Forschungsschiff „Sonne“

Hautnah dabei

Seit fast zwei Wochen lebt und arbeitet Tabea König auf dem Forschungsschiff „Sonne“. Die Frau aus Bassum ist Teil einer Forschungscrew, die unter anderem die Fluid­aus­tritts­stel­len untersucht.
14.04.2021, 09:01
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Hautnah dabei
Von Tobias Denne
Hautnah dabei

Die Bassumerin Tabea König hat die Chance bekommen, auf dem Forschungsschiff "Sonne" zum Mittelmeer zu fahren und dort zu arbeiten.

Svenja Raul

„Die Seeluft ist einfach nur herrlich! Außerdem wird es einfach nicht langweilig, auf dieses wahnsinnig blaue Wasser zu schauen und die Wellenbewegungen zu beobachten. Ganz zu schweigen von den wunderschönen Sonnenauf- und -untergängen“, schwärmt Tabea König von den vergangenen Tagen. Auch Delfine konnten sie und ihre Mitreisenden schon während der Überfahrt Richtung Italien beobachten.

Zwei Wochen zuvor: Tabea König sitzt in einem Hotelzimmer in Emden. Quarantäne. In wenigen Tagen wird sie auf das Forschungsschiff „Sonne“ steigen, dann sticht das Team um den Meeresforscher Gerhard Bohrmann in See. Von Emden aus geht es zunächst Richtung Italien – und bis es an Bord geht, darf sie ihr Zimmer nicht verlassen. Ein Corona-Test wird ebenfalls noch gemacht. Für die 24-jährige Bassumerin ist diese Expedition ein Jackpot.

Angefangen für König hat alles vor zehn Jahren. „Ich habe das Buch 'Der Schwarm' gelesen und war davon total begeistert. Es wurden recht komplexe Themen einfach formuliert. Da habe ich mir gesagt, dass ich später im Ozean forschen möchte“, erzählt König am Telefon. Die Verbindung zu Meer und Wasser entwickelte sich bei ihr schon früh. „Ich liebe die Natur, seitdem ich klein bin. Wasser fasziniert mich“, betont König. Ihr Vater, Ulrich König, war wahrscheinlich nicht ganz unbeteiligt. Er ist Hobbyangler. Sie erzählt: „Ich bin so oft wie möglich mit dem Boot mitgefahren. Wir haben auch Urlaub am Wasser gemacht.“

Bohrmann selbst kommt im Buch „Der Schwarm“ als Figur vor, da er Autor Frank Schätzing fachlich bei seinem Science-Fiction-Thriller unterstützt hat. Für König ging es vor etwas mehr als drei Jahren an die Uni in Bremen. Geografie. „Ich wusste zwar, dass Bohrmann aus Bremen kommt, aber hatte nicht geschaltet, dass er auch dort Professor ist“, gibt König zu und lacht. Irgendwann stolperte sie über eine Geowissenschafts-Vorlesung zum Thema „Methanhydrate“ – was auch im „Schwarm“ thematisiert wurde. Dozent: Gerhard Bohrmann. „Ich musste oft an das Buch denken“, sagt sie.

Am Ende des Semesters besuchte sie für notwendige Unterschriften seine Sprechstunde und nutzte die Gelegenheit. „Ich finde es unangenehm nachzufragen. Aber ich habe ihm erzählt, dass es mein persönlicher Traum ist, einmal auf einem Forschungsschiff zu landen, und habe nach Tipps gefragt, wie ich dem Ziel näherkommen kann“, erzählt König. Er empfahl ihr, sich unter anderem beim Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven zu bewerben. „Es war unsicher, ob ich den Platz bekomme“, erzählt sie angesichts der Corona-Pandemie. Für ein Praktikum bewarb sie sich auch beim Geoforschungszentrum in Potsdam, den bekam sie. Da sich der Zeitraum mit der Expedition überschnitten hätte, sagte sie den allerdings ab. Dass es so schnell mit der Erfüllung ihres Traumes geht, damit hätte die Bassumerin nicht gerechnet. Sie sagt selbst, dass sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Vor wenigen Wochen bekam sie dann „die coolste E-Mail“. Gerhard Bohrmann hatte ihr geschrieben und ihr mitgeteilt, dass sie als Praktikantin mitfahren könne. „Ich war total aufgeregt“, erinnert sich König angesichts der Möglichkeit, auf dem Forschungsschiff mitzufahren.

Fast zwei Monate wird sie unterwegs sein. Eigentlich wäre die Studentin gar nicht bei der Forschung dabei, doch wegen des Coronavirus brauchte es ein größeres Schiff mit mehr Einzelkabinen. „Die 'Sonne' ist das modernste Forschungsschiff Deutschlands. Es ist alles perfekt. Es sollte möglichst vielen jungen Leuten die Chance gegeben werden, an der Expedition teilzunehmen. Generell finde ich es jetzt schon wahnsinnig toll, dass ich so viele nette Leute aus so vielen verschiedenen Bereichen kennengelernt habe“, ist sie begeistert.

Insgesamt besteht die Crew aus 60 Personen – 32 Besatzungsmitglieder und 28 Wissenschaftler in verschiedensten Arbeitsgruppen. Sie selbst wird in der Gruppe „Porenwasser“ aktiv sein. „Mir wurde vorher alles im Detail erklärt und wir haben uns mit sämtlichen Vorgängen vertraut gemacht, damit vor Ort alles funktioniert“, erzählt König. Da sie in ihrem Studium bislang kaum mit Geochemie Berührungspunkte hatte, „waren das ziemlich viele neue Begriffe, Geräte und Methoden. Daher habe ich hier genug damit zu tun, mich in alles ein wenig einzulesen.“

Traumhafter Ausblick: Dieses Foto entstand nach der Straße von Messina, der Meerenge in Italien. Links ist der Ätna auf Sizilien zu erkennen.

Traumhafter Ausblick: Dieses Foto entstand nach der Straße von Messina, der Meerenge in Italien. Links ist der Ätna auf Sizilien zu erkennen.

Foto: Tabea König

Die Tage vor der Quarantäne in Emden hat sie damit verbracht, ihr Semester abzuschließen und ihre Sachen herauszulegen. Gar nicht so einfach. „Ich habe drei, vier Tage alles zusammengesucht und gepackt. Es ist schwer, für alle Situationen etwas mitzunehmen. Ich war ja noch nie auf einem Forschungsschiff und weiß nicht, was man alles braucht“, sagt sie und lacht. Schließlich beginnt der Herbst langsam in Deutschland, auf dem Mittelmeer sollen es 15 bis 20 Grad werden und wenn sie Anfang Dezember wieder in Bassum ankommt, ist Winter. Landgang ist nicht vorgesehen. Die Crew ist die ganze Zeit auf dem Schiff.

Wenn Sie diesen Artikel lesen, ist die „Sonne“ gerade östlich von Messina im Mittelmeer angekommen. Und bis auf die erste Zeit in der Nordsee („Das war für einige von uns nicht so leicht wegzustecken.“) war das Wetter bestens und der Seegang angenehm. Insgesamt 13 Tage dauerte die Transitfahrt bis zum ersten Forschungsgebiet in Italien. „Die Techniker haben noch mal alle Geräte durchgecheckt, die Labore wurden endgültig eingerichtet, das Programm wurde diskutiert und jeden Tag wird ein Meeting mit allen Teilnehmern gehalten, bei dem jeweils ein Vortrag pro Wissenschaftler gehalten wird“, berichtet sie von der ersten Zeit an Bord. König entschied sich übrigens, über den bedeutenden Fossilienfund in Twistringen zu berichten. Natürlich besteht an Bord nicht der ganze Tag aus Arbeit. „Ansonsten wurden abends auch mal gerne der Tischkicker und die Tischtennisplatte benutzt“, erzählt die Bassumerin.

Dann kann es mit der Forschung so langsam losgehen. „Ich freue mich auch schon sehr darauf zu sehen, wie die verschiedenen Geräte eingesetzt werden, wie das erste Mal Sedimentkerne nach oben geholt werden, wie wir das erste Mal Proben nehmen. Wir dürfen hier jederzeit in alle Labore gehen und nachfragen, was genau gemacht wird und wie alles funktioniert, das werde ich definitiv tun“, kündigt König an. Und fügt hinzu: „Viel mehr kann ein Praktikum gar nicht erfüllen, als dass man tatsächlich alles hautnah miterleben und beobachten darf.“

Info

Zur Sache

Ex­pe­di­ti­on „Fringe“ mit dem
Forschungsschiff „SO278“

Der grö­ße­re Teil der Ex­pe­di­ti­on wird im Hel­le­ni­schen Bo­gen, dem so­ge­nann­ten Mit­tel­meer­rü­cken in Grie­chen­land süd­lich von Kre­ta, stattfinden. Dort wer­den Fluid­aus­tritts­stel­len erkundet, ver­mes­sen und mit Kern­ge­rä­ten sowie Tem­pe­ra­tur­mes­sun­gen un­ter­sucht. Der kleinere Teil der Expedition soll dazu beitragen, die dy­na­mi­schen Pro­zes­se der Schlamm­vul­ka­ne Sar­t­ori und Ce­tus im Ka­la­bri­schen Ak­kre­ti­ons­kom­plex in Ita­li­en bes­ser zu ver­ste­hen. Dort startet auch die Arbeit. Vor allem stehen die Mas­sen­bi­lan­zen der Schorn­stein­struk­tu­ren so­wie die zeit­li­che und ?räum­li­che Ver­tei­lung der Schlamm­strö­me und de­ren Wech­sel­wir­kung im Mit­tel­punkt. Diese Da­ten­er­fas­sung und Pro­ben­nah­me liefern neue Er­kennt­nis­se zum Ver­ständ­nis bei­der Schlamm­vul­ka­ne. Die Ex­pe­di­ti­on „Fringe“ ist Teil des Bre­mer Ex­zel­lenz­clus­ters am Marum (Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen) „Der Oze­an­bo­den – un­er­forsch­te Schnitt­stel­le der Erde“.

Die aktuelle Position der „Sonne“ ist auf www.hamburg.de/fs-sonne-position einsehbar.

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