Orhan Müstak

„Ich spiele auch in der JVA Oldenburg“

Orhan Müstak (34 Jahre) kam mit zwölf Jahren als Flüchtling nach Berne. Dorthin kehrt der heutige Schauspieler mit einem Ein-Personen-Stück zurück. Im Interview erzählt er von alten und neuen Zeiten.
03.11.2018, 12:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Georg Jauken
„Ich spiele auch in der JVA Oldenburg“

Vor 22 Jahren flüchteten Orhan Müstak und seine kurdische Familie vor der türkischen Armee, vor Folter und Leid. In Berne fanden sie eine neue Heimat, in Berne machte der junge Orhan Müstak seine erste Bühnenerfahrung. Er erlebte Freundschaft, aber auch Ausgrenzung in der südlichen Wesermarsch. Jetzt kommt der Schauspieler mit einem Ein-Personen-Stück in die Kulturmühle.

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Herr Müstak, was ist das für ein Gefühl, als Schauspieler an den Ort seiner Jugend zurückzukehren?

Orhan Müstak: Das ist ein befriedigendes und glückliches Gefühl. Es ist wie eine Rückkehr zu meinen deutschen Wurzeln, auch wenn ich kein Deutscher bin. Es kommen Erinnerungen hoch, wie wir von morgens bis abends Fußball gespielt haben. Wir hatten eine glückliche Zeit in Berne, auch wenn es natürlich Höhen und Tiefen gab. Ich habe das Gefühl, seit wir da weg sind, ist da nichts mehr los. Aber, ich komme nicht zum Fußballspielen zurück, sondern um Theater zu spielen.

Das Stück, mit dem Sie in der Kulturmühle zu sehen sind, ist Robert Schneiders Solostück „Dreck“. Warum haben Sie sich gerade dafür entschieden?

Das Stück begleitet mich schon seit der Schauspielschule in Rostock. Wir mussten einen Monolog halten am Ende des ersten Studienjahres, es war eine Prüfung. Ein Schauspielkollege hat mich auf das Stück aufmerksam gemacht und gemeint, es könnte mich interessieren. Ich habe es gelesen und es hat mich auf Anhieb gepackt, da ich auch aus so einer Gegend komme wie die Figur Sad in dem Stück. Es gab so viele Parallelen zu meiner eigenen Geschichte. Viel von dem, was die Figur Sad erzählt, konnte ich auf mich selbst übertragen, und ich konnte mich sehr mit der Rolle identifizieren. Für die Prüfung brauchte ich nur einen Ausschnitt daraus, aber ich habe meinen Professor gefragt, ob die Möglichkeit besteht, das ganze Stück aufzuführen, obwohl ich noch Student war. Seitdem hat es mich begleitet. Das Theater Freiburg hatte es fest in den Spielplan eingeplant gehabt. Aus zeitlichen Gründen meinerseits wurde es wieder aus dem Spielplan genommen. Dort hatte ich mein erstes festes Engagement. Mit dem Beginn der Flüchtlingskrise beschloss ich, das Stück wieder aufzunehmen. Das war krass. Ich habe gedacht, dieses Stück muss ich unbedingt wieder machen. Es verliert nicht an Aktualität.

Wovon handelt „Dreck“?

Es geht um eine Person namens Sad. Er ist ein Deserteur aus dem Irak, der durch Rosenverkauf versucht, sein Leben in Deutschland zu bestreiten. Er möchte ankommen in dieser Gesellschaft, wird aber immer wieder abgelehnt, an den Rand gedrängt und bekommt den ganzen Hass gegen Ausländer zu spüren. Er redet viel über das Recht, darüber, was ihm erlaubt ist und was nicht. Er erklärt sich selbst, warum er kein Recht hat, sich auf die schönen Bänke im Park zu setzen, warum Leute wie er angegriffen oder ausgegrenzt werden. Er ist so sehr in der Situation drin, dass er von einem Punkt zum anderen springt. Seine Stimmung ist mal traurig, mal fröhlich und ändert sich ständig. Das klingt alles sehr dramatisch, aber wir haben das Stück mit viel Humor inszeniert. Es gibt viele Szenen, bei denen man nicht weiß, ob man lachen darf oder nicht. Auf jeden Fall ist das Stück sehr facettenreich und man könnte denken, Sad könnte ein Spieler sein.

Sie sagen, Sie können sich sehr mit der Figur Sad identifizieren. Zugleich sprechen Sie von einer glücklichen Kindheit in Berne. Wie passt das zusammen?

Ich habe direkt gegenüber der Schule gewohnt. Wir haben den ganzen Tag Fußball gespielt, mit anderen Kurden, mit Deutschen. Das war alles super. Aber es gab auch Momente, in denen ich ausgegrenzt wurde oder wir eine ganze Clique gegen uns hatten. Ich kann mich zum Beispiel an eine Situation erinnern, als in der Schule mal eine ganze Gruppe um mich herum stand. Ich sprach noch nicht so gut Deutsch und verstand nicht alles, was die anderen sagten. Die Schule war mir heilig und ich habe mich lange nicht gewehrt, wenn ich gehänselt, geärgert oder geschubst wurde. Ich habe viel mit mir machen lassen. Ich hatte keine Angst vor denen, aber ich hatte Angst, von der Schule zu fliegen. Ich habe gedacht, baue ja keinen Scheiß, Orhan, nichts machen, nichts machen. Aber so lange man in der Position des Opfers bleibt und alles mit sich machen lässt, wird sich die Situation nicht ändern. Irgendwann ist mir doch der Kragen geplatzt. Der andere, der mich ständig geärgert hat, hatte genug Zeit, mich in Ruhe zu lassen. Aber er hat es nicht getan. Danach wusste er, mit mir kann man doch nicht alles machen und wir waren später sogar Freunde. Das zeigt, man kann sein eigenes Schicksal in die Hand nehmen.

Wie war das später?

Selbst in Rostock, wo ich studiert habe, sind mir Sachen passiert, wegen denen ich mich heute noch so gut mit dem Stück identifizieren kann. Aus dem Nichts war plötzlich von „Ali aus dem Dönerladen“ die Rede, als ich mit meiner Freundin und heutigen Frau vom Einkaufen kam. Beim Spazierengehen kam ein Mann mit einem Husky vorbei. Ich liebe Huskys. Ich bin auf den Hund zugegangen und wurde sofort übel beschimpft. Ich habe mich gefragt, was ich falsch gemacht habe, was ist hier das Problem, nur weil ich anders aussehe. Seitdem hat sich nicht viel verändert, auch wenn natürlich nicht alle Leute offen rassistisch sind. In dem Stück spricht Sad genau das an, was in den Köpfen der Leute ist, die sagen, ich bin kein Ausländerhasser, aber ... Und, was in den Köpfchen derjenigen ist, die gar nichts sagen. Sad fordert sie auf: Denkt es nicht, sagt es. Du mit deiner Denkweise bist genauso schlimm.

Hört sich an, als wären Sie immer noch begeistert von dem Stück.

Es ist ein tolles Stück. Es wurde Anfang der 90er-Jahre geschrieben, und es ist echt heftig, dass sich eigentlich nichts geändert hat. Und das regt mich auf.

Verlassen wir das Stück und kommen zu Ihnen. Wie ist aus dem kurdischen Jungen aus Berne, der sich zu wehren gelernt hat, der Schauspieler geworden, der in der Fernsehserie Danni Lowinski die Hauptrolle des Orkan Topal bekommen hat?

Das hat auch in Berne angefangen, als zwei Sozialpädagogen vom Oldenburger Verein Jugendkulturarbeit in die Schulen kamen und erzählten, dass sie in der Kulturmühle eine Jugendtheatergruppe machen wollten. Sie haben uns gezeigt, wie man jemandem eine Backpfeife gegen kann, ohne sich wehzutun. Das fand ich so cool. Später in Lemwerder, wo ich den Realschulabschluss gemacht habe, haben sie in der Begu wieder eine Theatergruppe angeboten. Danach habe ich gesagt, ich möchte in Oldenburg weitermachen, denn erst später als Informatik-Student in Emden habe ich gemerkt, dass man Schauspiel studieren kann. Jörg Kowollik vom Jugendkulturverein gab mir dann den Tipp, mich für das Weihnachtsmärchen im Oldenburgischen Staatstheater zu bewerben. Ich habe eine kleine Rolle in „Das Dschungelbuch“ bekommen. Als ich auf der großen Bühne vor 900 Leuten stand, habe ich gedacht: „Alter Schwede, das ist es.“

Wie haben Sie es vermieden, auf die Rolle krimineller oder halbseidener Ausländer festgelegt zu werden?

Im Fernsehen habe ich hauptsächlich Ausländer gespielt, im Theater Freiburg haben sie es aber genau anders gemacht. Ich habe den „Werther“ gespielt, „Michael Kohlhaas“ und die Rolle des Anton in „Pünktchen und Anton“. In einem Stück über die Grünen habe ich die Rolle von Jürgen Trittin bekommen und eben nicht gerade die von Cem Özdemir.

Was machen Sie als Nächstes?

Ich gebe immer wieder Workshops. Im Februar übernehme ich eine mittelgroße Rolle in einer neuen belgischen Fernsehserie mit dem Titel „Blackout“. Dort spreche ich Kurdisch und Englisch. Außerdem mache ich bald mein zweites Stück am Ohnsorg-Theater. Es heißt „Adams Äpfel“ und wird auf Plattdeutsch gespielt.

Sie haben in Berne sogar Platt gelernt?

In dem Stück spreche ich Platt. In Berne habe ich nur am Rande mitbekommen, dass dort manchmal anders gesprochen wurde. Ich kannte nicht mal das Ohnsorg-Theater, bevor ich dort zum Vorsprechen eingeladen war.

Wie sehen Ihre Pläne in der weiteren Zukunft aus?

Ich spiele weiterhin das Stück „Dreck“. Im Januar/Februar wird es wieder im „Theater hof/19“ in Oldenburg zu sehen sein. Was ganz wichtig ist, ich spiele es demnächst auch in der JVA in Oldenburg. Ein Freund von mir ist dort der Knast-Psychologe und hat gemeint, dass es dort unbedingt gespielt werden muss. Darauf bin ich sehr gespannt.

Das Gespräch führte Georg Jauken.

Info

Zur Person

Orhan Müstak (34 Jahre)

kam mit zwölf Jahren nach Deutschland. Seine kurdische Familie war Mitte der Neunzigerjahre vor der türkischen Armee, Folter und Leid aus Cizre im Südosten der Türkei geflohen. Seine Teenager-Jahre verbrachte der heutige Schauspieler in Berne. Dorthin kommt er nun mit dem Einpersonenstück „Dreck“ zurück.

Info

Zur Sache

Über die Angst

Orhan Müstak ist am Sonnabend, 17. November, ab 20 Uhr mit dem Solostück „Dreck“ in der Kulturmühle Berne, Lange Straße 74, zu sehen. Das Stück, ein Monolog über die Angst vor dem Fremden, von dem österreichischen Schriftsteller Robert Schneider („Schlafes Bruder“) wurde 1993 am Hamburger Thalia Theater uraufgeführt. Der Eintritt beträgt 15 Euro an der Abendkasse und 13 Euro im Vorverkauf. Die Tickets sind erhältlich unter Telefon 0 44 06 / 9 89 97 97 oder unter www.kulturmuehle-berne.de/kontakt im Internet.

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