Ferien auf dem Bauernhof Im Urlaub ausmisten

Auf dem Huxfeld-Hof lernen die Urlauber Landwirtschaft kennen und halten den Betrieb über Wasser.
31.07.2019, 06:00
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Im Urlaub ausmisten
Von Jürgen Hinrichs

Es ist ein Montag, nicht kalt, nicht warm, zwischendurch regnet es, und warum jetzt nicht ins Allwetterbad, haben sich die beiden Mütter mit ihren Kindern gedacht. Ein Plan, der sogleich in die Tat umgesetzt wird. Doch halt, zunächst noch einmal zu den Tieren. Füttern macht Spaß, und so sind sie dann bei den Ziegen, später auch bei den Hühnern. Keines der Tiere geht leer aus, nur die Kühe im Stall, aber die haben ohnehin genug, der Bauer hat gerade Heu gebracht. Später, wenn die Kinder vom Schwimmen zurück sind und es auf Abend zugeht, werden sie beim Melken zusehen. Ferien auf dem Bauernhof, da ist immer was los.

Martina Warnken sitzt für ein kurzes Gespräch, denn viel Zeit hat sie nicht, im Schwalbennest. Das Appartement mit diesem Namen ist eine von acht Wohnungen, die auf dem Huxfeld-Hof im tiefsten Teufelsmoor zwischen Fischerhude und Grasberg den Gästen angeboten werden. Die Warnckens stehen ökonomisch auf zwei Beinen. Sie betreiben mit ihren 60 Milchkühen, den Kälbern und 45 Hektar Fläche für Mais und Gras zum Füttern der Tiere einerseits klassische Landwirtschaft. Dazu gehört seit 17 Jahren aber genauso der Betrieb mit den Gästen. Anders ginge es nicht.

„Bei 32 Cent für den Liter Milch kann man die Rechnungen bezahlen, es bleibt aber nichts übrig“, stellt Warnken nüchtern fest. Dass sie etwas hinzuverdienen, ist ohne Alternative. Ideal, wenn es dann so geschieht, dass sich zwei Wirtschaftsformen ergänzen.

Anschauungsunterricht in Tierhaltung und Landwirtschaft insgesamt, das Hofambiente, der weite Blick über die Felder – für Städter ist das Erholung pur. Noch besser, wenn sie sich zwischendurch nützlich machen und der Bauer einen doppelten Vorteil hat, die Einnahmen aus der Übernachtung und Hilfe auf dem Hof.

„Es gibt Gäste, die mähen Rasen oder misten den Stall aus“, erzählt Warnken. Andere tun das nicht. Mehr noch: Sie nörgeln, sind unzufrieden. Selten, kommt aber vor. So wie es an diesem Montag manchmal regnet, herrscht auch sonst nicht immer eitel Sonnenschein. „Klar, dann nervt es. Aber das ist halt mein Job“, sagt die Wirtin, die zugleich Landwirtin ist.

Die Entscheidung, mit dem Hof noch eine andere Sparte zu bedienen, fiel zu einer Zeit, als klar war, dass mit der Landwirtschaft vielleicht eine Familie leidlich ihr Auskommen hat, nicht aber zwei – der Altbauer mit seiner Frau, die mittlerweile verstorben ist, und der Sohn als angehender Nachfolger mit Frau und dem Plan, Kinder in die Welt zu setzen, drei sind es geworden. 60 Kühe, früher waren es noch weniger, und ein miserabler Milchpreis sind dafür keine Grundlage.

Erste Schritte zum Ferien-Bauernhof

Der erste Schritt zum Ferien-Bauernhof war die Recherche. Martina Warnken wandte sich an eine Organisation, die sie im Laufe der Jahre offenbar so sehr überzeugen konnte, dass sich die 44-Jährige dort heute selbst engagiert und sogar Vorsitzende ist. Die Arbeitsgemeinschaft Urlaub und Freizeit auf dem Lande mit Sitz in Oldenburg bietet Erstberatungen an, schickt Mitarbeiter auf die Höfe, um das Potenzial abzuschätzen, veranstaltet Workshops und ist vor allen Dingen eine Werbeplattform im Internet. Die Gäste können dort direkt buchen, wenn sie sich für ein spezielles Angebot entschieden haben.

„Sie müssen sich als Anbieter ein Profil überlegen“, erklärt Warnken. Bei ihr liege der Akzent klar auf Familien. Deshalb die Scheunen mit den Spielgeräten. Andere verlegen sich auf Radtouristen, wenn die Höfe an den einschlägigen Routen liegen. Dann sind es Besucher, die in der Regel nur eine Nacht bleiben oder zwei und Wert darauf legen, dass ihnen ein Frühstück serviert wird. Auf dem Huxfeld-Hof bleiben die Gäste im Schnitt viereinhalb Tage, und es gilt das Prinzip, sich selbst zu versorgen. Weitere Spielarten für Ferien auf dem Land sind Reiterhöfe, Heuhotels, Camping am Hof und Landhöfe, auf denen Landwirtschaft nur noch als Nebenerwerb betrieben wird.

Bei den Warnckens ist das Angebot mit der Zeit auf 37 Betten angewachsen. Vor vier Jahren haben sie auf dem Hof ein Haus mit weiteren vier Ferienwohnungen gebaut. Und das ist noch nicht das Ende, so jedenfalls die Pläne. Vor einem Jahr hat die Gemeinde nach Antrag der Eigentümer auf dem Gelände das Baurecht verändert. Platz für zwei Häuser, für noch mehr Wohnungen und vielleicht auch eine Gastronomie. So wächst der eine Wirtschaftszweig kräftig heran. Und der andere? Gibt‘s den eines Tages überhaupt noch?

„Mein Mann ist mit Leib und Seele Landwirt“, betont Warnken. Auch wenn irgendwann der touristische Betriebszweig ausgebaut werden sollte, bedeute das nicht automatisch, dass die Landwirtschaft weichen muss. „Im Moment fußt unser Konzept auf den Kühen. Die Gäste kommen, weil wir einen voll bewirtschafteten Betrieb haben.“ Ob der bäuerliche Teil so weitergeführt werden kann wie bisher, hänge eher von den politischen und marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen und der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung ab.

Sogar Stammgäste aus der Umgebung

Die Kennzeichen der Autos auf dem Huxfeld-Hof verraten, von wo die Urlauber angereist sind. Aus Bremen zum Beispiel. Bremen? Von so nah? Warnken lächelt, sie hat diese Frage erwartet. „Das sind Stammgäste“, erzählt die Wirtin, „die sind das elfte Mal da.“ Städter, in diesem Fall aus Findorff, also mitten aus Bremen, die zwischendurch mal raus wollen aufs Land, und warum dafür so weit fahren?

Wiebke Kucharnowsky kommt aus Kiel. Für sie und ihre vier Kinder ist es der zweite Aufenthalt auf dem Huxfeld-Hof. „Ich mag das Leben hier“, sagt die 41-Jährige. Die Ungezwungenheit, den Spaß. Und nebenbei auch ein bisschen Pädagogik: „Meine Kinder lernen, woher die Lebensmittel kommen.“ Und gehen mit Tieren um, zu denen sie sonst keinen Kontakt haben. Da sind die Ziegen und Hühner, Katzen, Kühe, Kälber und Kaninchen, das Pony, es heißt Schulzi, und Wilma, das Pferd.

Über Mittag herrscht Stallruhe. Kein Füttern und nichts. Dann ist Zeit für Unternehmungen. Zum Schwimmen ins Allwetterbad nach Osterholz-Scharmbeck, auch nach Bremen, nach Fischerhude und Worpswede. Die Kieler kennen das alles schon. Sie haben sich für dieses Jahr das Klimahaus in Bremerhaven vorgenommen. Dort ist es mal kalt, mal warm, und zwischendurch regnet es.

Zur Sache

Gemeinsame Vermarktung

Es war in den 1960er-Jahren, als mehr und mehr Landwirte in Niedersachsen auf den Gedanken kamen, sich mit Ferienangeboten einen Nebenerwerb aufzubauen. Schnell erkannten sie, dass es klug wäre, sich für eine Vermarktung zusammenzuschließen; so entstand 1972 als Selbsthilfeorganisation die Arbeitsgemeinschaft Urlaub und Freizeit auf dem Land mit Sitz lange Zeit in Verden, heute in Oldenburg. Im Internet lautet die Adresse des Vereins www.bauernhofferien.de. Der Dachverband ist die Bundesarbeitsgemeinschaft für Urlaub auf dem Bauernhof und Landtourismus in Deutschland. Er hat im vergangenen Jahr unter seinen Mitgliedern eine Befragung veranstaltet. Demnach sind knapp die Hälfte der Ferienhöfe nach wie vor bäuerliche Betriebe. Der Anteil von Ferienhöfen ohne Landwirtschaft ist allerdings gestiegen. Die Arbeit mit den Gästen und Übernachtungen erledigen zu 80 Prozent die Bauernfamilien, mit steigender Tendenz zur Professionalisierung.

Einher geht das mit einem überdurchschnittlichen Wachstum von Betrieben mit sieben Ferienwohnungen und mehr und dem Anstieg der Belegungszahl. Sie lag in der Saison 2017/2018 im Schnitt bei 177 Tagen. Der Anteil der Betriebe, die mehr als die Hälfte ihres Gesamtumsatzes aus Beherbergung erzielen, ist der Befragung zufolge in den Jahren zwischen 2007 und 2017 von elf auf 21 Prozent gestiegen. Dreiviertel der Ferienbetriebe bieten Nebenleistungen an – Wanderungen, Betriebsführungen, Grillabende. 92 Prozent der Betriebe schätzen die Geschäftslage für die nächsten Jahre positiv ein.

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