Interview mit Tourismusforscher

Wie Corona das Reisen verändern wird

Wie wird Corona das Reiseverhalten der Deutschen verändern? Tourismusforscher Martin Lohmann spricht im Interview über Heimaturlaub in Pandemie-Zeiten und den Reiz von Fernreisen.
07.06.2020, 06:00
Lesedauer: 5 Min
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Wie Corona das Reisen verändern wird
Von Nico Schnurr
Wie Corona das Reisen verändern wird

Tourismusforscher Martin Lohnmann geht davon aus, dass der Heimaturlaub – wie hier im Harz – in diesem Sommer bei den Deutschen hoch im Kurs stehen wird.

RONNY HARTMANN

Herr Lohmann, die Bundesregierung will die Reisewarnung für EU-Länder und einige weitere Staaten aufheben. Wird es also doch ein Sommer wie jeder andere?

Martin Lohmann: Ein gewöhnlicher Reisesommer wird es ganz bestimmt nicht. Das liegt weniger am Coronavirus selbst, sondern an der gesellschaftlichen Reaktion darauf. Wir haben Maßnahmen akzeptiert, die vor Monaten noch undenkbar gewesen wären. Das bleibt nicht ohne Folgen für den Tourismus. Selbst wenn die Reisewarnungen für einige Länder aufgehoben werden, ist es in diesem Sommer schwer vorherzusagen, wie der Reisemarkt funktioniert.

Versuchen Sie es trotzdem mal.

Klar ist: Es wird in diesem Sommer ein geringeres Angebot geben. Fernreisen werden wohl ausfallen, und auch in Europa werden die Kapazitäten begrenzt sein. In den Flugzeugen werden Plätze frei bleiben müssen, auch in den Reisebussen. Die Hotels werden ebenfalls vorsichtig sein und schauen, dass es in ihren Häusern nicht zu voll wird.

Das heißt, es wird nicht genug Angebot ­geben für alle, die reisen wollen und können?

Das denke ich nicht. Das Angebot wird begrenzt sein, die Nachfrage aber auch. Ein nicht so geringer Teil der Deutschen ist gerade in Kurzarbeit, manche haben ihren Job verloren. Die wirtschaftliche Situation wird einige ins Zögern bringen, ob sie in diesem Sommer wirklich verreisen sollten.

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Tourismusforscher Martin Lohmann

Foto: Frank Molter
Sie haben mal gesagt, dass Wirtschaftskrisen das Reiseverhalten der Deutschen kaum beeinflussen.

Langfristig gesehen stimmt das. Man darf aber nicht vergessen, dass so eine Pandemie auch psychologische Folgen hat.

Was meinen Sie?

Über Monate sind die Menschen in ihrem Bewegungsradius sehr eingeschränkt gewesen. Man ist zuhause geblieben und hat abgewartet. Viele werden sich längst an diesen Modus gewöhnt haben. Sie haben sich in ihrer Angst eingenistet.

Eine gewisse Vorsicht ist ja auch weiterhin angebracht.

Bei vielen ist die automatisch da. Sie haben während der Krise gelernt, dass sie nicht Herr der Vorgänge sind. Das führt zu einer neuen Unsicherheit und hemmt die Reiselust. Allerdings trifft das auch nicht auf alle zu. Ich beobachte auch, dass nicht wenige fast vor Freiheitsdrang platzen und es gar nicht abwarten können, bis die Grenzen öffnen. Man kann trotz der allgemeinen Vorsicht und der wirtschaftlichen Krise davon ausgehen, dass ein großer Teil der Deutschen auch in diesem Jahr Urlaub machen will.

Warum sind Sie sich da so sicher?

Weil die Deutschen sehr viel Positives mit dem Reisen verbinden. Und weil sich bei einigen die Einsicht durchsetzen wird, dass in Pandemie-Zeiten überall ein Risiko besteht. Anstecken kann man sich ja theoretisch an jedem Ort in Europa. Deswegen werden sich viele fragen: Warum sollte ich zuhause bleiben und nicht verreisen, wenn es doch an mir liegt? Die Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen lassen sich ja auch am Strand einhalten.

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Aber hat das noch viel mit Urlaub zu tun?

Es kann schon sein, dass sich die Reise in diesem Sommer weniger nach Urlaub anfühlen wird als sonst. Urlaub bedeutet ja eigentlich: Man ist Herr seiner Taten, die Regeln des Alltags haben Pause. Das wird in diesem Jahr anders sein. So schlimm ist ein bisschen Abstandhalten am Strand nun aber auch wieder nicht, dass es einen gelungenen Urlaub unmöglich machen würde. Da ist die Wassertemperatur für Badegäste an der Nordsee immer noch die größere Hürde.

Alle an die Nordsee also, oder wohin werden die Leute reisen?

Urlaubsziele in Deutschland werden besonders beliebt sein. Der eine oder andere Fernreisende wird in diesem Sommer vielleicht feststellen, wie schön die Heimat sein kann.

Eine Wiederentdeckung des Urlaubs vor der Haustür?

Das klingt ja so, als wären die Leute nie vor ihrer Haustür unterwegs. Auch jemand, der nach Thailand fliegt, hat seinen Winterurlaub vielleicht schon in der eigenen Gegend verbracht. Deutschland ist auch den Fernreisenden nicht fremd, aber wahrscheinlich lernen sie den Urlaub im Inland in diesem Sommer besonders zu schätzen.

Gute Nachrichten für die deutsche Tourismusbranche.

Einen wahnsinnigen Aufschwung sollte man nicht erwarten. In absoluten Zahlen ist das, was in den vergangenen Monaten weggefallen ist, in diesem Jahr nicht mehr reinzuholen.

Wird der Inlandsurlaub den Trend zu Fernreisen nach diesem Sommer vielleicht ablösen?

Nimmt man die Vergangenheit als Maßstab, dürften Urlauber in diesem Sommer sagen: Ach, der Harz hat doch auch was, der Dümmer sowieso. Wirklich schön dort, und weil das so ist, mache ich im kommenden Jahr nicht nur einen Thailand-Trip, sondern auch noch mal einen Kurztrip vor der Haustür. Der Inlandsurlaub wird für viele langfristig wohl keine Alternative sein, sondern eher eine Ergänzung.

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Geht es nach der Pandemie einfach so weiter mit den Fernreisen?

Ich denke schon. Die grundsätzliche Attraktivität der Fernreiseziele fällt ja nicht weg. Die Entwicklung, dass jemand in Zukunft auf Fernreisen verzichtet, weil es im Harz und am Dümmer so schön ist, wird es wahrscheinlich nicht geben.

Auch die Klimadebatte hat der Beliebtheit der Fernreisen nicht geschadet.

Bis zur Pandemie ist der Trend ungebrochen gewesen. Die Flugdistanzen sind kontinuierlich gewachsen. Im vergangenen Jahr hat es trotz der Diskussionen ums Klima mehr Flugreisen als je zuvor gegeben. Die Kritik am Fliegen wird mehr, aber auch die Flüge selbst nehmen zu.

Irgendwie paradox.

Viele Touristen haben schon länger ein mulmiges Gefühl, wenn sie ins Flugzeug steigen, aber ändern wollen sie ihr Verhalten trotzdem nicht.

Warum handeln Touristen so widersprüchlich?

So widersprüchlich finde ich das gar nicht. Menschen sind doch keine eindimensionalen Wesen. Sie haben nicht nur ein Interesse. Immer mehr Leuten ist Nachhaltigkeit wichtig, aber das ist eben nicht die einzige Sache, die für sie zählt. Viele wollen auch etwas erleben, Spaß haben, die Neugierde befriedigen, den Horizont erweitern, aus dem Alltag ausbrechen.

Und das geht nur mit Fernreisen?

Natürlich kann man sich fragen, ob diese Effekte nur eintreten, wenn man 2000 Kilometer fliegt. Viele Deutsche halten Fernreisen aber für unersetzlich. Das bedeutet nicht, dass sie ständig welche machen müssen. Die Leute werden nun nicht völlig am Boden zerstört sein, weil sie mal ein Jahr nicht nach Mexiko reisen können. Trotzdem wird für viele auch nach der Pandemie gelten: Wer mittelamerikanische Kultur kennenlernen will, muss halt hinfliegen.

Macht Sinn, aber sorgt vielleicht dafür, dass so etwas kommenden Generationen vorenthalten bleibt.

Seit Jahrzehnten gibt es Nachrichten über die Umweltzerstörung. Gemessen daran ist nicht viel passiert. Der Tourismus ist noch immer nicht besonders nachhaltig. Da musste erst eine Pandemie kommen, dass die Deutschen anders Urlaub machen.

Und nach der Krise gibt es womöglich großen Nachholbedarf?

Natürlich werden Fernreisen, die in diesem Jahr ausgefallen sind, nachgeholt werden. Dass die Deutschen nach der Pandemie viel mehr reisen als vorher, glaube ich aber nicht. Dafür dürfte die Zeit fehlen, die Urlaubstage sind ja begrenzt. Das gilt auch für das Geld. Wirtschaftlich werden die Zeiten erst mal ­unsicher bleiben. Da verzichtet man dann ­vielleicht doch auf die zweite Fernreise im Jahr.

Das Gespräch führte Nico Schnurr.

Info

Zur Person

Martin Lohmann

ist Professor für Wirtschaftspsychologie an der Uni Lüneburg. Er beschäftigt sich vor allem mit Konsumentenverhalten und Tourismus. Zudem ist er Geschäftsführer des Instituts für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa in Kiel.

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