Flüchtlingsdebatte in Bremen-Nord

Initiativen wollen weitere Geflüchtete im Bremer Norden aufnehmen

„Wir müssen unsere Menschlichkeit gegenüber den Flüchtlingen durchhalten“, sagt Jochen Windheuser von der Vegesacker Willkommensinitiative. Die Nordbremer Unterkünfte sind derzeit zu 80 Prozent ausgelastet.
16.03.2020, 07:37
Lesedauer: 4 Min
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Initiativen wollen weitere Geflüchtete im Bremer Norden aufnehmen
Von Patricia Brandt
Initiativen wollen weitere Geflüchtete im Bremer Norden aufnehmen

Die Nennkapazität in der Einrichtung am Rastplatz beträgt 270 Plätze. Aber die Zimmer in den Nordbremer Unterkünften sind derzeit nicht komplett belegt.

Fotos: Kosak

Nachdem sich die Lage der Geflüchteten an der griechisch-türkischen Grenze zugespitzt hat, melden sich nun die drei Willkommensinitiativen aus dem Bremer Norden zu Wort. Sie wollen Bremen darin bestärken, weitere Menschen aufzunehmen. Die Auslastung der fünf Nordbremer Übergangswohnheime liegt derzeit bei 76 Prozent, heißt es auf Anfrage aus dem Sozialressort.

Tausende Geflüchtete an der Grenze zwischen Türkei und Griechenland wollen in die EU. Sie haben sich auf den Weg gemacht, als die Regierung in Ankara mitteilte, den EU-Deal platzen zu lassen und die Grenze nicht mehr blockieren zu wollen. Die Koalitionäre haben sich inzwischen darauf geeinigt, besonders schutzbedürftige Kinder und Jugendliche aus den überfüllten Flüchtlingslagern aufzunehmen. Den Kirchen in Deutschland geht das bekanntlich nicht weit genug. Der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm und der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx haben die europäische Flüchtlingspolitik als erbärmlich kritisiert.

Appell an die Menschlichkeit

Menschlichkeit gegenüber den Flüchtlingen durchhalten, sonst wird unsere Gesellschaft selbst unmenschlich“, sagt Jochen Windheuser. Windheuser ist der Sprecher der Willkommensinitiative Vegesack. Die Initiative hatte sich 2015 gegründet. Damals kamen viele syrische Kriegsflüchtlinge an die Weser. Kurz darauf gründeten sich je eine Initiative für Blumenthal und eine für Burglesum.

Florian Boehlke, Ortsamtsleiter und Sprecher der Willkommensinitiative für Burglesum, sagt: „Wir können nicht alles, aber wir können durchaus noch mehr. Wir haben noch Platz und Unterstützung in unserer Gesellschaft.“ Und Ute Reimers-Bruns, Sprecherin in Blumenthal ergänzt: „Flüchtlinge sind keine Bedrohung. Unsere Mitglieder wissen das und werden auch künftig helfen.“

Aktuell betätigen sich nach Zahlen von Jochen Windheuser 90 Mitglieder in der Vegesacker Willkommensinitiative. Am aktivsten und konstantesten arbeitet die Hausgruppe im Containerdorf in Grohn mit. Die Freiwilligen kümmern sich um Kinderbetreuung, Ausflüge, Feiern, eine kleine Kleiderkammer und vieles mehr. Die Blumenthaler Initiative hat zurzeit 78 Mitglieder, die zwei Deutschkurse und nicht zuletzt auch zwei Nähkurse anbieten. Die Lesumer Ehrenamtlichen arbeiten vor allem im Wohnheim Am Rastplatz und in einem Sprachcafé in Marßel.

Auslastung bei 80 Prozent

Nicht nur die Mitglieder der Flüchtlingsinitiativen sind betroffen von den Bildern, die an der EU-Außengrenze zu sehen sind. „Kinder, junge und alte Leute kampieren unter unsäglichen Bedingungen auf überfüllten Inseln oder vor Grenzzäunen. Für uns bleiben sie Hilfsbedürftige“, so Windheuser. „Deshalb unterstützen wir die 140 Städte, darunter Bremen, die als Nothilfe 5000 besonders Schutzbedürftige von den griechischen Inseln holen wollen, egal, was andere in Europa tun.“

Derzeit gibt es im Bremer Norden fünf Flüchtlingsunterkünfte. Mehrere, wie das Hartmannstift, wurden zwischenzeitlich wieder geschlossen. Die Auslastung betrage im Schnitt 76 Prozent, heißt es aus dem Sozialressort. Die aktuelle Kapazität in den Bremer Unterkünften könnte durchaus noch erhöht werden. Davon geht Awo-Fachbereichsleiter Uwe Eisenhut aus. Die Awo betreibt die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber und Flüchtlinge mit 734 Plätzen an der Lindenstraße sowie die Unterkunft für Frauen und Kinder an der Kreinsloger Straße in Blumenthal mit 60 Betten. Beide Einrichtungen seien zu rund 80 Prozent ausgelastet.

„In einigen Wohnheimen werden die Zimmer großzügig belegt. In manchen Vier-Bett-Zimmern wohnen Alleinstehende mit zwei Kindern. Da ist es schwierig, ein fremdes Kind unterzubringen. Oder in einem Zimmer leben alleinstehende Männer, die von den Nationalitäten passen“, berichtete Eisenhut. Doch: „Bevor Menschen auf der Straße wohnen“, könnten die Zimmer effektiver belegt werden. Für ihn seien die Bilder an der griechisch-türkischen Grenze nur schwer auszuhalten: „So kann es nicht bleiben.“

Nordbremer Einrichtungen in gutem Zustand

Weitere Plätze bieten die Unterkünfte Am Rastplatz in Lesum und an der Ermlandstraße in Blumenthal. Die Gebäude in Holzrahmenbauweise sind nach Aussage von Bernd Schneider noch fast neu. Die Unterkunft Am Rastplatz wird von der Inneren Mission betrieben. Derzeit ist die Kapazität Am Rastplatz nicht ausgeschöpft, sagt Sprecherin Anke Mirsch. Sie spricht von 30 freien Plätzen am Rastplatz. Auch in den anderen Unterkünften, die die Innere Mission betreibt, gebe es noch Kapazitäten. Anke Mirsch: „Insgesamt gibt es zirka 150 freie Plätze in unseren fünf Einrichtungen.“

Nach den Worten von Bernd Schneider aus dem Sozialressort beträgt die Nennkapazität in der Einrichtung am Rastplatz 270 Plätze. „Die Nennkapazität ist eine abstrakte Größe und immer etwas höher als die faktische, weil man kaum alle Plätze belegen kann. So bleiben zum Beispiel im Sechsbettzimmer einzelne Betten unbelegt, wenn dort gerade eine Familie mit einem oder zwei Kindern eingezogen ist; man bringt dann nicht zwei alleinstehende Personen oder ein weiteres Paar in so einem Zimmer unter.“

Um die Geflüchteten an der Ermlandstraße kümmert sich der Arbeiter-Samariter-Bund. Die Kapazität wird von der Behörde mit 180 Plätzen beziffert. Weitere 90 Plätze gibt es in der von den Johannitern betriebenen Unterkunft an der George-Albrecht-Straße. Das Haus sei als früheres Altenheim ein großer Komplex und in gutem Zustand, so Schneider.

Das vom Arbeiter-Samariter-Bund betriebene blaue Dorf mit 140 Plätze, die Containersiedlung in Grohn, sei wegen seiner Architektur sogar bundesweit als vorbildlich gefeiert worden. „Die Modulbauten sind auf langfristige Nutzung ausgelegt“, so Schneider.

Alle Nordbremer Einrichtungen seien in gutem Zustand. „Einrichtungen in niedrigerem Standard wurden im Zuge des Platzabbaus geschlossen, Einrichtungen mit höheren Standards sind erhalten geblieben.“ Dabei spielte auch die Wirtschaftlichkeit eine Rolle: unter anderem die Dauer von Mietverträgen.

Die höchste Miete für eine Flüchtlingsunterkunft nördlich der Lesum zahlt Bremen laut einer verwaltungsinternen Übersicht zu Mietobjekten aus dem Jahre 2016 für die Zast: Die Bührmann-Gruppe bekommt demnach jährlich mehr als zwei Millionen Euro. Die Laufzeit des Vertrages war auf zehn Jahre festgelegt worden.

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