Baumschulen im Klimawandel Was Hitze und Trockenheit für den Anbau von Pflanzen bedeuten

„Bruns-Pflanzen“ in Bad Zwischenahn ist nach eigenen Angaben Marktführer in Europa. Das Unternehmen experimentiert mit hitzeresistenten Pflanzen und baut neuerdings sogar Wein an.
06.07.2020, 05:00
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Was Hitze und Trockenheit für den Anbau von Pflanzen bedeuten
Von Jürgen Hinrichs

Es sind 1263 Seiten, eng bedruckt, mit Beschreibungen, Preisen und Bildern von den Pflanzen. „Die Bibel“, sagt Jan-Dieter Bruns. Und ja, vom Format haut’s hin, nur dass der Sortimentskatalog der Baumschule in Bad Zwischenahn deutlich dicker ist. Bruns meint es aber noch einmal anders: Der Katalog als Katechismus, als Unterweisung in den Grundfragen der Garten- und Landschaftsarchitektur. Was passt, was nicht? Was wächst wie? Höhe, Umfang, Farbe und Struktur. „Der Habitus“, sagt Bruns. Fast wie beim Menschen.

„Bruns Pflanzen“ gibt es seit 1876. Der Betrieb ist nach eigenen Angaben Marktführer in Europa und exportiert seine Ware unter anderem nach Frankreich, England, Italien, Russland, in die Schweiz, nach Skandinavien und in die Türkei. 40 Prozent des Umsatzes wird im Ausland gemacht, der Rest in der Heimat, zum Beispiel durch Verkäufe an den Bremer Bürgerpark. Es wächst und gedeiht auf den Anbauflächen rund um das Zwischenahner Meer. 600 Hektar insgesamt, die von rund 250 Mitarbeitern beackert werden. 100 weitere sind in der Logistik, im Vertrieb und der Verwaltung beschäftigt.

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Jan-Dieter Bruns, 67 Jahre alt, ist der Geschäftsführende Gesellschafter, er vertritt in dem Familienunternehmen die vierte Generation und pflegt als Hobby – einen Rhododendronpark. Der Park ist zwar nicht ganz so groß wie der in Bremen und hat mit 25 Hektar nur etwa die Hälfte der Fläche, dafür steckt aber kein öffentliches Geld drin. Die Sammlung kann sich sehen lassen: Gut 1000 unterschiedliche Rhododendronarten und -sorten. An dieser Pflanze erkennt man das Ammerland.

250 Betriebe im Ammerland

Nicht im Park, wohl aber auf den privaten Grundstücken drumherum ist unverkennbar, dass auch der Rhododendron leidet, wenn er in dieser Zeit nicht sorgsam gepflegt wird, was in erster Linie heißt, ihn zu wässern. Ein großes Thema für Bruns: Trockenheit und ausgedörrte Böden. „Früher hatten wir im Sommer durchwachsenes Wetter, selten wärmer als 25 Grad, Sonne, Wind und ab und an den klassischen Landregen, lang anhaltend und gleichmäßig“, sagt der Unternehmer. 750 bis 800 Millimeter pro Jahr, darauf konnten sie sich im Ammerland verlassen. Zusammen mit dem durchlässigen und nährstoffreichen Boden sind das ideale Bedingungen, der Grund, weshalb die Gegend um Westerstede seit 150 Jahren ein Dorado für Baumschulen ist. Rund 250 Betriebe gibt es insgesamt. Sie alle müssen nun umdenken.

Bruns fährt mehrgleisig, um dem Klimawandel zu begegnen. Erstens verändert er sein Sortiment. Bei den Bäumen sind es jetzt häufig solche mit gefiederten Blättern wie Schnurbäume und Gleditschien. Platanen eignen sich auch. „Die können Hitze ab“, erklärt der studierte Gartenbauer. Eichen, sagt er, halten sich auch noch ganz gut, weil ihre Wurzeln tief in die Erde reichen. Bei Buchen werde es dagegen schwierig, bei Fichten unmöglich. Einmal im Harz gewesen, und man weiß Bescheid: Der Wald dort ist für Fichten zum Sarg geworden, die Bäume sind massenhaft abgestorben.

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Zweitens wird Wasser dazugegeben. „Wir haben das Glück, dass mein Vater Tiefbrunnen angelegt hat.“ Was die Pumpen schöpfen, wird mittlerweile nicht mehr nur mit Kreisregnern und Kanonen verteilt oder schlicht aus dem Tankwagen heraus auf den Boden gebracht. Die Gärtner setzen das kostbare Nass vielmehr gezielt ein, und wo das bei Bruns bereits geschieht, schlängeln sich schwarze Dränageschläuche über die Anbaufelder. Das Wasser kommt so direkt an die Wurzel.

„Das Geschäftsmodell einer Baumschule ist der Zuwachs“, sagt Bruns, „es reicht nicht, die Pflanzen nur am Leben zu erhalten.“ Düngen und Wässern sind das A und O. Doch auch damit ist es noch nicht getan, wenn Hitze und Trockenheit ihr brutales Regiment ausüben. Es sind, drittens, Reetmatten, die helfen. Sie werden bei jungen Bäumen, die noch keine dicke Haut haben, am Stamm befestigt und schützen vor Sonnenbrand. Eine andere Methode ist, den Stamm weiß zu streichen, damit die schädlichen Strahlen zurückgeworfen werden.

Winterhart und wenig krankheitsanfällig

Bruns steigt in den Wagen und beginnt mit der Besichtigungstour. Er bleibt dabei zunächst beim Thema, dem Klimawandel, denn der erste Weg führt zu einem Feld mit Weinpflanzen – die Solaris-Traube, eine Weißweinsorte, 800 Stöcke davon. Sie ist ausgesprochen winterhart und wenig krankheitsanfällig. Kein verzärteltes Geschöpf, sondern ein beinharter Geselle, der es auch im Norden aushalten sollte, hofft Bruns. Im kommenden Jahr will er das erste Mal ernten.

Gleich nebenan stehen die „Bäume der Zukunft“, wie sie am Wegesrand auf einer Informationstafel angekündigt werden: Feldahorn, Amberbaum, Gleditschie, auch Falscher Christusdorn genannt, Zierbirne, Sumpfzypresse, Waldkiefer – das sind die Widerständler im Klimawahnsinn. Ebenso gut könnte man sie als Anpasser bezeichnen, sie machen unter erschwerten Bedingungen das Beste draus. „Das Leben geht nicht zu Ende“, sagt Bruns, „es gibt genügend Baumarten, die das schaffen.“ Er zeigt auf der Anbaufläche weitere Beispiele, die Schwedische Mehlbeere, den Gingko, einen Kugelahorn.

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Die Pflanzen sind schon im gehobenen Kindesalter, sieben Jahre und älter, wenn sie bei Bruns angeliefert werden. Was früher eine Baumschule alles selbst gemacht hat, ist heute wie in der Industrie arbeitsteilig organisiert. Vermehrung und erste Aufzucht erledigen andere Betriebe.

Die Platanen auf dem nächsten Feld, das besichtigt wird, sind deswegen keine Kinder mehr, sondern schon Jugendliche – mit einem Stammumfang von 40 Zentimetern und einer Ballengröße von 1,30 Metern, wenn sie ausgegraben werden und an den Kunden gehen. So ein Baum, der meist an die Straße gestellt wird, in den öffentlichen Raum, bringt Bruns rund 2500 Euro. Woanders auf seinen Latifundien stehen Eichen, genauer: Sumpfeichen. Die haben dann schon einen Stammumfang von einem Meter und kosten 15.000 bis 20.000 Euro. Als Berlin für den Bundestag und die Bundesregierung hergerichtet wurde, gab’s eine Großbestellung: 800 Stück. „Die waren aber natürlich noch nicht so groß und teuer“, erzählt Bruns. Es wäre sonst das Geschäft seines Lebens gewesen.

40 Prozent gehen in den Export

In Berlin ist es der Reichstag, das Sony Center, und der Platz der Republik. In München die Allianz Arena. In Frankfurt die Europäische Zentralbank. In Düsseldorf der neue Kö-Bogen. Viele repräsentative Orte sind mit Bruns-Pflanzen geschmückt worden. Auch im Ausland: Der Gorky-Park und das Grabmal des Unbekannten Soldaten in Moskau, die Champs Elysées in Paris, das Olympiastadion in London, die Albertina in Wien, die deutschen Botschaften in Bratislava und in Prag, die Sommerresidenz der dänischen Königsfamilie in Fredensborg.

Solche Erfolge sind das Ergebnis einer konsequenten Ausrichtung auf den Export, mit der das Unternehmen vor mehr als 50 Jahren begonnen hat. Und es zahlt sich aus, dass Jan-Dieter Bruns wie seine Vorgänger oft auf Reisen ist. Er besucht Kunden und befeuert das Vertrauen. „In Russland zum Beispiel ist das enorm wichtig. Wenn Sie dort den einzelnen Menschen für sich gewinnen, hält das in der Regel.“ Bruns hat in jungen Jahren lange Zeit im Ausland gelebt und Erfahrungen gesammelt. Er war in den USA, in Frankreich, England und Skandinavien. Englisch und Französisch hat er richtig gut drauf, aber: „In meinem nächsten Leben würde ich Russisch lernen.“

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Die Corona-Krise ist auch an den Baumschulen nicht spurlos vorbeigegangen. „Teilweise konnten wir nicht liefern, weil die Grenzen dicht waren“, erzählt Bruns. Insgesamt will er aber nicht klagen: „Wir sind noch ganz zufrieden.“ Zu tun hat das unter anderem mit einem Tochterunternehmen, das die Baumärkte und Gartencenter beliefert: „Was das Toilettenpapier in den Supermärkten, waren dort Erden und Pflanzen.“ Die Menschen blieben zu Hause und machten den Garten schön. Als in Niedersachsen wegen Corona die Baumärkte zeitweise geschlossen hatten, schrieb Bruns an den Ministerpräsidenten, seine Bitte: Mach’ die Märkte auf!

Zuletzt führt der Gartenbauer auf eine Fläche, die erkennbar anders ist. Dort stehen die Pflanzen nicht wie die Soldaten bei der Parade. Keine Gleichförmigkeit und Abstandsregeln. Es sind lauter Solitäre, Bäume mit eigenem Charakter. „Das ist, wie wenn Sie Bilder sammeln“, sagt Bruns. Er hat Bäume im Angebot, die bis zu 50 Jahre alt sind. Sein Geschäft ist eines von Generationen. Die nächste steht schon bereit, nicht nur bei den Pflanzen. Bruns hat mit seiner Frau vier Kinder. Zwei davon interessieren sich für die Baumschule. Da wächst also was heran.

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