Lilienthal, Grasberg und Worpswede Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus

Die Zahl der Kirchenaustritte in Lilienthal, Grasberg und Worpswede steigt. Allein in diesem Jahr haben bereits 174 Menschen ihre Mitgliedschaft aufgekündigt.
12.08.2019, 10:00
Lesedauer: 3 Min
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Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus
Von Silke Looden

Immer mehr Menschen kehren der Kirche den Rücken. Nach Angaben des Standesamtes in Worpswede, das für die Gemeinden Lilienthal, Grasberg und Worpswede zuständig ist, stieg die Zahl der Kirchenaustritte von 195 (2017) auf 219 (2018). In diesem Jahr verzeichnete das Amt bereits 174 Kirchenaustritte. Im Kirchenkreis Osterholz-Scharmbeck, zu dem die drei Gemeinden gehören, sieht es ähnlich aus. Dort stieg die Zahl derjenigen, die ihre Mitgliedschaft in der Kirche beendeten, von 573 (2017) auf 633 (2018). Tendenz steigend. Die Gesamtzahl der Protestanten im Kirchenkreis fällt damit auf 51 866.

„Die Menschen reden hier nicht über ihre Gründe für den Kirchenaustritt“, sagt Katrin Kehlert, die das Standesamt in Worpswede leitet. Klaglos zahlten die meisten die Gebühr von 25 Euro, um anschließend die Kirchensteuer einzusparen. Der Lilienthaler Pastor Hans-Jürgen Bollmann betrachtet die steigende Zahl der Kirchenaustritte mit Sorge. Der Stellvertreter von Superintendentin Jutta Rühlemann im evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Osterholz-Scharmbeck berichtet von einer Austrittswelle, nachdem die Banken ihre Kunden darüber informiert hatten, dass die Kirchensteuer nicht nur aufs Einkommen, sondern auch auf Kapitalerträge anfalle.

Finanzielle Gründe, so Bollmann, der auch Krankenhausseelsorger im Kreiskrankenhaus Osterholz ist und die Martinsgemeinde in Lilienthal betreut, seien aber nur ein Aspekt. Ebenso spiele der demografische Wandel eine Rolle. Und dann gebe es noch die Einzelfälle: Für manche passe die Kirche nicht zur jeweiligen Lebenssituation, andere hätten sich über die Kirche geärgert und seien deshalb ausgetreten. Andererseits, so Bollmann, engagierten sich viele Ehrenamtliche in der Kirche, die gar nicht Mitglied sind. Beispiele dafür seien die vielen Flüchtlingsinitiativen vor Ort. Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass sich junge Leute oftmals erst wieder an die Kirche erinnerten, wenn sie heiraten oder ihre Kinder taufen lassen wollten. Die Kirchengemeinden, so Bollmann, schreiben die Menschen, die ausgetreten sind, an, um mehr über die Gründe zu erfahren. Darauf gebe es allerdings nur selten eine Antwort.

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Die Grasberger Diakonin Kerstin Tönjes indes sieht den Hauptgrund für die Kirchenaustritte in der Kirchensteuer: „Die Leute gucken auf den Lohnzettel und denken, dass sie da was sparen können.“ Sicher gebe es Menschen, die wirklich sparen müssten. Andere wiederum hätten den Bezug zur Kirche verloren: „Es wird gar nicht mehr wahrgenommen, was Kirche leistet, wie wichtig die Arbeit am Menschen ist.“ Tönjes plädiert dafür, dass sich die Kirche weiter öffnet. „Die Zeiten, in denen ein Pastor eine Gemeinde betreut hat, sind vorbei“, sieht sie den Sparzwang wegen fehlender Kirchensteuereinnahmen. „Wir müssen in größeren Räumen denken“, meint Tönjes und denkt dabei an den Kirchenkreis. Um die Zukunft der Kirche ist der Diakonin dennoch nicht bange. Gerade befindet sie sich mit Jugendlichen auf einer Freizeit in der Bretagne. Junge Teamleiter, die sich ehrenamtlich engagieren, zählen zu der Reisegruppe. Tönjes baut auf diese Jugendlichen. Sie meint: „Die Kirche ist eine Solidargemeinschaft. Ich hoffe, dass sich auch diejenigen, die sich heute von der Kirche abwenden, eines Tages wieder daran erinnern.“

Der Worpsweder Pastor Kurt Lietdke sieht "vielfältige Gründe" für die Kirchenaustritte. Zum einen würden sich Menschen mit der Zeit von der Kirche entfremden. Zum anderen gebe es heute ein ausgeprägtes Kosten-Nutzen-Denken in der Gesellschaft. Lietdke: "Die Leute wollen einen unmittelbaren Gegenwert für das, was sie bezahlen." Das sei bei der Kirchensteuer nicht der Fall. Vieles geschehe im Verborgenen: "Wir hängen nicht jede gute Tat an die große Glocke." Die sozialen Medien, meint er, seien nicht unbedingt ein Forum für die Kirche, um neue Mitglieder zu gewinnen: "Dort erreichen wir nur diejenigen, die sich ohnehin schon für die Kirche interessieren." Die Kirchenaustritte betreffen nicht nur die evangelische, sondern auch die katholische Kirche in der Region. Etwa 2000 Gläubige aus Lilienthal, Grasberg und Worpswede zählt die Lilienthaler Filialkirche Guter Hirt", die zur katholischen Kirche Heilige Familie in Osterholz-Scharmbeck gehört. Tendenz fallend. Genaue Zahlen sind aktuell nicht zu haben. Der Pastor befindet sich noch im Urlaub.

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Für Niedersachsen meldete die katholische Kirche 11.360 Austritte (2018). Das war ein Anstieg um fast 28 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Evangelische Landeskirche Hannover, die etwa 80 Prozent der Mitglieder der fünf evangelischen Kirchen in dem Bundesland stellt, registrierte 2018 rund 26.000 Austritte – eine Steigerung um mehr als elf Prozent.

Bundesweit verließen im vergangenen Jahr 216.000 Menschen die katholische Kirche, 48.500 mehr als 2017. Insgesamt sank die Zahl der Katholiken in Deutschland im vergangenen Jahr um gut 300 000 auf 23 Millionen. Bei den Protestanten traten 220.000 Menschen aus der Kirche aus, 23 000 mehr als 2017.

Die Gesamtzahl der Protestanten verringerte sich somit auf gut 21 Millionen. Dass noch mehr Menschen die katholische Kirche verlassen als die evangelische Kirche, führt die katholische Bischofskonferenz darauf zurück, dass im vergangenen Jahr die Studie über die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche veröffentlicht wurde.

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