Zu wenig Allgemeinmediziner Hausarztmangel: In Wesermarsch droht Unterversorgung

30 Prozent der Hausärzte in Niedersachsen gehen bis 2030 voraussichtlich in den Ruhestand. In der Wesermarsch droht deshalb eine Unterversorgung.
24.07.2020, 05:00
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Hausarztmangel: In Wesermarsch droht Unterversorgung
Von Jean-Pierre Fellmer

Seit sechseinhalb Jahren führt Martin Kohne seine Praxis in Elsfleth. Sein Vorgänger hatte fast zwei Jahre nach einem Nachfolger gesucht und die Hoffnung schon fast aufgegeben, ist mit Kohne aber doch noch fündig geworden. Seitdem hat Kohne viel zu tun: „Ich behandle in meiner Praxis überdurchschnittliche viele Patienten“ sagt der 46-jährige Mediziner. Grund dafür sind auch die Schließungen von Praxen in der Region: In Elsfleth habe ein Arzt seinen Standort aufgegeben, ebenso in Großenmeer, sagt Kohne. Die beiden sind keine Ausnahme.

Der Wesermarsch droht in Zukunft ein Ärztemangel. Laut Kassenärztlicher Vereinigung Niedersachsen (KVN) gibt es knapp 30 Hausärzte für 50 528 Menschen in der südlichen Wesermarsch – das entspricht einem Versorgungsgrad von knapp 93 Prozent. Laut Bedarfsplanung fehlen aktuell fünfeinhalb Hausärzte. Der Bedarf an Allgemeinmedizinern wird aber noch deutlich wachsen: Der Altersdurchschnitt der niedersächsischen Hausärzte liegt bei 55 Jahren. Die KVN geht davon aus, dass in den nächsten zehn Jahren rund ein Drittel der 5800 derzeit praktizierenden Hausärzte in Ruhestand geht.

Wo in den Gemeinden und Städten Ärzte zu finden sind, verrät die Internetseite Arztauskunft Niedersachsen. Für Berne ergibt die Suche im Umkreis von fünf Kilometern sechs Hausärzte: zwei in Motzen und vier nordöstlich vom Berner Bahnhof.

Für Lemwerder liefert die Suche im gleichen Umkreis ebenfalls sechs Ergebnisse. Die Arztpraxen liegen allesamt in der näheren Umgebung der Stedinger Straße oder auch in Motzen. Die Suchergebnisse können sich überschneiden, außerdem können mehrere Ärzte einer Gemeinschaftspraxis angehören. Einzelne Gemeinden würden von der KVN als sogenannte Mittelbereiche zusammengefasst, sagt Haffke, weil man den Patienten einen gewissen Weg zumuten könne.

„Wir sind in Berne noch ganz gut aufgestellt“, sagt Jan Lawrentz. Er ist Allgemeinmediziner, seine Praxis liegt an der Weserstraße in Berne. Er bestätigt, was die Zahlen sagen: „In Brake und Nordenham sowie vor allem in Budjadingen sieht die Situation anders aus.“ Es kommen auch Patienten nördlich von Huntebrück, wo die Arztpraxen überfüllt seien. Probleme bei der hausärztlichen Versorgung entstehen seines Erachtens nach durch Versäumnisse in der Ausbildung.

Ärzte sind falsch verteilt

Paradoxerweise nehme die absolute Zahl aller Ärzte in Deutschland zu, erklärt Michael Freitag, Medizin-Professor und Versorgungsforscher an der Universität Oldenburg. „Wir haben allerdings einen relativen Ärztemangel.“ Er meint damit eine örtliche und fachliche Fehlverteilung der Mediziner. Wie viele Ärzte an einem Ort praktizieren, unterliege starken Schwankungen, auch innerhalb von Städten. Zudem machen nur etwa elf oder zwölf Prozent der Medizinstudenten eine Ausbildung zum Allgemeinmediziner, sagt Freitag. „Wir bräuchten aber eher 20 bis 30 Prozent.“

Wichtig bei der Nachbesetzung von Arztpraxen sind die Bedürfnisse der jungen Mediziner. „Bei der nachrückenden Ärztegeneration steht auf Platz eins der Wünsche die Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, sagt Detlef Haffke, Sprecher der KVN. „Die Mehrheit der Medizinstudierenden ist weiblich. Die Hausärztin der Zukunft verspürt kaum Motivation, sich als Einzelkämpferin in einer Ein-Frau-Praxis auf dem Land niederzulassen“, sagt Haffke. „Daher brauchen wir schon heute zwei Köpfe um einen ausscheidenden Arzt oder Ärztin zu ersetzen.“ Es brauche neue Modelle, damit Ärzte auch aufs Land ziehen.

Dazu könnte das Modellprojekt Regionales Versorgungszentrum (RVZ) beitragen. Im RVZ sollen Hausärzte, eine Tagespflege und weitere Dienste wie etwa Ergo- und Physiotherapie gebündelt werden. Träger der Versorgungszentren sollen die Kommunen sein. Ärzte können so in Festanstellung und in Teilzeit arbeiten, was für junge Ärztinnen und Ärzte attraktiv sein kann. Zudem meiden Patienten auf dem Land so Umwege, weil die Dienstleistungen an einem Ort konzentriert und nicht in der Region verstreut sind.

Quote für Landärzte

Das Ministerium für Regionale Entwicklung Niedersachsen fördert das Modellprojekt, einer von drei Standorten im Testlauf ist die nördliche Wesermarsch. Der Versorgungsgrad liegt in der Region (Gemeinde Budjadingen und Nordenham) bei rund 85 Prozent – es gibt also einen deutlichen Bedarf an Hausärzten.

Die Entwicklungsphase ist bis 2021 geplant, ein Jahr später könnten die Zentren eröffnen. Die RVZ sind aber nicht die einzigen Lösungsansätze. Ein anderes Mittel haben SPD und CDU in Hannover im Januar beschlossen: die Landarztquote. Dabei werden Studienplätze in der Medizin an Bewerber vergeben, die sich verpflichten, in einer unterversorgten Region auf dem Land zu arbeiten. Spätestens im Studienjahr 2021/2022 soll die Quote laut niedersächsischem Ministerium für regionale Entwicklung eingeführt werden. Der Vorteil für die Studenten: Sie brauchen keine Bestnoten im Abitur, um zum Studium zugelassen zu werden. Universitätsprofessor Freitag ist skeptisch: „In NRW gibt es die Quote schon. Dort bekommen sie ihre Plätze zwar voll“, sagt er. Aber man müsse mit einem Vorlauf von elf oder zwölf Jahren rechnen, zudem könnten Studenten sich frei kaufen.

Es brauche laut Haffke von der KVN in Niedersachsen dringend 200 weitere Medizinstudienplätze in Niedersachsen. Die Arbeitsgemeinschaft der Landkreise und kreisfreien Städte in Weser-Ems und die Oldenburgische Industrie- und Handelskammer (IHK) adressierten Anfang Juli ein Schreiben an den Landtag, in dem sie sich für mehr Studienplätze einsetzen. Mehr Absolventen alleine löse das Problem allerdings nicht, sagt Freitag. Das Leben auf dem Land müsse grundsätzlich attraktiv sein, es komme auf dieselben Standortfaktoren wie in anderen Branchen an: etwa Infrastruktur und Kinderbetreuung. Der Lohn stehe nicht im Vordergrund.

Mediziner Kohne ist mit seiner Praxis auf dem Land zufrieden. Die Bürokratie mache oft Ärger, die gebe es aber überall. Trotzdem holt sich Kohne Verstärkung ins Team: Ein Kollege steigt im Herbst in seine Praxis ein.

Info

Zur Sache

Versorgungsgrade in der Region

Bei der Bedarfsplanung werden Gemeinden und Städte zu „Mittelbereichen“ zusammengezählt. Zum Mittelbereich Brake zählen etwa die Städte Brake und Elsfleth sowie die Gemeinden Ovelgönne, Stadland, Berne und Lemwerder. Im Mittelbereich Osterholz-Scharmbeck (Axstedt, Hambergen, Holste, Lübberstedt, Osterholz-Scharmbeck, Vollersode, Ritterhude und Schwanewede) liegt der Versorgungsgrad bei 87,4 Prozent. Hier fehlen elf Hausärzte. Der Versorgungsgrad im Mittelbereich Lilienthal (Gemeinden Grasberg, Lilienthal und Worpswede) liegt bei 116,3 Prozent, die Region ist deshalb für Niederlassungen gesperrt.

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