über Hell und Dunkel.

Zuletzt war der Bahnhof 1989 gestrichen worden, als Worpswede das 100-jährige Bestehen seiner Künstlerkolonie feierte. Die Maler hatten den warmen hellen Ockerton aufgetragen, den das Bahnhofsgebäude heute noch trägt.

Auch die nächste Schicht, die Toeppe freikratzte, aufgetragen 1979 oder 1980, war Ockerfarbe. Darunter stieß sie wieder auf Ocker - ein Anstrich aus dem Jahr 1938, als die Nationalsozialisten Deutschland regierten. Toeppe schabte weiter. Nun kam ein rotbrauner Farbton zum Vorschein. 'Himbeerrot', sagt die Expertin. 'Überall kam der Himbeerton durch, da dachte ich erst, das ist der Originalton.' Doch irgendwie passte er nicht zu den alten Fotos. Die Farbe musste heller sein. Also kratzte Toeppe weiter - und die Farbe wurde heller. Als letzte Schicht legte die 43-Jährige 'ein kräftiges Rosa' frei. Darunter lag der Putz. Das musste die Originalfarbe sein. Rosa soll der Bahnhof in den nächsten Wochen gestrichen werden, mit einer Silikonharzfarbe.

Für die Hölzer, das Fachwerk-Ständerwerk und die Unterzüge am Dach hatte Vogeler ein kräftiges Grün als Kontrast gewählt. Sonja Toeppe spricht von 'Chromoxidgrün', sie hat es anhand der Caparol-Farbpalette exakt bestimmt. 1938 war das Holz rotbraun gestrichen worden. Originaltreue interessierte die braunen Machthaber nicht. Sie ersetzten auch den Schriftzug aus der Vogeler-Zeit durch altdeutsch-germanisch anmutende Fraktur-Lettern.

Erst 1979/80 verschwand das Rotbraun der Balken; nun wurden die Hölzer blaugrün gestrichen - so wie sie heute aussehen. Die Sprossenfenster hatte der Künstler 1910 grauweiß streichen lassen. 'Ein typischer Vogeler-Ton', sagt Toeppe. 'Der hat nicht einfach ein normales Weiß genommen, sondern eines, das ins Gräuliche geht.' Der heutige Anstrich entspricht dem Originalton nicht.

Die Veranda soll in hellem Grau abgesetzt werden. Auf die Farbe ist Sonja Toeppe beim Schaben und Kratzen gestoßen: 'Da blitzte unter dem Himbeerton ein heller grauweißer Ton hervor.' Die Schiebetüren und die Tür der Ladeluke am ehemaligen Güterschuppen werden chromoxidgrün gestrichen wie zu Vogelers Zeiten.

Das Klohäuschen hinter dem Bahnhof bekommt die gleiche grüne Farbe. Das dürfte nicht allen Worpswedern gefallen. Doch so sah es 1910 aus. 'Vogeler hat mit Komplementärfarben gearbeitet: helles Rosa - dunkles Grün', erklärt die Restauratorin. 'Da war richtig Konzept dahinter. Der hat nicht einfach gesagt, Grün finde ich schick.' Vogelers Ideal war das Gesamtkunstwerk, zu dem sich alles fügen sollte, innen wie außen.

Die Fassade wird in der nächsten Woche abgebeizt, Risse werden zugespachtelt. Danach können die Originalfarben aufgetragen werden. 'Ende August wollen wir mit allem durch sein', sagt Toeppe. Dann soll auch die Sanierung von Dach und Fenstern abgeschlossen sein. Das Restaurant im Bahnhof mit den Vogeler-Möbeln bleibt geöffnet. Die Terrasse wird bis zur Straße erweitert. Der kleine Garten verschwindet - er stand nie auf Vogelers Plan.

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