Wohnmobilisten verfolgen den Schiffsverkehr vor Cuxhaven

In der ersten Reihe

Cuxhaven. Näher ran an die dicken Pötte als direkt neben dem Cuxhavener Fährhafen kommt man mit dem fahrenden Zuhause nirgendwo. Der Wohnmobilplatz in Cuxhaven zählt 50.000 Übernachtungen jährlich auf seinen 130 Stellplätzen.
25.05.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Volker Kölling
In der ersten Reihe

Heiß begehrte Plätze: Aus der ersten Reihe des Wohnmobilstellplatzes Fährhafen in Cuxhaven ist die Sicht aufs Wasser besonders gut.

Volker Kölling coast communication, Volker Kölling

Näher ran an die dicken Pötte als direkt neben dem Cuxhavener Fährhafen kommt man mit dem fahrenden Zuhause nirgendwo. Der Wohnmobilplatz in Cuxhaven zählt 50 000 Übernachtungen jährlich auf seinen 130 Stellplätzen. Dabei ist das betonierte ehemalige RoRo-Terminal seit 20 Jahren in der Szene gar nicht unter seinem offiziellen Namen „Stellplatz Fährhafen“, sondern als die „Platte“ bekannt.

„Der Platz ist sehr sauber, weil er gepflastert ist. So schleppen die Leute keinen Dreck in die Wohnmobile,“ erklärt Platzbetreiber Rolf Frauenpreiß die Vorteile des grünlosen Grunds. Außerdem liegt der Platz so hoch, dass er selbst beim Orkantief „Xaver“ und der damit verbundenen Sturmflut nicht überspült wurde: „Aber da hatten wir dann schon alle Wohnmobile hinter den Deich geschickt.“ 60 Wohnmobile sind heute bei bestem Wetter unter der Woche auf der Anlage und wie immer sind für Frauenpreiß etliche alte Bekannte darunter: „Die Leute verabreden sich hier, und der erste hält den anderen den Platz frei. Ich komme dann nur und stelle den Erbschein aus“, lacht der Platzbetreiber, der vor drei Jahren die Konzession für den Platz von „Niedersachsen Ports“ nach einer Ausschreibung bekommen hat.

Frauenpreiß fährt im Urlaub selbst mit dem Wohnmobil los und weiß, was seine Kundschaft verlangt. Jeden Morgen zwischen 8.15 Uhr und 9 Uhr ist der Bäcker da, einmal in der Woche kommt der Bio-Gemüsehändler und täglich ein Eiswagen. In vier Wochen hat er die Elektroinstallation so umgebaut, dass für jeden der 130 Plätze Strom da ist: „Wobei die meisten heute Solarzellen auf dem Dach haben und schon eine Weile autark sein können.“

Bis zum Jahresende sollen alle Parkbuchten auf das Maß fünf mal zehn Meter umgemalt sein: „Die alten Markierungen stammen noch aus der Zeit, als hier Container standen. Aber die Wohnmobile werden ja auch immer größer,“ sagt Frauenpreiß. Gerade sei ein Nienburger Spargelhändler mit einem „Großschiff“ für 800 000 Euro da gewesen: „Der hatte hinten in einer Garage noch ein Auto drin.“

Natürlich kann man bei Frauenpreiß Gasflaschen tauschen und seine Chemietoiletten entsorgen. Klos und Duschen hätten heute fast alle an Bord, die anderen dürften nebenan beim Jachthafen gegen eine Gebühr die sanitären Anlagen nutzen. Aber die Infrastruktur und die Nähe zur Stadt ist es nicht, was den Reiz der Platte ausmacht. Wer den verstehen will, muss sich einmal mit in ein Wohnmobil setzen.

Ganz vorne rechts in der ersten Reihe stehen seit fünf Tagen Bernd und Gisela Stickelbroeck aus Osterkappeln-Venne bei Osnabrück. Der 65-Jährige hat neben seinem Fahrersitz den Laptop mit dem Programm „Marine Traffic“ laufen, mit dem er jedes auf der Elbe ein- und ausfahrende Schiff identifizieren kann. Neben den Schiffsnamen verrät ihm das Programm die Ladung des Schiffes, bietet Fotos an und sagt, wo es herkommt und wohin es will: „da lernt man mit der Zeit die verschiedenen Schiffstypen zu unterscheiden“.

Statt Musik hören die Stickelbroecks den Seefunk auf Kanal 71 und auf dem Notkanal 16 mit. Gisela Stickelbroeck: „Wir haben auch schon zwei Einsätze des Rettungskreuzers ,Hermann Helms’ von der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger miterlebt – gerade auch erst den mit dem Feuer an Bord eines Containerschiffes.“ Und dann sei da tags zuvor ein Schiff über eine Seetonne gefahren und habe sich dessen Grundkette in die Schiffsschraube gefahren, wirft ihr Mann ein. Auch ein Fall für die „Hermann Helms“, die ihren Liegeplatz genau zwischen der Kugelbake und den fahrenden Eigenheimen hat.

Bevor es mit dem „Schlachtschiff der Landstraße“ auf Reisen ging, hatte das Paar ein Sportboot auf dem Mittellandkanal. „Das war im Vergleich hierzu langweilig: Da hätten wir drei Tage mit sieben Knoten bis Cuxhaven gebraucht. Jetzt sind wir mit dem Wohnmobil binnen drei Stunden hier und genießen das richtig,“ so Gisela Stickelbroeck. Cuxhaven sei zwar als Stadt eine Dauerbaustelle und nicht allzu reizvoll, aber dafür entschädige die Wasserseite: „Und es gibt eine vernünftige Eisdiele, und der Platzwart ist nett.“

Sie haben sich bei ihrem dritten Besuch schon ziemlich eingelebt. Die beiden haben vor, bis Pfingstmontag in Cuxhaven zu bleiben. Ihr Wohnmobil ist konsequent für zwei Personen ausgelegt. Es gibt ein von beiden Seiten begehbares Kingsize-Ehebett in einem Schlafzimmer mit Tür. Ihr Mann sitze nachts mitunter bis zwei Uhr am Computer und identifiziere Schiffe. Nun könne sie die Tür zumachen und schlafen, und er störe sie nicht beim Zubettgehen. Innen ist alles mit Kirschholz furniert. Der Wohnbereich hat einen großen Stubentisch, an den locker vier Personen passen. Die Küche hat drei Gasflammen und eine große Kühl-Gefrierkombination – alles wie zu Hause. Elektroklappräder machen das unternehmungslustige Ehepaar mobil: „Und dann ist hier ja auch richtig Leben auf dem Platz: Alle drei Tage lernt man neue Leute kennen,“ schwärmt Gisela Stickelbroeck vom Leben auf der „Platte“.

In dieser Woche ist Uwe Meier die Attraktion in der Mobilsiedlung. Dick mit Sonnencreme eingeschmiert sitzt der Entwicklungsingenieur der Firma Thales an zwei wasserfesten Computern neben einem braunen, hin und her pendelnden Radargerät auf einem schweren Stativ. „Wir erproben hier eine Woche lang dieses vollkommen neuartige Gerät, mit dem wir 25 Kilometer entfernte Objekte auf dem Wasser identifizieren und ihren Abstand vermessen wollen.“ Immer wieder erläutert Meier geduldig neu angekommenen Wohnmobilisten, wie sein Gerät funktioniert.

Zurück auf den Klappstühlen geht es dann schnell wieder um weniger Technisches: In drei Tagen kommen Christel und Rolf. Da muss es Camperin Brunhilde Schulz irgendwie mit ihrer Freundin hinbekommen, dass der Platz zwischen ihren Wohnmobilen wieder frei wird. Platzwart Rolf Frauenpreiß erinnert die Frauen daran, wegen der Marienkäferschwärme heute die Fliegengitter in die Fenster einzusetzen. Dabei fällt beiden dann ein, dass sie die Türen ihrer Wohnmobile seit Stunden komplett offenstehen gelassen haben. Am Morgen habe ein Bremer seine Brieftasche am Automaten liegen gelassen. Am Mittag hatte er sie komplett wieder, erzählt Brunhilde Schulz: „Hier gibt es keine schlechten Menschen.“

Auf die Frage nach einer Platzordnung kratzt sich Rolf Frauenpreiß nachdenklich am Kopf: „Die hatten wir hier nie, und wir brauchen auch keine. Alle kommen ganz gut miteinander zurecht und wenn etwas ist, regeln das die Leute untereinander.“ Mit Blick auf das Wasser kommt dann so etwas wie das gemeinsame Motto der „Rolling Rentner“-Bewegung: „Lasst uns Leben – wenn nicht jetzt, wann dann?“

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