Horst Rössler berichtet über Pauperismus im Elbe-Weser-Raum / 'Armut hatte ein weibliches Gesicht' Historiker zeichnet düsteres Bild der Armut

Osterholz-Scharmbeck. Armut gehört in der Geschichte zu jeder Gesellschaft. Der Bremer Historiker Dr. Horst Rössler hat sich mit der Massenarmut, dem sogenannten Pauperismus, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschäftigt. Dafür hat er Bücher, Akten und Dokumente in den staatlichen Archiven gesichtet. 'Ich interessiere mich für Geschichte, weil man daraus etwas lernen kann für das Heute', sagt er. 'Und man kann auch daraus ableiten, wie die Zukunft aussehen könnte.'
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Von Peter Otto

Osterholz-Scharmbeck. Armut gehört in der Geschichte zu jeder Gesellschaft. Der Bremer Historiker Dr. Horst Rössler hat sich mit der Massenarmut, dem sogenannten Pauperismus, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschäftigt. Dafür hat er Bücher, Akten und Dokumente in den staatlichen Archiven gesichtet. 'Ich interessiere mich für Geschichte, weil man daraus etwas lernen kann für das Heute', sagt er. 'Und man kann auch daraus ableiten, wie die Zukunft aussehen könnte.'

Über die Gründe und Auswirkungen der Massenarmut im Elbe-Weser-Raum referierte Rössler in der Museumsanlage unter dem Titel 'Überleben in der Not - Pauperismus, Armenfürsorge und Bettelei im Amt Osterholz'. Zunächst klärte er, was Armut ist. Armut sei ein relativer Begriff, er müsse stets in Beziehung gesetzt werden zu Reichtum. Grundsätzlich definierte Rössler: 'Als arm gelten muss, wer sich für eine gewisse Zeit oder dauerhaft aus eigener Kraft Essen, Kleidung oder Unterkunft nicht leisten kann.' Arm ist also, wer nicht über die notwendigen Existenzmittel verfügen kann.

Innerhalb dieser Begriffserklärung unterschied er Abstufungen von Armut. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnten 60 bis 80 Prozent der ländlichen Unterschicht weitgehend ohne öffentliche Unterstützung leben. Die Menschen hatten zwar wenig, schafften es aber, sich über Wasser zu halten. Sie standen jedoch dauernd in der Gefahr, unter das Lebensminimum abzusinken und die Armenfürsorge in Anspruch nehmen zu müssen.

20 Prozent der Landbevölkerung, besonders in den Moorkolonien, waren absolut arm. Sie konnten sich aus eigener Kraft nicht versorgen. Eine magere Unterstützung erhielten damals nur Leute, deren Armut 'gesellschaftlich anerkannt' war. Wer als Müßiggänger oder Trinker abgestempelt war, erhielt nichts. Er musste betteln oder stehlen. So streunten etwa zehn Prozent der Armen als Vagabunden oder Landstreicher durchs Land.

Ursachen für die Armut waren Krankheit und damit Erwerbsunfähigkeit, Kriegsfolgen oder mangelnde Arbeitsmöglichkeiten. Zu der Gruppe der armutsgefährdeten Menschen im Amt Osterholz gehörten die 'Kötner? - Kleinbauern, die ständig am Existenzminimus herumkrabbsten, die 'Bringsitzer', die zwar eine kleine Landstelle besaßen, aber auf einen Nebenerwerb angewiesen waren, und die landlosen 'Heuerlinge', die kein Haus hatten und sich als Tagelöhner verdingen mussten. Diese soziale Entwicklung war unter anderem auch das Ergebnis der Moorkolonisation. Ein Überangebot an Arbeitskräften senkte die Löhne und damit die Möglichkeit, eine Familie zu ernähren. In Krisenzeiten, bei schlechten Ernten, kam es regelmäßig zu Hungersnöten. Da reichte auch die Armenfürsorge in Form von verbilligten Roggenrationen aus den eingerichteten Kornhäusern in den Städten Bremen oder Stade nicht mehr aus.

Bettelei, die extremste Form der Armut, war die Folge. Der Staat versuchte zwar, das Bettelunwesen rigoros einzudämmen, blieb aber mit seinen Maßnahmen erfolglos. Wer konnte, ging als Saisonarbeiter nach Holland oder England, oder er verließ Deutschland und wanderte nach Amerika aus. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die Armenfürsorge in den ländlichen Gebieten völlig unzureichend. Und was besonders bedrückend war: 'Die Armut hatte ein weibliches Gesicht.' Daneben waren am meisten die alten Menschen und die Kinder gefährdet. Rössler zeichnete ein düsteres Bild der Armut vor 150 Jahren in dieser Region.

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