Zehnter Prozesstag Högels Kollege entdeckte vier verdächtige Ampullen

Am zehnten Prozesstag gegen den ehemaligen Krankenpfleger Niels Högel vor dem Landgericht Oldenburg verweigerte eine ehemalige Delmenhorster Kollegin die Aussage, ein ehemaliger Kollege erinnerte sich vage.
30.01.2019, 18:10
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Högels Kollege entdeckte vier verdächtige Ampullen
Von Andreas D. Becker

Am Ende der Nachtschicht räumte Michael F. das Zimmer auf. Der Patient, Heinz P., war am Abend verstorben. 23.30 Uhr steht im Totenschein, es war der 9. Mai 2005. Es war zu einer Krise gekommen, der Patient musste wiederbelebt werden. In der Anklageschrift gegen Niels Högel spricht die Staatsanwaltschaft Oldenburg davon, dass es „stundenlange Reanimationsversuche“ gab. Mal wieder in einer Högel-Schicht. Es war Thema unter den Kollegen in der Pflege, dass die Dienste zusammen mit Niels immer besonders arbeitsreich, besonders reanimationsreich waren. Vielleicht schaute Michael F. deswegen auch etwas genauer hin – und er machte eine Entdeckung.

Im Abwurfbehälter auf der Fensterbank sah Michael F. vier Ampullen, die dort nicht hingehörten. Gilurytmal, Wirkstoff Ajmalin. Es war das gefährliche Herzmedikament, das Högel so oft verwendete, um Patienten der Intensivstation in Delmenhorst an den Rand des Todes zu spritzen, um sie anschließend wiederbeleben zu können. Was in mindestens 100 Fällen nicht glückte. Das ist die Zahl der Morde, die die Staatsanwaltschaft dem ehemaligen Krankenpfleger vorwirft, alle begangen im Klinikum Oldenburg und später im Klinikum Delmenhorst, zwischen Februar 2000 und Juni 2005.

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Heinz P. hätte auf keinem Fall Gilurytmal erhalten dürfen. F. wurde misstrauisch. Warum dieses so selten verwandte Medikament? Warum in dieser Menge, wo doch normalerweise eine Ampulle ausreicht? Mit einer Zange, um sich nicht an Skalpellen zu schneiden und um keine Fingerabdrücke zu hinterlassen, fischte F. die Ampullen aus dem Behälter, packte sie in eine Tüte und gab diese an die stellvertretende Stationsleiterin, Astrid W. Sie waren drei Kollegen in der Nachtschicht gewesen, einer von ihnen: Högel.

Das Schweigen der Schwester

Was dann, zwei Monate vor Högels Verhaftung, geschah? Das blieb am zehnten Prozesstag in Oldenburg im Dunkeln. Michael F. erinnert sich nicht mehr, sagte er am Mittwoch aus. Astrid W. hätte es berichten können, aber sie schweigt. Die 62-jährige Krankenschwester machte von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch, ihr wird, wie auch drei anderen Kollegen aus dem Klinikum Delmenhorst, Totschlag durch Unterlassen vorgeworfen.

Allerdings wissen die Ermittler, was sich damals abspielte, denn W.s Fall war durchaus aufsehenerregend. Nachdem die Staatsanwaltschaft Anklage gegen sie erhoben hatte, lehnte das Landgericht Oldenburg – übrigens die Schwurgerichtskammer unter dem Vorsitzenden Richter Sebastian Bührmann, die gegen Högel verhandelt – die Eröffnung eines Verfahrens ab. Die Staatsanwälte legten Beschwerde beim Oberlandesgericht ein.

Das OLG prüfte den Fall gut ein Jahr, bevor es zu einem Entschluss kam: „Der Strafsenat hat festgestellt, dass die stellvertretende Stationsleiterin als Pflegerin die Betreuung der Patienten und zugleich die Aufgabe übernommen habe, diese vor Gefahren auf der Intensivstation zu bewahren. Ferner habe es ihr als stellvertretende Stationsleiterin oblegen, die Tätigkeit des gesondert verfolgten Niels Högel näher zu beobachten und sicherzustellen, dass von diesem keine Gefahren für die Patienten ausgingen. Diesen Pflichten sei die Angeschuldigte nicht vollständig nachgekommen“, erklärte das OLG im März 2018.

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Zwar habe sie, nachdem ihr deutliche Verdachtsmomente gegen Högel vorlagen, also nachdem Michael F. sie über seinen Verdacht informiert hatte, ihren unmittelbar vorgesetzten Stationsleiter informiert – allerdings nahm sie es widerstandslos hin, als dieser weitergehende Untersuchungen der Vorfälle ablehnte. Das OLG kam zu dem Schluss, dass Astrid W. in ihrer Position an die nächste Führungsebene hätte herantreten müssen.

Aus Sicht von Richter Bührmann und seinen Kollegen sei das zu viel verlangt: „Das anschließende Untätigbleiben sei ersichtlich aus Frustration beziehungsweise Hilflosigkeit erfolgt und begründe keine Billigung weiterer Tötungen. Es widerspreche schon dem allgemeinen Gerechtigkeitsempfinden, wenn den um Aufklärung bemühten Krankenpflegern dieses doch anerkennenswerte Vorgehen für die Folgezeit dann im Rahmen der Annahme eines Tötungsvorsatzes nachteilig ausgelegt werde.“ So urteilte die Kammer übrigens auch im Fall Michael F., der ebenfalls von der Staatsanwaltschaft angeklagt worden war.

Entsprechend eröffnete ihm Bührmann in der Verhandlung, dass er nun, ohne Befürchtungen zu haben, aussagen könne, weitere juristische Schritte gegen ihn werde es nicht geben. Doch F. wirkte eingeschüchtert, durch die frühere, wenn auch nicht weiter verfolgte Anklage verbrannt, so als wolle er einfach nicht mehr so frank und frei wie früher berichten. Bührmann versuchte mehrmals, F. mit Lob für sein richtiges Vorgehen mit den Gilurytmal-Ampullen aus der Reserve zu locken. Vergeblich.

Interessante E-Post

Während F. im Prozess 2014/2015 gegen Högel und auch bei Polizeiaussagen relativ bestimmt über Högel berichtete, blieb er jetzt eher vage. Aber da sei doch die E-Mail an die ehemalige Kollegin Heide V. gewesen, die von Delmenhorst nach Oldenburg gewechselt sei. Darin schrieb F. sinngemäß: „komm zurück, hier ist viel zu tun, es ist viel zu reanimieren“. Das könne aber auch nur auf eine bestimmte Woche bezogen gewesen sein, sagte F. Denn wie es auf einer Intensivstation so sei, mal gebe es gehäuft Reanimationen, dann kommen wieder ruhige Tage.

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Doch es gab noch eine Mail von Heide V., darin berichtete sie Michael F., dass sie, als sie ihren eigenen Vater im Delmenhorster Krankenhaus besuchte, die Kollegin Astrid W. getroffen hätte. Und W. hätte sie gefragt, ob eigentlich in Oldenburg merkwürdige Dinge mit Niels Högel und seinem Freund Stephan K. aufgefallen seien. Das muss ungefähr im Winter 2004 gewesen sein. Michael F., der seinen Kollegen Högel als „laut, lustig, selbstbewusst“ beschrieb, konnte auch dazu nichts sagen. Und Astrid W., wie gesagt, sie schwieg.

Der Prozess wird an diesem Donnerstag, 31. Januar, um 9 Uhr in den Weser-Ems-Hallen fortgesetzt. Es ist geplant, fünf ehemalige Kollegen von Niels Högel aus dem Klinikum Delmenhorst zu vernehmen, unter anderem Renate T., die Högel auf frischer Tat ertappte.

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