Der KZ-Überlebende Otto Uthgenannt erzählt Schülern der Berufsbildenden Schulen seine Lebensgeschichte In Zürich begann ein neues Leben

Bundesweit ist gestern aller Opfern des Nationalsozialismus gedacht worden - auch in Wildeshausen. Auf dem jüdischen Friedhof an der Delmenhorster Straße wurden bei einer Gedenkfeier Kränze niedergelegt und die Namen der zwölf jüdischen Wildeshauser, die von den Nazis ermordet worden sind, von Schülern der Berufsbildenden Schulen (BBS) vorgelesen. Anschließend hielt Otto Uthgenannt im Rathaus einen Vortrag. Der Wittmunder Jude überlebte als kleiner Junge das Konzentrationslager Buchenwald.
28.01.2012, 05:00
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In Zürich begann ein neues Leben
Von Florian Cordes

Bundesweit ist gestern aller Opfern des Nationalsozialismus gedacht worden - auch in Wildeshausen. Auf dem jüdischen Friedhof an der Delmenhorster Straße wurden bei einer Gedenkfeier Kränze niedergelegt und die Namen der zwölf jüdischen Wildeshauser, die von den Nazis ermordet worden sind, von Schülern der Berufsbildenden Schulen (BBS) vorgelesen. Anschließend hielt Otto Uthgenannt im Rathaus einen Vortrag. Der Wittmunder Jude überlebte als kleiner Junge das Konzentrationslager Buchenwald.

Wildeshausen. "Überall hörte ich Geschrei, Gejohle und klirrende Scheiben. Unsere Wohnung wurde zerstört. Gegenüber meines Elternhauses an der Oberen Maschstraße in Göttingen war die Synagoge. Sie stand in Flammen", erinnert sich Otto Uthgenannt an jene Nacht, in der die Nazis in ganz Deutschland jüdische Kaufhäuser, Wohnungen und Synagogen zerstörten. Es war die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 - die Reichspogromnacht.

Uthgenannt war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal dreieinhalb Jahre alt. "Und es sind meine ersten Kindheitserinnerungen."Mit diesem Erlebnis begann er gestern auch seinen Vortrag im Rathaus. Eingeladen wurde er von der Stadt Wildeshausen und dem jüdischen Landesverband. Seit mehreren Jahren besucht er Schulen, um dort von seinem Leben zu erzählen. "Es ist ein inneres Bedürfnis vorzutragen. Und es ist eine Lebensaufgabe geworden, jungen Menschen, die heute im Überfluss leben, die Geschichte klar zu machen", sagt er. In Wildeshausen hörten ihm Schüler der BBS zu, die zuvor im Rahmen einer Gedenkfeier auf dem jüdischen Friedhof die zwölf Namen der Wildeshauser Juden vorlasen, die während des Nazi-Regimes ermordet worden sind.

Tod durch Genickschuss

Sie hörten, wie Otto Uthgenannt nach der Reichspogromnacht mit seiner Familie nach Italien floh. Im Mai 1940 wurden sie verhaftet und in einem Güterwagen ins KZ Buchenwald gebracht. Sein Vater war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr bei der Familie, zudem sah er seine Mutter bei der Ankunft in Buchenwald zum letzten Mal in seinem Leben. "Insgesamt habe ich 72 Verwandte verloren", sagt Otto Uthgenannt.Fünf Jahre verbrachte er in dem Konzentrationslager, ständig mit der Angst, den nächsten Tag nicht mehr zu erleben. "Wir mussten jeden Morgen auf dem Appellhof antreten. Wer nicht gesund war, kam ins Krankenrevier." Geholfen worden sei dort jedoch niemanden, sagt der gebürtige Göttinger. "Die Menschen wurden an eine Wand gestellt und mit einem Genickschuss getötet." Auf die Frage aus dem Publikum, wie denn das alltägliche Leben in dem Lager ausgesehen habe, antwortete Uthgenannt: "Wir sind dahinvegetiert." Alle zwei Tage habe

es zwei Scheiben Brot gegeben, sonst nur eine dünne Suppe. Er musste sich mit seinen Freunden Wladimir und Daniel eine Wolldecke beim Schlafen teilen. Die Kleidung bestand aus alten Lumpen.

Am 11. April 1945 - Uthgenannt war an dem Tag neun Jahre, zehn Monate und 17 Tage alt - kam die Rettung. Die amerikanischen Soldaten befreiten die Gefangenen - darunter 202 Kinder - des KZ Buchenwald. Heute nennt Uthgenannt die Soldaten "Engel". Sie kamen genau zur richtigen Zeit. Denn Daniel sollte an jenem 11. April erschossen werden. An diesem Tag begann das Leben von Otto Uthgenannt von Neuem. Er kam nach Zürich in ein Waisenhaus. Dort lernte er richtig sprechen, lesen, und schreiben. Mit 18 machte er sein Abitur und studierte Betriebswissenschaft. Beruflich hat er viel von der Welt gesehen. Als PR-Manager bei Sony arbeitete er in Japan, Kanada, den USA, in Brasilien und Argentinien. 1994 ging er in den Ruhestand, kehrte nach Deutschland zurück und lernte in Frankfurt seine jetzige Frau Elisabeth kennen. Seit zehn Jahren leben sie in Wittmund.

Angst habe er auch heute noch manchmal - etwa vor rechtsradikalen Skinheads oder unterbewusst bei Arztbesuchen. Dennoch sieht er das Positive im Menschen, und trotz all der schlimmen Dinge, die er erlebte, hat er seinen Peinigern verziehen. "Ich bin nicht böse oder verbittert", versichert er. Im Laufe der Jahre hat er sich ein eigenes Lebensmotto auferlegt: "Ich habe nicht vergessen, aber ich habe verziehen. Nur mit Vergebung schafft man Frieden."

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