Bloggerin auf Reisen

Im Kampf gegen den Krebs

Zwei Jahre ist Carina Neumann nun tumorfrei. Vor der dritten großen Behandlung wollte sie schon aufgeben, doch sie tat es nicht. Dank einer besonderen Person mit einer guten Idee.
23.12.2018, 14:23
Lesedauer: 4 Min
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Von Björn Struß

Eigentlich sollte ihre Facebook-Seite ein Beauty-Blog werden. Die Delmenhorsterin Carina Neumann wollte über die schönen Dinge des Lebens schreiben und sprechen – doch der Krebs zerstörte diesen Traum. Und fast auch die Träumerin selbst.

Die Diagnose „Vulvakrebs“ erhalten normalerweise nur Frauen jenseits der 50, bei Neumann kam sie im Alter von 26 Jahren. Nach insgesamt sechs Operationen und einigen Strahlentherapien ist die 31-Jährige nun seit über zwei Jahren tumorfrei. „Vollremission“ nennen das die Ärzte. Erst nach fünf Jahren verwenden sie das Wort „geheilt“. „Ich habe einige Schlachten geschlagen, aber noch herrscht kein Frieden“, sagt Neumann.

Ihr Kampf begann mit einem Routinetermin im Jahr 2013. Die Frauenärztin entdeckte etwas, das eine Vorstufe für Krebs sein könnte. Eine kleine Laser-OP folgte. „Ich wurde schon einen Tag danach aus dem Krankenhaus entlassen“, berichtet Neumann. Was sie da nicht wusste: Die Ärzte schickten zur Überprüfung eine Probe in die Pathologie. „Dann kam die Nachricht, dass es doch Krebs ist“, berichtet Neumann. Die Horror-Nachricht erfuhren zuerst ihre Freunde in der Wohngemeinschaft. Es war also doch keine Vorstufe, es waren bösartige Krebszellen.

Als sie dann im Krankenhausbett lag und auf die Operation wartete, schlug die Geburtsstunde von 'Vulvarine'. „Ich habe online einige Krebsblogs gelesen, in denen Betroffene über den Kampf gegen die Krankheit schreiben“, erzählt Neumann. In den sozialen Netzwerken und Diskussionsforen existiert eine digitale Gemeinschaft, die sich gegenseitig Mut macht. Im Kampf gegen eine schwere Krankheit fühlen sich viele allein und hilflos. Dieses Gefühl bekämpfen sie mit Likes und aufmunternden Kommentaren. „Ich habe aber keine Bloggerin gefunden, die Vulvakrebs hat“, sagt Neumann.

'Irgendwann werde ich nicht mehr in diesem Krankenhausbett liegen und dem Regen zuschauen müssen, der draußen fällt. Ich will keinen Regen, ich will Sonnenstrahlen und ich werde jeden einzelnen davon einfangen. Da glaube ich fest dran.' Das sind die Worte ihres ersten Beitrags als Krebs-Bloggerin. Neumann versah den Text mit einem Bild: Ihre Füße in rosa Socken auf einem rosa Bett. Außerdem erstellte sie dazu noch den Hashtag #teamvulvarine. Der Heldenname war geboren.

Was Neumann schreibt, ist oft poetisch. Manchmal ist sie auch in einem Video zu sehen, streckt den Zeigefinger in Richtung Kamera, als wolle sie einem Baby die Nase kitzeln. Das ist manchmal verträumt oder humorvoll, aber immer ein trotziger Mittelfinger gegen den Vulvakrebs. Und dieser Mut kommt an. Die Zahl ihrer Follower stieg, aktuell erreichen die Nachrichten aus ihrem Leben gut 8500 Menschen. „Manchmal steht in den Kommentaren, dass ich ein Vorbild bin und stark wie eine Löwin kämpfe. Das tut immer wieder sehr gut“, sagt Neumann.

Es war der Krebs, der Neumann zum Kämpfen zwingt. Zwei Mal kamen die Tumore zurück und ließen die Behandlung wieder von vorne beginnen. „Beim zweiten Mal wusste ich nicht, ob ich weiter machen möchte“, berichtet die junge Frau. Noch eine Operation, noch einmal Strahlentherapie, noch einmal die Schmerzen durchstehen, all die Medikamente schlucken. Sie wusste nicht mehr, wofür sie all das noch einmal auf sich nehmen sollte. Wozu, wenn der Krebs doch zurückkommt?

„Wenn man den Mut verliert, braucht man jemanden, der an dich glaubt“, sagt Neumann heute. In der Phase, als sie über das Für und Wider einer erneuten Behandlung nachdachte, meldete sich eine andere junge Frau bei ihr – online. Malin Steffen hatte die Idee, dass Neumann unbedingt noch einmal reisen musste. Sie sollte die Welt sehen, das Leben genießen. Die beiden Frauen entwarfen einen Plan: Per Crowd-Funding wollten sie Geld für eine Europareise sammeln. Es sollte ein Buch entstehen, dass dann die Unterstützer als Dank erhalten sollten. Neben dem riesigen Motivationsschub half die Fotografin Steffen auch mit guten Bildern.

Das selbstgesteckte Ziel von 15 000 Euro erreichten die beiden Power-Frauen viel schneller, als gedacht. Und Neumann kämpfte noch ein weiteres Mal gegen den Krebs – mit Erfolg. Im Januar 2016 dann konnte das kleine Abenteuer beginnen. Gemeinsam bereisten sie Amsterdam, Brighton, Paris, Barcelona und London. „Bei einigen Stationen sind Freunde auf eigene Kosten dazu gekommen“, erzählt Neumann. Einen Monat nachdem sie zurückkehrten, kam schließlich die entscheidende Nachricht: Neumann ist tumorfrei.

Mit den vielen Followern, den aufmunternden Kommentaren und natürlich dem Geld des Crowd-Fundings hat Neumann erlebt, was die viel beschworene digitale Gemeinschaft bewirken kann. Doch sie kennt auch die andre Medaillenseite dieser Welt – den unverhohlenen Hass. Als sie begann, für einen ebenfalls krebskranken Freund Geld zu sammeln, häuften sich Anfeindungen auf ihrer Facebook-Seite. Sie möchte auch ihm per Crowd-Funding eine Reise ermöglichen. Es ist vollkommen freiwillig, derartige Online-Aktionen mit Geld zu unterstützen. Trotzdem wurde Neumann vorgeworfen, ihre Reichweite auszunutzen, damit sich Freunde bereicherten. „Der Gipfel waren dann Kommentare unter einem Bild von uns beiden“, berichtet Neumann. Ihr krebskranker Freund lächelte darauf. Manche kommentiert dazu, dass er doch gar nicht krank sein könne. Die Netzgemeinde hat ein Wort für solche Aktionen: Shitstorm. Inzwischen ist der Freund verstorben.

Um den Sturm aus Hass und Neid zum schweigen zu bringen, pausierte die Seite von Neumann für eine lange Zeit. Inzwischen schreibt sie aber wieder, schließlich soll der aufwendig produzierte Bildband als Ergebnis der gemeinsamen Reise trotz allem noch erscheinen. Inzwischen weiß Neumann auch eine starke Schulter an ihrer Seite. Die Beziehung zu ihrem Freund, mittlerweile Ehemann, gibt ihr Kraft. Auch er musste gegen einen Tumor in die Schlacht ziehen.

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