Igor Barbosa Über Los Angeles nach Berlin

Vor fünf Jahren nahm der Bassumer Sänger Igor Barbosa an „Deutschland sucht den Superstar“ teil und wurde so bekannt. Dem WESER-KURIER erzählt der junge Musiker nun unter anderem, was er seitdem erlebt hat.
18.02.2021, 16:49
Lesedauer: 5 Min
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Von Yannik Sammert

Herr Barbosa, 2016 haben Sie bei DSDS teilgenommen und kamen bis ins Halbfinale. Wie blicken Sie rund fünf Jahre später auf diese Zeit zurück?

Igor Barbosa: Auch wenn ich mit dem Konzept Talentshow heute nicht mehr wirklich einverstanden bin, war es damals super schön. Ich habe richtig viele Freundschaften geschlossen, mit denen ich bis heute noch Kontakt habe, und die ich im Herzen trage. Es war eine coole Zeit, die mich nach oben gepusht hat. Denn durch DSDS wurde ich ja tatsächlich ein wenig berühmt. Leute haben mich auf der Straße erkannt, nach Fotos gefragt. Und Geld war auch da. In der Zeit bei RTL habe ich viel Geld gemacht. Ich konnte mir fast alles kaufen, was ich wollte. Diese finanzielle Sicherheit war cool. Aber ganz ehrlich: Inzwischen ist mir bewusst, dass mich diese Dinge nicht komplett erfüllen und glücklich machen. Mittlerweile ist es mir viel wichtiger, für meine Familie da zu sein.

Wie ging es nach der Teilnahme an der Show weiter bei Ihnen?

Nach DSDS hatte ich einen Management-Vertrag und habe eine CD aufgenommen. Und leider habe ich dann auch schlechte Erfahrungen gemacht: Ein paar Songs, die auf der CD drauf waren, wurden einfach von jemandem genommen und veröffentlicht. Irgendwie habe ich davon nichts mitbekommen. Das Leben ist so, so was passiert. Danach bin ich aus dem Management-Verhältnis raus und habe ein anderes Management bekommen. Aber die wollten nicht so wirklich meine Vision unterstützen, sondern eher ihr Ding machen, und ich habe deshalb nicht immer das getan, was sie gesagt haben. Weil es mit dem Management nicht geklappt hat, bin ich einfach in die USA gezogen für ein Jahr.

Erzählen Sie gerne von der Zeit in Amerika.

Erst war ich in San Diego, denn ich hatte einen Kumpel dort, der mir ein bisschen bei organisatorischen Dingen geholfen hat und mich bei sich wohnen lassen hat. Das war super. Nach drei Monaten entschieden wir aber, dass wir unsere Wege ein wenig trennen, denn das hat in seiner Lebenssituation zeitlich nicht mehr gepasst und ich wollte, dass er sich um sein eigenes Leben kümmern kann. Dann bin ich nach Los Angeles gegangen. Ich kannte einen Freund dort, bei dem ich erst gewohnt habe. Das Problem war aber, dass dies vom Vermieter nicht erlaubt war. Nach anderthalb Wochen wurde ich erwischt und rausgeschmissen. Dadurch war ich kurz ohne Wohnung. Ich hatte zu dem Zeitpunkt nicht viel Geld auf meiner Bankkarte und wollte deshalb kein Hotel buchen. In der ersten Nacht habe ich einfach bei McDonald’s übernachtet. Am nächsten Tag habe ich dann mit einem anderen Sänger im Studio Musik gemacht. Danach haben wir uns übers Leben unterhalten und ich habe ihm erzählt, dass ich aktuell keine Wohnung habe. Da schlug er vor, dass ich erst mal eine Woche bei ihm leben kann. Wir haben uns angefreundet, ich bin bei ihm geblieben und habe ihm eine Miete gezahlt. Sechs Monate habe ich bei ihm gelebt und dann kam Corona.

Wie hat sich die Corona-Pandemie auf Ihr Leben ausgewirkt?

Unter Corona leide ich vor allem, weil ich nicht live auftreten kann. Aber genau davon leben wir Künstler ja. Von Spotify kommt hingegen ganz wenig Geld. Pro Klick bekommt man weniger als einen Cent. Die Live-Musik und auch die Nähe zwischen den Menschen fehlen mir zurzeit. Und ich war eigentlich nach Amerika gegangen um mit Produzenten, Songwritern und Sängern zu connecten. Durch Corona ging das dann nicht mehr. Trotzdem habe ich auch nach dem Beginn der Pandemie viel gelernt, viel geschrieben, viel Musik gemacht, Leute getroffen und neue Freunde gemacht. Als es mit der Pandemie nicht besser wurde, bin ich im Juli zurück nach Deutschland. Eigentlich wollte ich nach Berlin gehen, da das ja die wichtigste Musik-Stadt in Deutschland ist. Leider hat das wegen der Pandemie bisher nicht geklappt. Aber ich werde auf jeden Fall künftig nach Berlin gehen und mich mit Leuten dort connecten. Aktuell mache ich auch hier in Syke weiterhin jeden Tag Musik und bin aktiv. Ich stehe früh auf, mache Sport und dann geht es ab ins Studio. Weil ich so lange weg war, versuche ich auch Zeit mit meinen Eltern zu verbringen. Die unterstützen mich echt sehr.

Was sind Ihre Pläne für die nahe Zukunft, sollte sich die Pandemie-Lage entspannen?

Ich habe vor, das mit der Musik vernünftig zu machen und suche deshalb gerade ein Management, mit dem es passt. Denn es ist ganz wichtig, was für Leute du hinter dir hast, ob die an dich glauben und in deinem Sinne handeln. Musikalisch möchte ich immer besser werden und zum Beispiel neue Melodien für mich entdecken. Ich mache übrigens einfach die Musik, auf die ich Bock habe. Überhaupt mache ich Musik, weil ich tue, worauf ich Bock habe. In der Musik kann ich mich komplett ausleben. Im Büro zu sitzen, fände ich langweilig. So oft, wie ich in meiner Karriere schon Rückschläge hatte, könnte ich auch aufgeben, aber ich mache weiter, weil mich genau diese Arbeit, das Musik-Machen, glücklich macht.

Warum singen Sie in Ihren Liedern eigentlich auf Englisch?

Mit englischsprachiger Musik bin ich aufgewachsen. Ich höre das seit meiner Kindheit – Ne-Yo, Usher, Michael Jackson, Chris Brown. Als ich die entdeckt habe, liefen deren Tracks jeden Tag bei mir. Auf Deutsch Songtexte schreiben und singen kann ich nicht gut. Das ist nicht meine Stärke. Auf Englisch Musik zu machen, fällt mir viel einfacher.

60.000 Menschen folgen Ihnen auf Instagram, und auf Spotify haben Sie Songs mit mehr als 200.000 Aufrufen. Was bedeutet Ihnen diese Reichweite?

Es freut mich sehr, dass so viele Menschen mögen, was ich mache. Das finde ich echt super, und ich bedanke mich bei jedem einzelnen. Für genau diese Leute mache ich meine Musik. Aber ehrlich gesagt ist mir meine aktuelle Reichweite noch nicht genug. Damit bin ich noch nicht ganz zufrieden, denn es geht noch mehr. Bei vielen großen Musikern hat es mit dem Durchbruch lange gedauert. Wenn ich solche Geschichten höre, denke ich mir: Wow, wenn die so lange dabei sind, dann muss ich auch weitermachen, bis ich es schaffe.

Was würden Sie jungen Musikern, die ganz am Anfang ihrer Karriere stehen, aus heutiger Sicht raten?

Da habe ich ganz viele Tipps, Jungs und Mädels. Zunächst einmal solltet ihr nicht an einer Castingshow teilnehmen, also egal an welcher – DSDS, The Voice Of Germany oder eine andere. Denn bei allen Shows hat man am Ende einen Vertrag mit einem Plattenlabel, wo genau die gleichen Sachen drinstehen. Lasst euch nicht verarschen. Aber oft verarschen wir uns auch selber. Wir denken: Wir sind richtig gut, aber eigentlich sind wir gar nicht so gut wie angenommen. Holt euch deshalb am Anfang so viel Feedback wie möglich. Außerdem ist es von Bedeutung, dass man sein eigenes Ding macht und über seinen Wohnort nachdenkt. Wenn du es groß machen willst, musst du in Großstädte wie Berlin gehen, die eine passende Musikszene haben. Wichtig ist auch, dass man sich als Musiker Teams sucht. Alleine geht das nicht. Du brauchst ein Produzenten-Team und ein Writer-Team. Und das Management ist eben auch ganz wichtig. Such dir so früh wie möglich ein Management, das an dich glaubt.

Sie machen einen bodenständigen Eindruck. Wie gelingt es Ihnen, nicht abzuheben?

Interessant, dass Sie das sagen. Denn bei DSDS war die Geschichte: Igor ist arrogant. Dieter Bohlen hat das ein wenig verursacht, aber nicht inszeniert. Denn ich habe für manche tatsächlich arrogant gewirkt, weil ich oft keinen Bock darauf hatte, zu machen, was die bei RTL wollten – zum Beispiel, dass sich die Kandidaten untereinander streiten. Aber ich verbiege mich nicht. Arrogant bin ich wirklich nicht. Ich bin gläubig (Barbosa ist der Sohn eines brasilianischen Pastorenehepaars, Anm. d. Red.), und meine Eltern waren früher arm. Ich komme also aus einer bodenständigen Familie, und auch mein Glaube an Gott hilft mir, bodenständig zu bleiben. Vielleicht bin ich cool, weil ich singen kann und eine gewisse Attitüde habe, aber ich bin nicht besser und mehr wert als andere Menschen.

Das Interview führte Yannik Sammert.

Info

Zur Person

Igor Barbosa (24)

ist ein Musiker aus Bassum, der durch seine Teilnahme bei „Deutschland sucht den Superstar“ bekannt wurde. Der „Bassumer Junge“, wie er selbst sagt, macht laut eigener Aussage urbanen Pop. Aber auch Einflüsse von R'n'B, lateinamerikanischer Musik und Hip-Hop lassen sich in seinen Tracks erkennen. Aktuell lebt der Musiker mit seinen Eltern in Syke.

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