Interview mit Nabu-Landesvorsitzendem

NABU-Vorsitzender über Artenvielfalt und Virenverminderung

Holger Buschmann ist Landesvorsitzender des Nabu in Niedersachsen. Im Interview äußert er sich zum Volksbegehren Artenschutz und warum Artenvielfalt das Entstehen gefährlicher Viren vermindert.
20.04.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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NABU-Vorsitzender über Artenvielfalt und Virenverminderung
Von Peter Mlodoch
NABU-Vorsitzender über Artenvielfalt und Virenverminderung

Dunkle Wolken über blühenden Wiesen: Nabu-Chef Holger Buschmann sieht die Natur bedroht, wenn zu wenig für den Klimaschutz und gegen das Artensterben unternommen wird.

Jan-Philipp Strobel /dpa

Herr Buschmann, das von Nabu, Grünen, Imkern und anderen Verbänden in Niedersachsen angestoßene Volksbegehren Artenschutz liegt wegen der Corona-Krise auf Eis. Laufen Ihnen da nicht wichtige Fristen davon?

Holger Buschmann: Nein. Wir haben die Initiative noch nicht bei der Landeswahlleiterin eingereicht. Insofern sind wir relativ entspannt. Wir können abwarten, bis es weitere Lockerungen gibt. Sobald die Kontaktsperre aufgehoben wird, sobald es also die Möglichkeit zum Sammeln der Unterschriften gibt, können wir damit auch ziemlich schnell loslegen. Wir sind gut vorbereitet; natürlich werden wir alle erforderlichen Hygienevorschriften beachten.

Wann erwarten Sie denn den Start?

Das ist schwer zu sagen. Wir wollen natürlich unbedingt noch in diesem Jahr beginnen.

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Rechnen Sie überhaupt noch mit einer ausreichenden Unterstützung? Die Menschen haben derzeit doch ganz andere Sorgen.

Natürlich müssen wir schauen, wie sich die Corona-Krise und insbesondere die Todeszahlen entwickeln. Aber andere wichtige Probleme bleiben. Nach wie vor geht es mit der Artenvielfalt drastisch bergab. Wenn wir nichts gegen das Artensterben oder die Klimakrise tun, werden auch Pandemien zunehmen. Es liegt also im eigenen Interesse der Bevölkerung, hier unbedingt aktiv zu werden. Das wird auch immer mehr Menschen deutlich. Sie merken, es läuft etwas aus dem Ruder. Und sie wollen etwas dagegen tun. Unsere steigenden Mitgliederzahlen zeigen das. Insofern sehen wir sehr gute Chancen, unser Volksbegehren durchzubekommen.

Nabu-Chef Holger Buschmann.

Nabu-Chef Holger Buschmann.

Foto: NABU/Mareike Sonnenschein

Begünstigt der Artenschwund tatsächlich das Aufkeimen gefährlicher Viren? Ist das nicht eher eine Verschwörungstheorie?

Es gibt dazu wissenschaftliche Studien. Diese zeigen, dass das Entstehen solcher Viren und auch die Übertragungsmöglichkeiten auf den Menschen steigen, wenn die Artenvielfalt abnimmt und wenn die Ökosysteme nicht mehr funktionieren. Wenn ich die vorhandenen funktionierenden Lebensräume Stück für Stück reduziere und vereinheitliche, dann habe ich nur noch wenige Organismen, die sich weit verbreiten. Ein geschädigtes Ökosystem kommt dann mit der Bekämpfung solcher Viren nicht mehr hinterher. Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass wir in Zukunft mehr solcher Pandemien bekommen werden, wenn wir so weitermachen wie bisher.

Müssen Sie nicht trotzdem befürchten, dass Politik und Gesellschaft nach dem Ende der Krise alles dem Wiederaufbau der Wirtschaft unterordnen? Also auch und gerade Klima- und Artenschutz?

Ja, das ist das große Risiko. Das aber würde einen Rückfall in ganz alte Zeiten bedeuten. Damit wären wir schlecht beraten. Artensterben und Klimawandel würden sich nur noch mehr beschleunigen. Damit sägen wir den eigenen Ast, auf dem wir sitzen, noch schneller ab als bisher schon.

Wirtschaft, Verkehr und Tourismus stehen weitgehend still. Freut Sie das als Naturschützer nicht?

Was heißt freuen? Einige Einschränkungen tun der Natur sicher gut. Wir müssen aber sehen, inwieweit wir unsere Gesellschaft auf so einer Basis tragen können. Wir brauchen die Wirtschaft für unser Leben, selbstverständlich. Wir müssen aus dieser Krise aber lernen, was für uns in Zukunft verzichtbar ist und wie wir dadurch die Klimakrise und den Artenschutz in den Griff bekommen können. Die massiven Effekte der Energieeinsparung, die wir gerade erleben, brauchen wir auch später. Das ist allemal besser als der Ruf nach immer mehr Wachstum. Wir brauchen eine nachhaltige Wirtschaft, die tatsächlich mit der Ökologie in Einklang steht und unsere Lebensgrundlagen nicht zerstört. Das kann uns die Corona-Krise lehren.

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Sie haben das Volksbegehren angestoßen, weil die SPD/CDU-Landesregierung aus Ihrer Sicht zu wenig für den Artenschutz getan hat. Nach Ihrer Ankündigung gab es plötzlich Bewegung. Reicht das nicht?

Nein, überhaupt nicht. Wir befinden uns nach wie vor in Gesprächen mit der Landesregierung sowie Vertretern aus Landwirtschaft und anderen Verbänden. Es sind zwar Millionenhilfen für die Umwelt genannt worden. Es gibt aber nichts Handfestes, keine Beschlüsse, erst recht keinen Gesetzentwurf. Eine Einigung auf elementare Verbesserungen ist bisher nicht in Sicht. Ein Volksbegehren ist daher alles andere als überflüssig.

Das Gespräch führte Peter Mlodoch.

Info

Zur Person

Holger Buschmann (47) ist seit 2008 Landesvorsitzender des Naturschutzbundes Nabu, der mit 110.000 Mitgliedern größten Umweltorganisation im Land Niedersachsen. Davor war der promovierte Diplom-Biologe unter anderem an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich und an der Universität Göttingen wissenschaftlich tätig. Der 47-Jährige stammt aus dem Landkreis Schaumburg.

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