Wahlen im Norden

Hier hat Niedersachsen die Wahl

Am 26. Mai wird in Niedersachsen gewählt. Über zwölf neue Landräte sowie rund 70 Bürgermeister und Oberbürgermeister stehen zur Wahl.
13.03.2019, 21:17
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Von Peter Mlodoch
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Am 26. Mai wird in vielen Teilen Niedersachsens gewählt.

Michael Kappeler /dpa

Eigentlich ist der SPD-Landtagsabgeordnete Uwe Santjer als echter Küstenjung eher ein Freund von Jeans, Pullis und offenen Hemden. Doch neuerdings ist der Diplom-Heilpädagoge recht oft in schicken dunklen Anzügen unterwegs. Der Fraktionsvize kandidiert am 26. Mai für den Posten des Oberbürgermeisters in seiner Heimatstadt Cuxhaven.

Wie dort werden parallel zur Europawahl in ganz Niedersachsen zwölf neue Landräte sowie rund 70 Stadt- und Gemeindeoberhäupter gesucht, darunter in Verden, Oyten, Stade, Stuhr und Twistringen. Cuxhavens Amtsinhaber Ulrich Getsch (parteilos) tritt aus Altersgründen nicht wieder an. Die CDU schickt den parteilosen Samtgemeinde-Bürgermeister Harald Zahrte aus Hadeln, der auch von der FDP unterstützt wird, ins Rennen.

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Dennoch rechnet sich Santjer gute Chancen aus, zumal Grüne und Freie Wähler – zumindest inoffiziell – mit ihm sympathisieren. „Ich bin seit 2001 Ratsmitglied und mit der kommunalen Ebene fast verheiratet“, berichtet der 53-jährige Familienvater lächelnd. Er wolle seine Stadt als bundesweites Modell im Bereich Klimaschutz voranbringen. „Cuxhaven hat riesige Chancen und Potenziale.“ Als großen Vorteil führt Santjer seine enge Vernetzung in die Landespolitik ins Feld. Man könne die Probleme der verschuldeten Kommune nicht allein lösen. „Dafür braucht es gute Kontakte nach Hannover.“ Wie gut so eine Stadt-Land-Kooperation funktionieren könne, zeige sein früherer SPD-Landtagsfreund Jürgen Krogmann, der seit 2014 als OB erfolgreich die Geschicke Oldenburgs führe.

„Die Menschen hier sehnen sich nach einem neuen, unverbrauchten Gesicht“

Von Oldenburg nach Winsen/Luhe zieht es die ehemalige Grünen-Abgeordnete Susanne Menge, die im Herbst 2017 dem schlechten Wahlergebnis ihrer Partei bei der vorgezogenen Neuwahl zum Opfer fiel und den Wiedereinzug ins Leineschloss von Hannover verpasste. Die Verkehrsexpertin und Mutter von drei erwachsenen Kindern fordert Bürgermeister André Wiese (CDU) heraus, der 2011 selbst als Landtagsabgeordneter in die Kommunalpolitik gewechselt ist. Mit den Themen Mobilität, Kitas und bezahlbarer Wohnraum will Menge im Süden der Metropole Hamburgs punkten. Und sie rechnet sich durchaus gute Chancen aus, zumal die SPD ihre Kandidatur aktiv unterstützt. „Die Menschen hier sehnen sich nach einem neuen, unverbrauchten Gesicht“, sagt der grüne Import aus dem Nordwesten. Die Genossen verzichten auf einen eigenen Bewerber.

Ganz anders in Wilhelmshaven. Hier gab es ein regelrechtes – von Parteifreunden in Hannover als „chaotisch“ bezeichnetes – Gerangel im Rennen um den SPD-Kandidaten für den frei werdenden OB-Posten. Am Ende setzte sich der Wirtschaftswissenschaftler Niels Weller, der als Senatsrat im Bremer Finanzressort unter anderem die Schulden der Hansestadt verwaltet, gegen mehrere Konkurrenten durch. Der 48-jährige Familienvater wohnt derzeit in Hude, hat aber in Wilhelmshaven seine Ausbildung zum Bankkaufmann absolviert und an der dortigen Fachhochschule studiert. „Das ist meine gefühlte Heimat; ich fühle mich der Region mit ihrer Nähe zum Meer sehr verbunden“, beschreibt der gebürtige Jeveraner seine Motivation zur Kandidatur.

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Die Hafenstadt an der Jade galt jahrzehntelang als rote Hochburg. Dieses Prädikat wollen die Genossen nach dem unrühmlichen Ende von CDU-Amtsinhaber Andreas Wagner, der mit peinlichen Affären um viel zu lange Urlaube und angebliche finanzielle Unregelmäßigkeiten zu kämpfen hatte, unbedingt zurückerobern. Der erste Anlauf der CDU, dies zu verhindern, scheiterte. Die zunächst ausgeguckte Kandidatin, die Oldenburger Jobcenter-Chefin Carmen Gliess schmiss nach internen Querelen hin. Wilhelmshavens Bürger sind bereits zwei Wochen früher zur Wahl aufgerufen. Erst die Stichwahl, die bei der zweistelligen Zahl an Bewerbern nicht unwahrscheinlich ist, findet dann am 26. Mai statt.

Auch im Bundesland Bremen stehen die Wahlen zur Bürgerschaft zu diesem Termin an. Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) muss sich dabei mit dem CDU-Kandidaten Carsten Meyer-Heder messen.

Wahl ohne Gegenkandidaten

Bei den Landratswahlen in den Kreisen Verden und Diepholz setzen die Parteien auf die bewährten Amtsinhaber. So bewirbt sich an der Aller Sozialdemokrat Peter Bohlmann erneut um den Chefposten im Kreishaus – bisher ohne Gegenkandidaten. Angesichts seiner hohen Beliebtheitswerte verzichtet die CDU auf einen eigenen Bewerber.

„Wir wollen die erfolgreiche Zusammenarbeit fortsetzen“, erklärt Verdens CDU-Kreisvorsitzender Adrian Mohr. Genau umgekehrt ist es in Diepholz. Landrat Cord Bockhop von der Union kann sich der Unterstützung nicht nur der eigenen Leute, sondern auch der Genossen vor Ort sicher sein. Auch in den Kreisen Friesland, Nienburg und Uelzen können die jeweiligen Amtsinhaber mangels (aussichtsreicher) Gegenkandidaten relativ beruhigt in ihre Rennen gehen. Deutlich komplizierter sieht es dagegen in den Kreisen Cuxhaven und Holzminden aus. Im „nassen Dreieck“ zwischen Weser und Elbe haben sich CDU und der früher von ihr aufs Schild gehobene parteilose Amtsinhaber Kai-Uwe Bielefeld „auseinandergelebt“.

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Foto: Grafik WESER-KURIER

Die Union lässt jetzt lieber ein eingeschriebenes Mitglied, den Bauingenieur Frank Berghorn, antreten. Die SPD dagegen hält an Bielefeld fest. Im Weserbergland bewirbt sich auf dem Ticket der CDU der parteilose Verwaltungsfachmann für Gebäudewirtschaft Michael Schünemann – weder verwandt noch verschwägert mit dem früheren CDU-Innenminister Uwe Schünemann, der ebenfalls aus der SPD-Hochburg Holzminden stammt. Für die Genossen, Grüne und Freie Wähler geht ausgerechnet eine ehemalige CDU-Frau in Rennen: die inzwischen parteilose Erste Stadträtin Margit Behrens-Globisch. „Es wird also auf jeden Fall einer von uns“, feixt der CDU-Landtagsabgeordnete Uwe Schünemann über die ungewöhnliche Konstellation.

Für die OB-Wahl in Cuxhaven war bei den Sozialdemokraten zunächst auch die frühere Wirtschaft-Staatssekretärin Daniela Behrens aus Bokel, die in der vergangenen Legislaturperiode wegen einer Vergabeaffäre ihren Hut nehmen musste, als Kandidatin im Gespräch. Dass sich die Genossen letztendlich dann aber für Santjer entschieden, dürfte nicht zuletzt mit landespolitischen Erwägungen zusammenhängen. Bei einer erfolgreichen Wahl des Cuxhaveners wird im Landtag ein SPD-Sitz frei: Den ersten Platz auf der roten Nachrückerliste hält die ehemalige Abgeordnete Petra Tiemann – eine enge Vertraute von SPD-Fraktionschefin Johanne Modder.

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