Nominierung für den Hugo-Award

Wie eine Seckenhauserin den wichtigsten Science-Fiction-Preis abräumen könnte

Cora Buhlert ist mit ihrem Blog für den wichtigsten Preis der Science Fiction nominiert. Game-Of-Thrones-Schöpfer George R. R. Martin hätte die Verleihung in diesem Jahr moderiert. Was bedeutet ihr das?
15.04.2020, 09:36
Lesedauer: 4 Min
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Wie eine Seckenhauserin den wichtigsten Science-Fiction-Preis abräumen könnte
Von Alexandra Penth
Wie eine Seckenhauserin den wichtigsten Science-Fiction-Preis abräumen könnte

Weltraum, Zeitreisen, Abenteuer und Technik – das sind einige Aspekte, die für Cora Buhlert aus Seckenhausen die Faszination an Science-Fiction-Geschichten ausmachen. Ihr Blog ist für den wichtigsten Preis des Genres nominiert.

Michael Braunschädel

Die E-Mail in ihrem Postfach hat Cora Buhlert erst nicht ernst genommen. Sie dachte, dass es wohl ein Newsletter der Worldcon sein muss, dem größten alljährlichen Zusammentreffen der Science-Fiction-Szene. An dessen Ende steht traditionell die Verleihung des Hugo-Awards, sozusagen der Oscar des Genres. Buhlert merkte, dass die E-Mail nicht an einen großen Verteiler ging, sondern nur an sie gerichtet war, mit der Bitte um strenge Geheimhaltung. Ihr dämmerte, dass sie eine der Nominierten für den internationalen Preis ist.

„Da war ich erstmal baff“, beschreibt sie, was vor gut drei Wochen passierte. Zwei Wochen musste sie Stillschweigen bewahren, weihte nur ihre Eltern und die engsten Freunde ein. Erst danach wurde die Liste der Anwärterinnen und Anwärter auf den seit 1953 verliehenen Leserpreis öffentlich gemacht. „Da fühlte es sich endlich echt an“, sagt die Seckenhauserin.

55 Jahre vor unserer Zeit

Mit dem Hugo-Award werden unter anderem Filme, Romane und Kurzgeschichten ausgezeichnet, wobei die Stimmen der Fans entscheiden. Zurück geht der Preis auf Hugo Gernsback, der als Begründer des Begriffs Science Fiction gilt. Cora Buhlert ist eine von sechs Nominierten in der Kategorie Fanautoren. Auf ihrem Blog bespricht sie Bücher, schreibt Filmrezensionen. Die Übersetzerin im Hauptberuf veröffentlicht ihre Texte fast ausschließlich auf Englisch. Außerdem gehört sie zu den Schreibern des internationalen Blogs Galactic Journey, der in diesem Jahr ebenfalls für den Hugo-Award nominiert ist.

Auf der Plattform ticken die Uhren etwas anders, genau genommen 55 Jahre vor unserer Zeit. Galactic Journey greift das damalige Zeitgeschehen auf – auch mit Bezug zur Heimat der Autoren. Cora Buhlert erwähnt zum Beispiel, dass Werder Bremen 1965 gerade deutscher Fußballmeister geworden ist. Science Fiction muss eben nicht immer auf die Zukunft gerichtet sein: „Zeitreisen gehörten schon immer dazu“, sagt Buhlert.

Die 46-Jährige hatte im vergangenen Jahr Platz 10 der Nominierungen für den Hugo-Award belegt, wie sie später erfuhr. In diesem Jahr unter die Top 6 zu kommen, hatte sie für beinahe utopisch gehalten. In einer der vorderen Reihen der Verleihung mit festlichem Empfang, Dankesreden und After-Show-Party saß sie dennoch bereits. Im vergangenen Jahr repräsentierte sie in Dublin ein nominiertes Magazin, für das sie schreibt. Die Feier nach der Preisübergabe wird übrigens von George R. R. Martin organisiert, dem Schöpfer des Game-Of-Thrones-Universums. Ihre Anfänge nahm sie als spontane „Verlierer-Party“ nach einer Preisverleihung vor vielen Jahren im Hotelzimmer des inzwischen weltbekannten Autoren.

„Ich habe die Chance, mich zu unterhalten, verpasst“

Am Rande der After-Show-Party 2017 in Helsinki ist Buhlert George R. R. Martin sogar persönlich begegnet. Sie sah zwar, dass sich ihre Freunde mit ihm unterhielten, zögerte aber dennoch. „Ich habe die Chance, mich zu unterhalten, verpasst“, sagt sie. Der Autor sollte eigentlich die diesjährige Hugo-Verleihung moderieren, deren Datum noch nicht feststeht, aber wohl auf Anfang August fallen wird. Austragungsort wäre Neuseeland gewesen, wohin Cora Buhlert ohne Nominierung wohl nicht gefahren wäre. Bislang hat sie die Worldcon nur besucht, wenn diese in Europa stattfand. Die Veranstaltung zieht bis zu 7000 Fans aus aller Welt an, es gibt Lesungen, ein Plausch mit Autoren ist möglich und es werden Workshops angeboten.

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Die Corona-Pandemie sorgt in diesem Jahr auch da für Einschränkungen. „Die Verleihung wird per Liveübertragung stattfinden“, sagt Buhlert. Die Organisatoren versuchen, auch die Diskussionsrunden und Lesungen der Worldcon in den virtuellen Raum zu verlegen. Buhlert wird dann wohl im Abendkleid vor dem Computer sitzen und darauf warten, bis ihre Kategorie aufgerufen wird. Ob die Preisträger wieder Zeit für Dankesworte bekommen, stehe noch nicht fest. So viel aber ist sicher: Die viereinhalb Kilogramm schwere Trophäe erhalten die Gewinner per Post. Das sei üblich bei der Auszeichnung in Form einer Rakete, die bei der Kontrolle am Flughafen sicher Fragen aufwerfen dürfte.

Buhlert erschafft ihr eigenes Universum

Joanne K. Rowling, die Autorin von Harry Potter, ist eine der namhaften Preisträgerinnen. Eher als der Zauberer aber beeinflussten Isaac Asimov, die Perry-Rhodan-Heftromane, genau wie Star Trek und die Star-Wars-Filme Cora Buhlert in ihrer Jugend. Viele Bücher gab es ausschließlich auf Englisch, weshalb Buhlert sie übersetzte. An der Universität Bremen belegte sie im Englischstudium Schreibkurse, schrieb für Unizeitschriften. Mittlerweile veröffentlicht sie Romane und Kurzgeschichten auch im Eigenverlag. Seit 2010 schreibt sie auf ihrem jetzigen Blog. Buhlert erschafft ihr eigenes Universum, Figuren aus anderen Geschichten tauchen manchmal unerwartet woanders auf. Eine Welt spielt im Weltraum, eine andere ist ein Fantasy-Kosmos, in dem Abenteurer zusammen Prüfungen meistern.

Gerade hat Buhlert, die die US-amerikanische Autorin und mehrfache Hugo-Preisträgerin Lois McMaster Bujold zu ihren Idolen zählt, eine Kurzgeschichte zu Ende geschrieben, in der sie das Genre ein wenig aufs Korn nimmt. Ältere Geschichten etwa, in denen heute als gewöhnlich geltende Technik in aller Detailtreue beschrieben wird. Dann arbeitet sie an einem weiteren Teil der Reihe „In Love And War“ über eine unmögliche Liebe inmitten eines intergalaktischen Krieges.

Einzige Europäerin unter den Nominierten

Das Genre ist grundsätzlich vielfältiger geworden, sagt Buhlert. Früher war es sehr weiß und männlich geprägt, oft auf Kriege ausgerichtet. Kolonialismus-Kritik und überarbeitete Geschlechterzuschreibungen beispielsweise werden inzwischen vielfach in futuristische Szenarien eingebettet. Das zeigt sich auch an der Liste der Gewinner des Hugo-Awards, die immer diverser werde. „In den letzten Jahren hat sich viel geändert. Es haben teilweise ganz andere Texte gewonnen, die vor 20 Jahren noch gar keine Chance gehabt hätten“, beobachtet Buhlert. Science Fiction sei nicht zuletzt Spiegel der Gegenwart. „Sorgen und Hoffnungen werden auf die Zukunft projiziert“, beschreibt sie und fragt sich gleichzeitig, ob infolge der Corona-Pandemie die Zahl der dystopischen Geschichten zu dem Thema in den kommenden Jahren wachsen wird.

Cora Buhlert ist die einzige Europäerin unter den Nominierten ihrer Kategorie. Einer ist zwar Ungar, lebt inzwischen aber in den USA. Alle fünf Mit-Nominierten kennt sie persönlich, sagt sie. Falls sie Anfang August also keinen Hugo-Award bekommt, kann sie allein schon wegen der besonderen Erfahrung sagen: „Wir sind alle Gewinner.“

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